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Das Präludium 02

Das Präludium 02

Bisher haben wir uns hauptsächlich mit der Sprache der Musik und einigen musikalischen Grundbegriffen beschäftigt.

Ich hoffe, dass ihr dadurch einen Einblick in die klassische Musik gewonnen habt und jetzt nicht nur mehr wisst, sondern auch mehr zu hören und zu empfinden imstande seid.

Da wir jetzt eine tragfähige Basis haben möchte ich etwas mehr in die Breite gehen und versuchen, gemeinsam einige neue Musikstücke zu entdecken.

 

Ich habe im ersten Teil einen Link zu S. Rachmaninows Prélude in cis-Moll gesetzt, seinem mit Abstand populärstem Klavierstück und einem der bekanntesten Werke der Spätromantik.

Entstanden ist es 1892, als Rachmaninow gerade achtzehn Jahre alt war und sich anschickte, das Moskauer Konservatorium mit Bestnoten zu verlassen.

 

Sergei Rachmaninow, ein Musiker an einem Wendepunkt der Musikgeschichte.

Manche nenne ihnen den letzten Heroen einer untergehenden Epoche. Einen der letzten Musiker, die Komponist und Klaviervirtuose in Personalunion waren wie einst Beethoven, Chopin oder Liszt.

Geboren 1873 als Sohn wohlhabender Eltern in Nowgorod besuchte er schon mit neun Jahren das Konservatorium in Petersburg und galt bald als „der“ junge Komponist Russlands.

Finanziell unabhängig unternahm er Konzerttourneen durch Europa und die Vereinigten Staaten und kehrte 1910 als gefeierter Musiker auf sein Landgut in Russland zurück, um sich vorrangig der Komposition zu widmen.

 

Aber bedingt durch die Oktoberrevolution des Jahres 1917 und seine Emigration nach Schweden musste er sein beschauliches Leben aufgeben und wurde im reifen Alter von 45 Jahren zum reisenden Klaviervirtuosen.

Und dabei öffnete ihm nicht zuletzt die Bekanntheit seiner frühen Komposition zahlreiche Türen. Denn gerade die weltweite Verbreitung des Préludes verschaffte ihm den nötigen Ruhm um eine erfolgreiche und einträgliche Karriere als Konzertpianist zu starten.

 

Kommen wir zum Prélude und der Aufnahme von Evgeny Kissin.

 

 

Das Werk besteht aus den drei Hauptteilen Lento (0:16 – 2:02), Agitato (2:03 – 2:48) und wieder Lento (2:49 – 3:46) und endet mit der Coda.

 

Am Beginn stehen drei wuchtige Oktaven im fortissimo, ganz so als wollte uns Rachmaninow auf etwas Wichtiges hinweisen. Vielleicht etwas wie: „Hier bin ich!“, oder: „Mein Leben.“

Dann hört man die für russische Musik typischen Glocken im pianissimo (Oberstimme 0:28 – 1:00) die unterbrochen werden von melancholischen Passagen.

Für mich klingt das immer, als würde jemand am Fenster stehen, den Glocken zuhören und dazwischen immer wieder in sein Inneres lauschen.

 

Nachdem das Stück fast zum Stillstand kommt und im pianissimo zu enden scheint, kommt scheinbar aus dem Nichts der B-Teil (2:03 – 2:48).

Überschrieben mit „Agitato“ ist er ein virtuoser, erregter Triolenabschnitt, der sich über die ganze Länge beschleunigt und immer wilder und ungezügelter wird. Man hört das sehr gut in der Interpretation von E. Kissin.

Er endet mit zwei wuchtigen Akkorden im fortissimo die ohne Überleitung in den dritten Teil führen.

 

Jetzt kehrt schließlich das Anfangsmotiv zurück, aber welche Verwandlung hat es durchgemacht! Es kommt nicht ruhig tastend daher, sondern mit ungeheurer Wucht bricht es gleich einer Naturgewalt über den Zuhörer herein.

Nur langsam beruhigt sich das Stück, allmählich beginnt die Energie zu ermatten und die Musik führt uns in die Coda (3:46 – 4:30).

 

Bis an sein Lebensende spielte Rachmaninow das Werk immer wieder als Zugabe in seinen Konzerten.

 

Dazu noch eine kleine Geschichte aus seinen letzten Jahren über ein Konzert in Philadelphia im März 1933. 1

„Nachdem er seine Humoreske und die Gänseblümchen als Zugabe gespielt hatte, wollte der Applaus nicht nachlassen. Er trat wieder heraus, setzte sich ans Klavier und betrachtete nachdenklich die Tasten. Dann drehte er sich zum Publikum und machte eine ratlose Geste mit seinen Händen, als wollte er sagen: ´Ich glaube, mir fällt nichts mehr ein´.

Diese Szene war so bezaubernd, so menschlich, so intim nach dem rauschenden Konzert zuvor, dass die Leute ganz aus dem Häuschen waren. Eine Stimme rief: ´cis-moll!´

Rachmaninow lächelte, nickte und spielte das Prélude.“

 

1 aus: Rachmaninoff, Personal Reminiscences – The Musical Quarterly)

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