Ich habe schon öfter darüber gesprochen was passiert, wenn wir uns von unserer Kultur abwenden und die Bildung unserer Kinder vernachlässigen. Dass wir uns damit nicht nur von 500 Jahren menschlicher Entwicklung abschneiden, sondern dass wir als einzelner Mensch geistig und seelisch verkümmern und als Gesellschaft die Regeln unseres Zusammenlebens auf dramatische Weise neu definieren.

 

 

Heute haben wir die klassische Kultur aus dem Leben verdrängt. Für manche ist sie noch eine individuelle Bereicherung, aber im Großen und Ganzen führt sie ein Schattendasein am Rande unserer Gesellschaft.

Wir wissen schon gar nicht mehr, wozu sie uns dienen könnte und geben uns mit Bruchstücken von Bruchstücken zufrieden. Auch unsere Kinder schicken wir auf Schulen, in denen sie mit ein paar Kompetenzen gefüttert werden, anstatt sie in einem tieferen Sinne zu bilden.

Diesem lückenhaften Wissen fehlt jede synthetisierende Kraft, denn es ist Stückwerk, das beziehungslos nebeneinandersteht und deshalb für unser Leben nicht fruchtbar werden kann.

 

 

Viele halten diese Entwicklung für einen Fortschritt. Sie empfinden sich selbst als aufgeklärt und geistig frei und glauben, je unbelasteter der Kopf mit Wissen ist, desto leichter kann man ihn mit jenen Informationen füllen, die gerade am Arbeitsmarkt gefragt sind.

Aber das ist ein fataler Irrtum und das Aufwachen aus dieser Illusion wird für sie und ihre Kinder grauenhaft sein.

 

 

Es gibt aber auch viele Menschen die bereits erkannt haben, dass diese Entwicklung falsch ist, sie hinterfragen und nach Erklärungen suchen.

Als Antwort bekommen sie dann oft zu hören: Wir leben im Endstadium des Kapitalismus, die zunehmende Digitalisierung überfordert unsere Gehirne oder alles ist „von oben“ gesteuert um uns unmündig und dumm zu halten.

Im Internet findet man noch ein Dutzend weitere Theorien dieser Art.

 

 

Natürlich wird in jeder dieser Antworten ein Körnchen Wahrheit stecken, denn die Probleme unserer Welt sind zu komplex um sich auf eine Ursache zurückzuführen zu lassen. Trotzdem finde ich, dass sie alle zu kurz greifen.

Weil wir selbst sind es, die den Fernseher einschalten anstatt ein Buch zu öffnen. Wir selbst entscheiden uns, jeden Abend vor dem Computer zu sitzen, anstatt ins Konzert zu gehen.

Dazu zwingen uns weder der „Kapitalismus“ noch die digitalen Medien und schon gar nicht irgendwelche finsteren Mächte.

Sondern wir alleine sind für diese Entscheidungen verantwortlich.

 

 

Was könnten dann die Ursachen sein? Wieso wenden wir uns von unserer Kultur ab und tauschen sie gegen ein Leben in einer geistlosen Umwelt?

Mit all den tragischen Konsequenzen, die das für die Gesellschaft und die Zukunft unserer Kinder hat?

 

 

Einen Hinweis darauf kann uns die Hirnforschung geben.

Ich will jetzt nicht auf alle Einzelheiten eingehen, aber die Schlussfolgerungen aus den neuesten Studien sind absolut essentiell.

Unser Gehirn ist, entgegen der bisherigen Meinung, bis ins hohe Alter hinein flexibel und entwickelt sich immer weiter ums ich an geänderte Lebensumstände anzupassen.

Dabei lernt es die neuen Erfahrungen umso schneller und gründlicher je häufiger die fremden Reize auftreten, je intensiver sie sind und je stärker sie mit Emotionen besetzt sind.

 

 

Diese Erkenntnisse sind wichtig, wenn man die heutige Zeit und unsere Abhängigkeit von den neuen Medien verstehen will.

Denn Fernsehen und Internet sind mittlerweile die bestimmenden Faktoren in unserem Leben. Sie sind leicht zu verstehen, sie wirken hochgradig emotional und sie verstärken uns andauernd durch positive Belohnungen.

 

 

Im Gegensatz dazu sind Bildung und Kultur (mit allem was dazugehört wie eine differenzierte Sprache, Literaturverständnis und die schönen Künste) schwer zu verstehen und um einen Gewinn aus ihnen zu ziehen muss man sich über einen langen Zeitraum mit Konsequenz und Hingabe um sie bemühen.

 

 

Bis vor zwei Generationen hatten noch viele Menschen die Möglichkeit sich selbst dafür oder dagegen zu entscheiden, denn der Grundkanon unserer Kultur wurde an den Schulen vermittelt.

Heute hat sich jedoch der Großteil der Eltern und Lehrer an den vorherrschenden Zeitgeist angepasst und hält die Beschäftigung mit dem tradierten Bildungskanon für nicht mehr nötig.

 

 

Was wirklich tragisch ist. Denn der europäische Bildungskanon besteht aus Werken die grundlegend auf unsere Kultur und unser Menschsein gewirkt haben. Und die heute noch Einfluss auf unseren Geist und unser Gefühlsleben haben müssten, wenn wir unsere Kultur und ihre Werte am Leben erhalten wollen.

 

 

Wohin die Abkehr davon führt das können wir heute überall sehen. Gewalt in den Schulen, Analphabetismus bei Kindern, Jugendliche die unfähig sind eine Lehre oder ein Studium zu beginnen und eine Sinnkrise in der Erwachsenenwelt, die zunehmend mit Alkohol und Drogen bekämpft wird.

 

 

Aber noch immer sieht der Großteil der Menschen keinen Zusammenhang zwischen Bildung und Kultur auf der einen und der individuellen Entfaltung der Persönlichkeit in einem funktionierenden Gemeinwesen auf der anderen Seite.

Dieses Verdrängen beeinträchtigt aber nicht nur uns persönlich, sondern wir verändern damit massiv das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und beschneiden unsere Kinder um eine glückliche und sinnerfüllte Zukunft.

 

 

Eine Bildung, die ihren Namen verdient, könnte dem entgegenwirken. Denn durch sie würde man nicht nur lernen, wie man leben soll, sondern vor allem wieso und auf welche Art und Weise.

Dadurch könnten die jungen Menschen endlich wieder einen Sinn in ihrem Leben finden. Sie hätten die Möglichkeit einen Bezug zur realen Welt herzustellen und ein Ziel, das über sie hinausweist und weit größer ist als ein Brotberuf oder das neueste Spielzeug auf dem Markt.

Und auch wir als Gesellschaft könnten von neuem eine gemeinsame moralische Basis aufbauen, die unser Zusammenleben regelt. Denn diese kann nur durch eine fortwährende Auseinandersetzung mit unserer Kultur und den Gedanken und Werten auf denen sie fußt am Leben erhalten werden.

 

 

Deshalb müssen wir den Mut aufbringen, unseren Bildungskanon neu zu definieren.

Wir müssen begreifen, dass es Werke gibt, die es wert sind erhalten zu bleiben und an denen jede Generation von neuem ihren Geist und ihre Seele schärfen muss.

Der Kanon dieser Werke ist weder beliebig noch unendlich groß und es geht dabei weder um ein lexikalisches Wissen noch um ein stures auswendig lernen von Tatsachen.

Vielmehr ist ein Verstehen und in sich Aufnehmen bestimmter Werke nötig, um darauf aufbauend zu einer Veränderung der Persönlichkeit und ihrer Entfaltung auf die für unsere Kultur am besten geeignete Art und Weise zu gelangen.

 

 

Doch zuerst müssen wir Erwachsene uns diesen Kanon wieder erarbeiten. Wir müssen wieder Raum schaffen für Kunst und Kultur und ein positives Beispiel dafür sein, wie uns diese Werke als Mensch beeinflussen. Um aus dem heraus als Vorbild für unsere Kinder zu dienen.

Damit wir alle gemeinsam eine erfüllte Zukunft in dieser Welt haben.

 

 

Hier geht es zum zweiten Teil: Bildungskanon 02

 

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