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Der Erzberg

Der Erzberg

Im Norden der Steiermark liegt eine der wirtschaftlich bedeutendsten Regionen Österreichs. Es ist dies die Gegend rund um die Stadt Eisenerz, die ihren Reichtum dem größten Siderit Vorkommen der Welt verdankt, das man hier am Erzberg findet.

Nicht zuletzt deshalb wird der Berg auch der „Steirische Brotlaib“ genannt, bildete er doch über Jahrhunderte hinweg die Grundlage für den ökonomischen Aufschwung dieser Gegend.

 

Man nimmt an, dass hier seit dem 11. Jahrhundert Eisenerz abgebaut wird, doch ist das noch umstritten.

Nicht zuletzt deshalb ranken sich zahlreiche Sagen und Mythen um den Erzberg, und die wohl schönste ist die Folgende:

 

Folgt man dem Lauf des Erzbaches talwärts, dann gelangt man in einer engen Schlucht an eine grottenartige Vertiefung im Felsen, aus dem einen ein dunkler Wasserspiegel entgegengrinst, die sogenannte „Schwarze Lacken“.

Heute liegt sie neben einer viel befahrenen Straße, doch vor vielen Hundert Jahren war dies ein einsamer Ort, der nur Hirten und vereinzelten Säumern bekannt war.

Aber ihr Name wurde bald ringsum bekannt, sollte hier doch regelmäßig ein seltsames Wesen erscheinen, das aus der Grotte hinter dem Tümpel ins Wasser glitt und dort verschwand.

Da alle übereinstimmend von seinem schuppigen Leib berichteten, machte bald das Gerücht die Runde, dass es hier einen Wassermann gab. Und Wassermänner, das wusste jeder Mensch, besaßen große Schätze, die sie eifersüchtig hüteten.

 

Diese wollten die Bewohner des Umlandes natürlich in ihren Besitz bringen und griffen daher zu einer List.

An einem warmen Sommertag stellten sie einige Platten mit Braten und Wein ans Ufer der „Schwarze Lacken“ und legten ein paar Kleidungsstücke dazu, die sie vorher auf der Innenseite mit Pech bestrichen hatte. Dann warteten sie ab, was geschah.

 

Nach einer Weile sahen sie, wie der Wassermann aus den Fluten auftauchte und neugierig die unbekannten Dinge betrachtete. Er stieg aus dem Wasser, griff gierig nach den Speisen und Getränken und schon bald war er von den köstlichen Sachen berauscht.

Betrunken zog er sich die Kleider über, tanzte fröhlich über die Wiese und legte sich schließlich zum Schlafe nieder.

 

Darauf hatten die Leute nur gewartet. Sie stürzten sich aus ihrem Versteck, schlugen auf den Wassermann ein und führten ihn schließlich gefesselt ins Tal.

Doch an der Stelle, an der man zum ersten Mal den Erzberg erblickte, blieb der Wassermann stehen und wollte nicht mehr weiter. Er begann zu toben und zu schreien und versprach den Menschen einen großen Schatz, sollten sie ihm nur die Freiheit schenken.

Das hörten die Leute natürlich gern und fragten: „Was willst Du uns dafür geben?“

 

Und der Wassermann sprach:

„Nun wählet schnell auf dieser Stell´!
Ein gold´ner Fluss bald schwinden muss.
Ein silbernes Herz, die Zeit verzehrt´s.
Ein Eiserner Hut, hält lang und gut.
Erwägt es klug, dann habt genug!“

 

Die Leute riefen: „Den Eisernen Hut wollen wir haben!“

Da hob der Wassermann seine Hand, zeigte auf den Erzberg und sprach: „Seht, dort steht der Berg, der euch Eisen für immer geben wird. Verwendet es gut zu eurem und eurer Nachkommen Glück und Segen!“

 

So brachten sie den Wassermann zurück zu der Wiese, auf den sie ihn gefangen hatten, und rasch tauchte er hinab in das dunkle Wasser.

Doch plötzlich bebten die Felsen, das schwarze Gewässer färbte sich blutrot und höhnisch erklang es aus der Tiefe: „Um das Beste habt ihr zu fragen vergessen: um den Karfunkelstein und die Bedeutung des Kreuzes in der Nuss.“

 

Was der Wassermann damit sagen wollte, das blieb bis heute ein Rätsel. Die Einheimischen nehmen an, dass der Karfunkelstein das sicherste Grubenlicht sei, das man sich vorstellen könne, und das Kreuz in der Nuss ein Kompass, der auch im Berginneren funktionierte.

Doch den Wassermann konnte man nicht mehr danach fragen, war er doch von diesem Augenblick an für immer verschwunden.

 

Aber sein Vermächtnis, das Geheimnis um den wahren Schatz des Erzberges, ist zum ewigen Segen für das ganze Land geworden.

 

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