13. Juni

Wenn man beginnt, sich mit der Welt der Kunst und Kultur zu beschäftigen, dann wird man im ersten Augenblick fast erschlagen von der Fülle an Möglichkeiten.

Aber das macht auch ihren Reiz aus, denn dadurch sind keine zwei Bildungsverläufe vollkommen gleich. Es erinnert mich immer ein wenig an das Glasperlenspiel – auch wenn zwei Meister zufällig dieselben Schlüssel wählen, so würde sich doch je nach Persönlichkeit ein ganz anderes Spiel ergeben. Und genau so ist es auch hier – selbst wenn sich zwei Personen auf die Barockmusik werfen und sich daneben mit impressionistischer Malerei und englischer Literatur des frühen 20. Jahrhunderts beschäftigen, so werden doch beide je nach persönlicher Vorliebe zu ganz anderen Werken greifen und auch zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen. Und beide werden für ihr Leben ganz andere Dinge daraus ziehen.

Vielleicht ist die intensive Beschäftigung mit dieser Welt heute deshalb so verpönt? (Welcher Vater möchte schon, dass sein Sohn ein „Künstler“ wird?) Ist sie doch zugleich zutiefst demokratisch (jeder kann sich ihr mit Hingabe nähern) und hochgradig chaotisch (die Beschäftigung mit ihr hat kein erklärtes Ziel und ergibt auch keinen messbaren Gewinn).

Mein persönlicher Ansatz schwankte seit jeher zwischen dem eines Gourmets und dem eines Gourmands – auf der einen Seite wollte ich die Werke möglichst tief durchdringen und verstehen, auf der anderen Seite wollte ich möglichst schnell die ganze Welt der Kunst und Kultur kennenlernen.

Heute denke ich manchmal, dass dieser Wunsch etwas vermessen ist. Aber doch.

Aber doch! Manche Menschen wollen auf den Mars fliegen, andere die 100 Meter in 9,27 Sekunden laufen. Wieso also soll ich in den nächsten Jahren nicht 1001 Musikwerke studieren, 1001 wertvolle Bücher lesen und 1001 Gemälde kennenlernen?

Und auch wenn ich schon scheitere, wie schön ist doch der Weg dorthin!