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Das Verschwinden der Kindheit 02

Das Verschwinden der Kindheit 02

Heute möchte ich einen Blick auf die Kindheit in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten werfen. Um dann zu versuchen, eine stimmige und für uns hilfreiche Definition von Kindheit zu finden.

 

In unserer Zeit gibt es nur noch wenige traditionelle Stammeskulturen. Das ist tragisch, denn mit jeder Kultur die verschwindet, verlieren wir auch eine Definition der Welt und eine bestimmte Art und Weise mit den Anforderungen des Lebens umzugehen.

Wir verlieren auch unterschiedliche Sichtweisen auf die Kindheit, denn in traditionellen Kulturen haben Kinder eine andere Bedeutung und werden deshalb auch anders erzogen als wir es gewohnt sind. Sie müssen in jungen Jahren Aufgaben der Erwachsenen übernehmen und machen dadurch den Schritt zum erwachsenen Mitglied der Gemeinschaft viel früher als Kinder in unserer Kultur.

 

Auch in unserer Geschichte ist das heute verbreitete Bild der Kindheit eine Ausnahme.

Im alten Rom wurden die Söhne mit acht Jahren in die Lehre geschickt und galten mit Vierzehn als erwachsen. Die Mädchen wurden mit zwölf Jahren verheiratet und standen ab diesem Zeitpunkt dem Haushalt vor.

Ähnlich war es im alten Griechenland oder anderen antiken Kulturen.

Wichtig dabei ist, dass die jungen Menschen in diesem Alter nicht mehr als Kinder, sondern als Erwachsene galten und damit ganz natürlich zu einem Teil der Gesellschaft mit all ihren Rechten und Pflichten wurden.

Die Antike entwickelte jedoch in Ansätzen ein Bild von Kindern das unserem heutigen ähnelte und auf das wir zurückgreifen konnten, um unsere Form der Kindheit zu entwickeln.

 

Mit dem Untergang des Römischen Reiches verschwanden diese Ansätze wieder. Im Mittelalter wurden Kinder schon mit etwa drei Jahren für verschiedenste Arbeiten eingesetzt und galten mit Sieben als erwachsen.

Denn in diesem Alter waren sie fähig an allen in dieser Kultur wichtigen Dingen teilzunehmen. Sie verstanden die Sprache, sie konnten die wichtigsten Aufgaben erledigen und waren fähig, die christlichen Gebote zu befolgen und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu treffen.

Nur in Einzelfällen, etwa bei Kindern die Ritter oder Priester wurden, entwickelte sich ein Bild von Kindheit das uns bekannt vorkommt. Denn da diese eine längere Lehrzeit benötigten um die gewünschten Anforderungen zu erfüllen machten sie den Schritt vom Kind zum Erwachsenen zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Wenn man sich diese Beispiele vor Augen hält, dann wird klar, dass jede Kultur und jede Epoche eine eigene Definition von Kindheit hat, je nachdem welcher Art die Kultur ist und welche Anforderungen sie an einen Erwachsenen stellt.

Und man bemerkt auch, dass unser Bild von „Kindheit“ ein einmaliges Ereignis in der Menschheitsgeschichte ist, das sich nur unter bestimmten Voraussetzungen entwickeln konnte und deshalb auch wieder verschwinden kann.

 

Auf dem aufbauend möchte ich eine Definition aufstellen, die all diese Punkte berücksichtigt und die Kindheit auf einer grundlegenden Ebene beschreibt.

 

Kindheit ist, abseits einiger biologischer Eckdaten, ein gesellschaftliches Konstrukt. Sie dient dazu, der nachfolgenden Generation zu lehren was in der jeweiligen Gemeinschaft gebraucht und gewünscht wird. Und sie endet dann, wenn die nachfolgende Generation fähig ist ein Teil der Gemeinschaft zu werden, ihre Aufgaben zu bewältigen und das Weltbild ihre Kultur zu tragen und weiter zu entwickeln.

 

In Stammeskulturen reicht es, wenn die Mädchen geschlechtsreif sind, wissen wie man die Kinder aufzieht und die Familie versorgt.

Die männlichen Jugendlichen müssen fähig sein das Vieh zu hüten, den Boden zu bestellen oder auf die Jagd zu gehen. Und im Kriegsfall ihre Gruppe zu beschützen.

Deshalb ist die Kindheit in diesen Kulturen, sowohl was ihre Form betrifft als auch in Bezug auf ihre zeitliche Ausdehnung, so grundlegend verschieden von der unsrigen.

 

Kommen wir jetzt zu der spannenden Frage wieso sich in unserer Kultur ein so vollständig anderes Bild von Kindheit entwickelte.

Wie wir schon gesehen haben bedeutet „Erwachsen sein“ die Fähigkeit zu besitzen, die Aufgaben einer Gesellschaft zu bewältigen und ihre Kultur zu verstehen.

Deshalb müssen wir zuallererst den Punkt finden, in dem sich unsere Kultur grundlegend von allen anderen unterscheidet.

 

Wenn wir von den offensichtlichen Dingen wie dem technischen Fortschritt oder unser Gesellschaftsform absehen und ein wenig in die Tiefe gehen, dann finden wir recht bald den Grundstein, auf dem unsere gesamte Kultur fußt und der uns zu dem machte, was wir heute sind.

Um es kurz zu machen: Es ist das Buch.

 

Wir leben heute in einer Buchkultur. Alles was wir als unseren geistigen Besitz ansehen, die technische Entwicklung, unsere moralischen Werte oder die Art unserer Gesellschaft geht zurück auf ein Denken, das massiv durch das Medium Buch beeinflusst wurde.

Wobei Buchkultur nicht bedeutet, dass in einer Gesellschaft Bücher vorhanden sind und gelesen werden.

Man kann nur dann von einer Buchkultur sprechen, wenn das Medium Buch für einen großen Teil der Mitglieder dieser Kultur das Hauptinstrument zur Formung ihres Weltbildes darstellt.

Das heißt, dass diese Kultur nicht nur ihr Wissen in Büchern aufbewahrt, sondern dass die Menschen durch die Form des Buches und seine Art Gedanken zu organisieren geistig und menschlich verändert wurde.

 

In einer solchen Kultur erwachsen zu sein bedeutet, Zugang zu kulturellen Geheimnissen zu haben, die in symbolischen Texten verschlüsselt sind. Um diese zu verstehen muss man auf hohem Niveau lesen können.

Da diese Fertigkeit schwerer zu erlangen ist und eine lange Ausbildung erforderte entstand diese lange Phase der Kindheit und ein neues Bild vom Kind.

 

Das erscheint mir so wichtig, dass ich es noch einmal sagen muss:

Die Kindheit, wie wir sie kennen, ist keine natürlich vorgegebene Lebensstufe, der wir in unserer Kultur einen Platz gaben.

Sondern unsere Kultur definierte den Erwachsenen als einen Menschen, der mit dem in Büchern gesammelten Wissen umgehen konnte und trennte davon die Kindheit als eigene Lebensstufe.

 

Natürlich ist das stark vereinfacht dargestellt. Wie alle Entwicklungen geschah auch diese in den einzelnen Ländern zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenem Tempo und in unterschiedlichen Bevölkerungsschichten nicht mit derselben Geschwindigkeit.

Aber die Grundtendenzen, die durch das Medium Buch angestoßen wurden, setzten sich im Laufe der Zeit in unserer gesamten Kultur durch.

 

Deshalb grenzt unser heutiges Tun an Wahnsinn.

Wir haben das Buch und Lesen auf hohem Niveau aus unserem Leben verdrängt. Gleichzeitig beschneiden wir die Schulen um ihren ursprünglichen Sinn und geben unseren Kindern keine umfassende Bildung mehr, sondern nur noch eine Vorbereitung für einen Beruf und eine Karikatur von Bildung anhand von Kompetenzen.

 

Doch das hat zwei tragische Konsequenzen.

Kurzfristig verlieren unsere Kinder die Möglichkeit, in unserer Kultur ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen. Wir berauben sie jeder Orientierung in unserer hochkomplexen Welt und geben ihnen kein Werkzeug an die Hand die Regeln und Werte unserer Kultur und Gesellschaft zu verstehen.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung sehen wir fast täglich in den Zeitungen.

 

Langfristig beschneiden wir unsere Kultur um die Möglichkeit, weiter zu bestehen.

Denn, wie ich in einem anderen Beitrag schon zeigte: Wenn es keine genügend große Anzahl durch das Buch gebildeter Menschen mehr gibt, deren Denken und menschliches Wesen sich in einer Buchkultur entwickeln konnte, dann hat unsere Kultur keine Basis mehr um zu bestehen.

Sie verkommt zu einer leeren Hülle in deren Ruinen wir leben werden wie die Barbaren in Rom.

 

Doch damit wird auch alles an Werten und moralischen Überlegungen verschwinden, das wir in Jahrhunderten entwickelt haben.

Und in einem ersten Schritt wird die Kindheit, wie wir sie kennen, untergehen.

 

 

Hier geht es zum ersten Teil: Das Verschwinden der Kindheit 01

Ich glaube, dass Bildung uns dagegen helfen kann: Über einen Bildungskanon 

6 Comments

  1. Geschichte der Kindheit (im französischen Original L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime) gilt als das Hauptwerk des Historikers Philippe Ariès. Das Buch befasst sich, im Mittelalter beginnend, mit der Entwicklung von Kindheitsbildern und -wahrnehmungen innerhalb der westeuropäischen Gesellschaft.
    (Eine Vertiefung des Blog-Textes oben, falls Interesse besteht.) A.

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    • Hallo Nikk (?) und danke. Ich habe das Buch gelesen. Es stand in der Literaturliste von N. Postman – Verschwinden der Kindheit. Zufällig habe ich bei beiden Büchern die gleichen Ausgaben wie Du … 🙂

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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  2. Ichbeziehe mich nur auf diesen kurzen Text, nicht etwa auf das Buch: Ein spannender Blick auf alles das, was uns der Kinheit entwachsen und damit erwachsen werden lässt. Bildung im weitesten Sinn steht dabei im Vordergrund. Soweit mag ich folgen. Allerdings Bildung so sehr auf deren Vermittlung durch Bücher zu kaprizieren, das halte ich für fragwürdig. Sicher ist das gedruckte oder gespeicherte Wort von großer Bedeutung bei der Tradierung kultureller Inhalte. Doch in der vorgestellten rigorosen Form, die nur das zwischen Buchdeckeln weitergereichte Wissen beleuchtet, kann und will ich diesem Text nicht folgen.

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    • Hallo Christian, ich weiß nicht, ob Du diese Nachricht noch liest. Ich habe Dein Kommentar erst heute bekommen! Tut mir leid, anscheinend drei Monate zu spät, kann das sein?

      Und ich beziehe mich in einem anderen Text darauf. Dass natürlich Bildung auch anders vermittelt werden kann. Einerseits auch bei uns, da sie aus mehr besteht als nur aus Bücherwissen. Aber vor allem in anderen Kulturen, die nicht auf dem Buch aufgebaut sind.

      Aber wir sind eine Buchkultur, und wenn man in unserer Kultur „gebildet“ im weitesten Sinne sein möchte, dann geht das nur, wenn man über das Denken am Buch gebildet wurde.

      Ich hoffe, Du liest diese Nachricht noch.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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  3. Ich finde deinen Beitrag sehr schön. Ich würde mir wünschen, dass Blogs deines Kalibers sogenannte Influencerblogs wären. Aber mit Bereicherung des Geistes kann man halt kein Geld machen.

    Ich muss noch eines hinzufügen. Was heutzutage in der Kindheitsforschung -meiner Ansicht nach- kaum behandelt wird, ist die „Jugend“. Seit dem 19. Jahrhundert hat die Jugend so viel Lebenszeitraum entzogen, dass sie kaum als Brücke vom Kindlein zum Erwachsenwerden gesehen wird. Seien wir doch mal ehrlich. Sogenannte „Erwachsene“sind nicht aus der Jugend rausgekommen und verhalten sich immer noch wie Teenies und machen sich über Leute, die sich ihrer Ansicht nach wie „Teenies“ verhalten, lustig, was ihre eigene Selbstreflexion aufs Härteste einschränkt.

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    • Hallo Daniele und danke für Dein Kompliment. „Blog Deines Kalibers …“, das treibt mir ein Lächeln ins Gesicht!

      Zu dem was Du sagst lese ich gerade ein interessantes Buch. Ich habe ja einige Beiträge zum Verschwinden der Kindheit geschrieben, beeinflusst von N. Postman und anderen. Aber jetzt lese ich gerade „Me, My Selfie and I“, und da spricht die Autorin im Gegensatz davon, dass die Kindheit nach hinten ausgedehnt wird. Und meiner Meinung auch davon, dass die Menschen durch die neuen Medien nicht mehr richtig erwachsen werden.

      Ich bin noch nicht durch mit dem Buch und muss noch darüber nachdenken, aber ich finde den Gedanken sehr interessant und befruchtend.

      Liebe Grüße und schön, Dich kennezulernen!

      THomas.

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