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Das Verschwinden der Kindheit 01

Das Verschwinden der Kindheit 01

Ich will in einer kleinen Reihe über die Kindheit sprechen. Ich möchte zeigen, dass wir heute ein massives Problem haben, weil sich unser Bild von ihr so stark verändert hat.

Dazu will ich ihre Spuren in der Geschichte verfolgen, aufzeigen wie sich unser gesellschaftliches Konstrukt von Kindheit entwickelte und daraus Schlüsse ziehen, wieso es gerade heute im Verschwinden begriffen ist.

 

Zur Zeit scheint kein kaum ein Thema so wichtig zu sein wie die Zukunft unserer Kinder. Die Buchhandlungen quellen über von Erziehungsratgebern, Förderprogrammen für Hochbegabte und Karrierefibeln für Jugendliche.

Es gibt Englisch für Kindergartenkinder, Eliteprogramme für Volksschulen und Wissenschaftswochen für Gymnasiasten. Eltern scheinen mittlerweile gezwungen ihren Kindern so früh wie möglich auch noch den kleinsten Wettbewerbsvorteil für die Zukunft zu sichern.

Auch die Politik überschlägt sich in ihren Bemühungen jedem Kind möglichst früh Zugang zur Digitalisierung zu ermöglichen, in der irrigen Annahme, so das Beste für die Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft zu tun.

 Aber alle scheinen vergessen zu haben, welche Bedeutung die Kindheit in unserer Kultur hat und was sie einmal ausmachte.

 

Auch in den Zeitungen ist das Thema Kindheit mittlerweile angekommen.

Mit hochgezogener Augenbraue findet man Überschriften wie „Unsere Abiturienten sind so ungebildet“, um dann im selben Beitrag zu erfahren, dass Goethe eigentlich nicht mehr nötig ist. Die Journalisten schreiben über das Problem der Wirtschaft keine geeigneten Lehrlinge mehr zu finden, ohne zu merken, dass sie selbst mit ihrem infrage stellen von Bildung dem ganzen Problem Vorschub leisten.

Auch die Schlagzeilen über straffällige Jugendliche zeugen von einer verbreiteten Ratlosigkeit. Denn Phänomene wie Mobbing, Schlägereien oder Alkoholmissbrauch sind schon lange keine Einzelfälle mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Doch noch immer wird weitgehend ausgeblendet, dass Jugendliche heute ein Verhalten zeigen, das noch vor einer Generation zur Welt der Erwachsenen gehörte, und man ist nicht bereit zuzugeben, dass sich hier ein Wandel anbahnt der zuerst die Jüngsten und Schwächsten unter uns trifft.

 

Zusammenfassend könnte man sagen: Anscheinend ist ein Großteil der jungen Generation nicht mehr willens in unserem Schulsystem zu lernen, einen angebotenen Arbeitsplatz zu ergreifen oder sich, ganz allgemein, in unsere Gesellschaft zu integrieren. Und das sind keine Einzelfälle, sondern hier zeichnet sich ein neues Bild von Kindheit ab.

 

Doch die Mehrheit der Menschen will anscheinend in dem Irrglauben beharren, dass sich nichts geändert hat. Ich höre immer wieder, dass Kinder einfach so sind, dass sie schon zu allen Zeiten so waren und sich auch in Zukunft nichts Bedeutendes daran ändern wird.

Und dass es allein wir Schwarzmaler sind die Probleme sehen, wo keine sind. Denn wir werden älter, verstehen die Welt nicht mehr und stimmen in die altbekannte Klage über die heutige Jugend ein.

Viele glauben auch, dass es nur die Medien sind, die dieses Thema aufbauschen. Denn sie sind der festen Überzeugung, dass der Lebensabschnitt der Kindheit eine unveränderliche Größe ist, die sich im Laufe der Zeit nur geringfügig ändert und an unser Leben anpasst.

 

Aber diese Menschen muss ich enttäuschen. Denn wenn man mit offenen Augen durch die Welt läuft, wenn man sich mit den geistigen Strömungen unserer Zeit beschäftigt und das alles mit unserer Geschichte in Verbindung setzt, dann merkt man bald, dass sich die Welt in den letzten zwanzig Jahren grundlegend verändert hat. Und dass es ein fataler Irrtum wäre zu glauben, dass diese Veränderungen nicht zwangsläufig auch massive Auswirkungen auf unsere Kinder und unser Bild von Kindheit haben.

 

Ein Problem ist, dass wir im Normalfall viel zu beschäftigt sind um die täglichen Veränderungen in unserer Umwelt zu bemerken. Es ist wie das Gleichnis von dem Frosch im Topf, der viel zu spät bemerkt, dass das Wasser auf der Herdplatte langsam heißer wird. Bis es für ihn zu spät ist.

Denn auch wir haben uns an ein Bild der Kindheit gewöhnt, das nichts mehr mit dem zu tun hat, wie es noch vor einer Generation in unserer Kultur verbreitet war.

 

Deshalb ist es wichtig, einmal einen Schritt zurückzugehen, das Gesamtbild zu betrachten und das, was heute geschieht, geschichtlich einzuordnen.

Und dann zu versuchen den Lebensabschnitt der Kindheit zu definieren. Zu sehen, ob sie rein biologisch bestimmt ist oder ob es dafür auch gesellschaftliche Ursachen gibt.

 

Heute sehen wir kaum noch ältere Kinder, die sich mit Kinderspielen beschäftigen. Verstecken, Fangen oder stundenlang im Wald Räuber und Gendarm spielen sind Dinge, die aus ihrer Welt verschwunden sind. Stattdessen beschäftigen sie sich viel zu früh mit Dingen der Erwachsenenwelt, sei es nun Surfen im Internet oder dem bewussten Training für eine Sportart.

Man bemerkt auch, dass es kaum noch einen Unterschied zwischen Erwachsenen- und Kinderkleidung gibt. Fast scheint es so, als sei die These, dass Kinder in einer eigenen Welt leben und deshalb auch eine von Erwachsenen abweichende Kleidung brauchen, verschwunden.

Oder achten wir einmal darauf, wie sich die Sprache der Erwachsenen und Kinder angeglichen hat. Wie die Dinge aussehen mit denen wir sie umgeben. Oder was ihre Hobbys sind, ihre Wünsche und Träume.

Das alles entspricht nicht mehr dem Bild von Kindern das wir aus unserer persönlichen Geschichte kennen und auch nicht dem Bild, das in den letzten 150 Jahren zum fixen Bestandteil unserer westlichen Kultur gehörte.

 

Denn vor kurzem herrschte noch ein vollkommen anderes Bild von Kindern.

Das wichtigste Merkmal war, dass die Welt der Kinder und die der Erwachsenen klar voneinander abgegrenzt war.

 

Das geschah einerseits aus dem Bewusstsein heraus, dass man die Kinder vor der Überforderung der Erwachsenenwelt beschützen müsse.

Aber vor allem sah man sie als noch nicht reife Lebewesen die „gebildet“ werden mussten um am Leben der Erwachsenen teilzunehmen.

 

Und dieser Gedanke des „gebildet werden“ gibt einen wichtigen Hinweis darauf, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kindheit nicht ausschließlich biologische Ursachen hat. Sondern dass es vor allem eine Kulturtechnik war die uns und unsere Gesellschaft so massiv beeinflusste, dass unsere Form von Kindheit zwangsläufig entstehen musst.

 

Ich werde in den nächsten Beiträgen zu zeigen versuchen, dass es vor allem der Verlust dieser Technik ist, der die Kindheit einem massiven Angriff aussetzt und dazu führen kann, dass sie in der heutigen Form verschwindet.

Mit all den tragischen Konsequenzen für uns und unsere Zukunft.

 

 

Hier geht es zum zweiten Teil: Das Verschwinden der Kindheit 02

4 Comments

  1. Hallo,

    ein wirklich interessanter Denkansatz. Und ich muss gestehen das du hier tatsächlich etwas zur Sprache bringst, was unterschwellig heutzutage abläuft. Leider!

    Während des Lesens deines Artikels habe ich mich dabei erwischt, wie ich mir selbst die Frage gestellt habe ob ich meine kleine Tochter (5j.) in ähnlicher Form erziehe. Lasse ich sie Kind sein? Erlaube ich ihr ihre Kindheit in vollen Zügen auszuleben (Innerhalb bestimmter Regeln versteht sich. Antiautoritäre Erziehung ist nicht mein Weg 😉)?

    Antwort: Jein.

    Ich glaube ich werde hier in Zukunft mein Augenmerk bewusster auf bestimmte Aspekte in diesem Bereich legen. Denn ich wünsche meiner Tochter eine ebenso schöne Kindheit wie auch ich sie erleben durfte.

    Danke für deinen Artikel und den „Wink mit dem Zaunfahl“.

    Liebe Grüße
    Andrea

    Von: https://www.wolken-sternchen.com
    (Lese- und Hörspielgeschichten für Kinder und ihre Eltern)

    Antworten
    • Hallo Andrea und danke für Deine Antwort.

      Das ist eines der schönsten Komplimente die ich in letzter Zeit bekommen habe. Dass Du in Zukunft Deinen Blick auf das Leben Deiner Tochter ein wenig ändern möchtest.

      Danke dafür und alles Liebe!

      Thomas.

      Antworten
  2. Ich würde deinen Ansichten klar widersprechen. Es gab schon früher Zeiten, in denen Kinder wie Erwachsene behandelt wurden – sie mussten früh arbeiten, im Haus oder auf dem Feld mithelfen und kleinere Geschwister versorgen.
    “Kindheit” ist also etwas, was sich stetig ändert – je nach Zeitalter, Land und technischem Fortschritt.
    Was spricht denn dagegen, Kindern früh zu zeigen, wie die Welt tatsächlich aussieht, anstatt sie vor allem abzuschirmen. Und wenn sie sann bereit sind für die Welt der Erwachsenen – ja wann soll das denn eigentlich sein? -, dann knallen plötzlich alle Schwierigkeiten auf ein “Kind”, das vorher nur Freude, Fürsorge und eine Phantasiewelt kannte. Solche Kinder können in der heutigen (zumindest in Deutschland) Leistungsgesellschaft nicht mehr mithalten. Und genau dann entstehen die Probleme, die oben angesprochen hast – Jugendliche, die zwischen der Welt der Kinder und der der Erwachsenen stehen, bekommen die Probleme der Großen, da sie eben nicht mehr auf dem ihnen bekannten Level der Kleinen agieren können.

    Antworten
    • Hallo Verena, ich weiß nicht, ob Du das überhaupt noch liest. Jedenfalls habe ich vergessen, Dir zu antworten, tut mir leid!

      Ja, natürlich gab es früher eine andere Art von Kindheit. Aber ich glaube, dass diese Kindheit wie wir sie kennen die richtige für unsere Kultur ist. Für unsere Buchkultur.

      Und dass es der falsche Weg ist, sie möglichst früh in die Welt der Erwachsenen einzuführen.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten

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