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Bunte Steine

Bunte Steine

Stifter lesen ist für mich wie Atem holen. Immer, wenn ich eines seiner Bücher aufschlage, werde ich aus der Zeit heraus in eine andere Welt geworfen.

Nicht in eine der heute so beliebten Fluchtburgen mit Elfen und ihren Abenteuern. Sondern in eine, in der die Zeit langsamer vergeht, in der man zur Ruhe kommt und seinen Herzschlag spürt.

 

Ich habe nie verstanden, wieso die Menschen keinen Zugang zu ihm finden. Wieso sie ihn veraltet nennen und in seiner überbordenden Sprache keinen Sinn mehr entdecken.

Aber Robert Schneider hat es einmal so ausgedrückt:

„Stifter las sie in den hellen, schlafentwöhnten Nächten. Immer wieder Stifter. Als Internatsschülerin im Sacré-Coeur auf der Riedenburg, hoch über dem Bodensee, hatte sie ihn lesen müssen und ihn gehasst. Damals war Stifter für sie der Inbegriff der Langeweile.

Das Codewort stifterisch wirbelte eine Zeitlang blaubestrumpft durch die hochräumige Klasse. Ist das ein stifterischer Tag. Du stifterische Spielverderberin. Gähn, ist mir stifterisch.

Nach Dietrichs Tod war ihr ein vertrocknetes, ledergebundenes Buch mit Goldschnitt in die Hände gefallen – die Bunten Steine -, und als sie die Vorrede las, musste sie plötzlich weinen, konnte sie wieder weinen.“ 1

 

Und damit hatte er wahrscheinlich Recht. Die Menschen finden ihn einfach langweilig!

Aber es ist mehr als das. Die Menschen haben Angst vor seiner Ruhe und davor, sich zischen seinen Worten ungeschminkt im Spiegel zu entdecken.

 

Vielleicht ist Stifter wirklich langweilig. Ich kann das nicht beurteilen, denn wo man liebt, da ist man blind.

Aber was heißt das schon, langweilig? Ist es nicht viel langweiliger, seine Zeit mit geistlosen Menschen zu verbringen? Vor dem Fernseher zu sitzen? Durch die Welt zu rasen und zu vergessen, dass man eine Seele hat?

Kann ein Ding an sich langweilig sein? Sind es nicht vielmehr wir Menschen, die keinen inneren Reichtum mehr besitzen und deshalb sehnsüchtig nach allzu lauten Bildern schielen?

 

Langeweile ist überhaupt ein seltsames Wort. In meinem Leben kenne ich sie kaum und wenn, dann als etwas Ruhiges das mir Raum zum Atmen gibt.  

Bekäme es dadurch nicht eine weit schönere Bedeutung? Lange Weile haben, Zeit haben, Muße haben.

 

Noch bei den antiken Griechen war Muße eines der wichtigsten Merkmale eines freien Menschen. Die Möglichkeit über seine Zeit selbst zu bestimmen, nicht arbeiten zu müssen, sondern einfach zu sitzen und zu träumen.

Doch wie weit sind wir heute davon entfernt.

Unsere Welt, bis in die letzte Faser durchtränkt vom Geist des Kapitalismus, hat keinen Platz mehr für Zeiten der Ruhe.

 

Für uns ist alles nur noch Mittel zum Zweck.

Ruhe als Gesundheitsvorsorge, Meditation, Quality time, alles dient nur noch dazu, uns fitter für die Arbeitswelt zu machen.

Und kaum jemand merkt, wie wir uns dadurch entmenschlichen.

 

Denn wir besitzen keine Muße mehr, die für uns fruchtbar wäre.

Wir laufen mit Kopfhörern durch die Gegend, während der Massage checken wir unsere Nachrichten und beim Meditieren werden wir vom Brummen unserer Smartphones geweckt.

Was nur allzu verständlich ist, denn wir haben die Muße aus unserem Leben verbannt und als das Böse gebrandmarkt.

Das Einzige, das wir noch besitzen, ist Langeweile.

 

Schon Charles Baudelaires hat diesen Zustand als das bestimmende Gefühl des modernen Menschen beschrieben.

Etwas, in dem sich Ekel und Abscheu mit der Entfremdung gegenüber dem Dasein verbinden.

„In der schändlichen Menagerie unserer Laster
Ist eines noch hässlicher, noch bösartiger, noch schmutziger!
[…]
Die Langeweile ist’s!“ 2

 

Da tut es gut, wieder zu A. Stifter zurückzukehren.

„Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, dass ich nur das Kleine bilde, und dass meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.“ 3

 

Stifter spricht davon, dass es die nebensächlichen Dinge sind, die unser Herz berühren. Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers oder das Wachsen des Getreides.

 

Heute sind wir davon schon weit entfernt. Für uns zählen nur die schlimmsten Dinge, Erdbeben, Hochhäuser die einstürzen und globale Hungersnöte.

Alles andere langweilt uns.

Und in Wirklichkeit berührt uns nicht einmal mehr das. Wir sehen täglich tausend Tode, spüren dabei einen wohligen Schauer und greifen zum nächsten Bier.

 

Aber was passiert mit unserer Welt, wenn uns die Dinge nicht mehr nahegehen?

Wenn wir vergessen, welche Schönheit in einem Gedicht von Goethe liegt, einer Mozart Sonate oder einer kleinen Blume?

Können wir das alles nicht mehr sehen, weil wir zu seelenlosen Automaten wurden?

 

Ich glaube, dass es für uns zu spät ist, die Richtung unseres Lebens ein wenig zu ändern. Ein paar neue Verhaltensweisen zu lernen, abends eine Stunde zu lesen und am Wochenende in den Wald zu gehen.

Dieser Zeitpunkt ist vorbei.

 

Aus der Luftfahrt kennen wir den Begriff der Schubumkehr. Er meint das Prinzip des Abbremsens eines Fahrzeuges durch Umlenken seines Schubes entgegen der Bewegungsrichtung.

 

Genau das müssen wir auch machen. Umkehren, einen Schritt zurückgehen und die Langeweile aushalten. Durch sie hindurchgehen, um vielleicht wieder Momente der Muße zu empfinden.

 

Und dabei kann uns A. Stifter helfen. Durch seine Geschichten, die zeigen, dass die Schönheit im Kleinen liegt. In einem ruhigen Leben.

Oder, wie er einmal sagte: „Ein Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesmäßigkeit, Wirksamkeit in seinem Kreis, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben, halte ich für groß.“ 3

 

 

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1   Die Luftgängerin – Robert Schneider
2   Die Blumen des Bösen – Charles Baudelaire
3   Bunte Steine – Adalbert Stifter

2 Comments

  1. Ein schöner kluger Text zu Stifter! Danke!

    Antworten
    • Hallo Rebecca und danke, das freut mich sehr!

      Ich mag ja Stifter sehr gerne, auch wenn es jedes Mal wieder eine Herausforderung ist.

      Antworten

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