Ich war immer davon überzeugt, dass Rotwein das Nationalgetränk der Spanier ist. Doch inzwischen habe ich mich aufklären lassen, dass in Wirklichkeit das Bier und der Kaffee die beliebtesten Getränke in Spanien sind.

 

Was mich ein wenig verwundert hat, ist, wie sehr sich die spanische Kaffeetradition von der unsrigen unterscheidet.

Denn in Spanien kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit beobachten, wie Menschen bei einem kleinen Kaffee sitzen oder in geselliger Runde eine der unzähligen Kaffeespezialitäten genießen.

 

Für uns Mitteleuropäer hält der spanische Kaffee noch eine weitere Überraschung bereit.

Durch den höheren Anteil an Robusta Bohnen und einer besonderen Zubereitungsart (bei der Röstung wird Zucker beigemengt, der karamellisiert) schmeckt der Kaffee zwar milder, ist aber deutlich stärker, als wir ihn gewohnt sind.

Außerdem muss man aufpassen (vor allem, wenn man kein spanisch spricht), denn in Spanien gibt es viele Kaffeespezialitäten, bei denen reichlich Alkohol verwendet wird.

 

Ein Kaffee, von dem die Spanier selber sagen, dass er „Feuer auf der Zunge, Samt in der Kehle und Wärme im Herzen“ verbreitet, ist der Carajillo.

Und obwohl er mit hochprozentigem Alkohol zubereitet wird und außerdem sehr stark ist, wird er in Spanien zu jeder Tageszeit getrunken, sowohl zum Frühstück als auch nach dem Abendessen.

 

Zu seinem Ursprung gibt es zwei Geschichten.

Die eine geht zurück auf die Zeit, als Kuba noch eine spanische Provinz war.

Damals wurden die spanischen Soldaten, weit entfernt von ihrer Heimat und dem Schoß ihrer Familien, im sinnlosen Kleinkrieg gegen die Sklaven der Zuckerrohrplantagen und der einheimischen Bevölkerung aufgerieben.

Um in diesem Kampf zu bestehen, mischten sie ihren Kaffee mit Rum und tranken sich so den nötigen Mut an.

Aus dem spanischen Wort für Mut aber, „coraje“, leitet sich das Wort Corajillo ab, woraus dann später das heutige „Carajillo“ entstand.

 

Die zweite Geschichte führt uns ins Barcelona des frühen 19. Jahrhunderts. Barcelona war damals schon eine der größten Städte des Kontinents und gleichzeitig das Zentrum für den Handel mit dem benachbarten Königreich Frankreich.

Hauptumschlagplatz der Waren war der Bahnhof Estación de Francia im Osten der Stadt, an dem täglich unzählige Fuhrleute ihre Waren anlieferten.

Da sie immer übermüdet und in Eile waren, verlangten sie, dass die Kellner den Rum schon vorher in den Kaffee schütteten und sich dabei beeilten.

„Posa’m-ho junt que ara guillo….“. (Stellt es neben mich, jetzt bin ich in Eile) war der Ausspruch, für den sie bekannt waren.

Wodurch sich dann später aus dem Ausdruck „ara guillo“ der Begriff „carajillo“ entwickelte.

 

Aber wie es auch sei, heute gibt es den Carajillo in den verschiedensten Zubereitungsarten und jede Region Spaniens hat dabei ihre besonderen Vorlieben.

In Katalonien etwa wird er mit einem einfachen Brandy zubereitet und der Zucker wird gesondert serviert.

In der Provinz Castellón hingegen ist die Zubereitung etwas aufwendiger. Hier wird der Alkohol zuerst erhitzt, teilweise im Glas verbrannt und dann mit dem Kaffee aufgegossen.

 

Aber, wie gesagt, hierbei gibt es die verschiedensten Zubereitungsarten und je nach Region wird der Carajillo mit Whisky, Cognac oder Rum gemischt.

Und jede Provinz wird felsenfest davon überzeugt sein, dass gerade ihr Carajillo der einzig authentische ist.

 

Um ihn kennenzulernen, ist es wohl am einfachsten, einen starken Espresso in ein feuerfestes Glas zu geben und dazu etwas Rum, Whiskey oder Brandy und ein wenig Zucker anzubieten.

Wenn man aber einen wirklich einzigartigen Carajillo zubereiten möchte, dann sollte man einmal die Variante „quemado“ (gebrannt) versuchen.

 

Dafür gibt man zwei Kaffeebohnen, etwas Rum (oder Brandy) und ein Stück Zitronenschale in eine feuerfeste Tasse und erhitzt das mit der Dampfdüse der Espressomaschine.

Dann entzündet man die Mischung und karamellisiert in der Flamme einen Löffel Zucker, den man anschließend in die Tasse kippt.

Zum Schluss stellt man die noch brennende Mischung unter die Espressomaschine und löscht sie direkt mit dem frischen Kaffee.

 

Eine besonders im Sommer beliebte Zubereitung ist der „Café del tiempo“ (Kaffee der Jahreszeit).

Hierbei bekommt man meist einen mit Anis-Likör zubereiteten Carajillo zusammen mit einem Glas Eiswürfeln serviert.

Der Carajillo wird nun nach Geschmack gesüßt, in das Glas mit Eiswürfeln geleert und kalt genossen.

 

 

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