Select Page

Der Gedächtnispalast

Der Gedächtnispalast

Es ist so schön, sich wieder mit Literatur zu beschäftigen. Einige von euch haben auch damit begonnen und lesen den Steppenwolf, den Demian oder andere Bücher von H. Hesse. Und schreiben mir, wie es ihnen damit geht, was sich in ihnen verändert und wie schwer es ist. Aber auch, wie sie beginnen, es wieder zu lieben.

 

Ich persönlich mag vor allem den Gedanken, wieder zu einem Leser zu werden. Mich mit Worten zu beschäftigen, die mich berühren. Die Träume aufbauen, von Gefühlen erzählen und dabei an mein Innerstes rühren.

Aber es ist so unglaublich schwer, denn die Vorstellung davon ist schöner als das Lesen selbst.

Der Gedanke an dunkle Herbsttage. Ich sitze in einem einsamen Zimmer, der Nebel steigt aus den Tälern und die ganze Welt schweigt. Ein alter Stuhl, vor mir eine Kanne Tee und überall sind Bücher. An den Wänden, in den Regalen, sogar am Boden liegen sie in umgefallenen Stapeln. Und ich lehne mich zurück und lese.

Doch obwohl das so schwer ist, merke ich, wie mich das Lesen wieder gefangen nimmt. Wie es meine Gedanken beansprucht und versucht, mir in die Seele zu greifen.

Ich bekomme Sehnsucht, den nächsten Schritt zu tun. Wieder ein Mensch zu werden, der abseits steht. Abseits des alltäglichen Hamsterrades, abseits von Nachrichten, Verwertbarkeit und der Jagd nach Erfolg und Unterhaltung.

 

Beim Sinnieren über den „Steppenwolf“ ist mir ein altes Spiel eingefallen. Für mich war es mehr als das, aber um es zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Um euch dann anschließend einzuladen, es auch einmal zu versuchen.

Erinnert ihr euch an den Schluss des Steppenwolfs? Wie Harry Haller im magischen Theater stand und sich zwischen den vielen Türen entscheiden musste?

Eine jede war ein Symbol für eine andere Geschichte. Begebenheiten aus seiner Jugend, Erlebnisse, die er sich wünschte, Möglichkeiten, die er hatte und nie ergriff. Und alle konnte er in der „Phantasie“ erschaffen und noch einmal erleben.

Das, was H. Hesse hier beschrieb, praktizierten Gelehrte schon vor Jahrhunderten. Und es deckt sich mit dem, was Gehirnforscher heute in ihren Untersuchungen zeigen.

Für den menschlichen Geist sind Fantasien ebenso real wie wirkliche Erlebnisse. Wenn wir die Augen schließen und uns gedanklich in eine Situation begeben, sie intensiv mit allen Sinnen „durchleben“, dann macht das für unser Gehirn und unseren Körper kaum einen Unterschied zur Realität.

Es gibt genügend Beispiele für diese Effekte und im Sport und in verschiedenen Therapieformen werden sie heute ausgiebig genutzt.

 

Wieso ich das alles erzähle? Nun, weil man diese Art des „magischen Theaters“ auch benutzen kann, um mit den Werken unserer Kultur zu „spielen“. Man kann es dazu verwenden, in die Kunstwerke einzutauchen und sie intensiv nachzuerleben.

Einen zweiten Versuch dieser Art beschrieb Hermann Hesse Jahre später im „Glasperlenspiel“. Die Ordensmitglieder der „pädagogischen Provinz“ Kastalien versuchen, die Werke unserer Kultur zu bewahren.

Das hauptsächliche Werkzeug dafür ist das Glasperlenspiel, eine geistige Verbindung von Literatur, Musik und allen anderen Arten von Wissenschaften, an die man sich mit Hilfe von Zeichen erinnert. Die man in sich auferstehen lässt, miteinander in Beziehung setzt und im Lauf des Spiels in sich „durchlebt“.

Dieser Gedanke Hesses ist seit Jahrzehnten befruchtend für Menschen auf der ganzen Welt.

 

Bevor ich zu dem System komme, das ich für mich erfand, lasst uns noch einen kleinen Umweg beschreiten.

Vor langer Zeit wurde eine Methode erfunden, mit der man sich an verschiedene Dinge erinnern kann. Nicht nur an so einfache wie bestimmte Begriffe oder Jahreszahlen, sondern an alles in seinem Leben, das man bewahren will.

Die Technik nennt sich Gedächtnispalast und ist wahrscheinlich vielen dem Namen nach bekannt. Dabei wird in der Phantasie ein Palast erbaut, den man mit den Dingen füllt, die einem etwas bedeuten. In den Regalen, auf Statuen oder auf den Tischen liegen die Bücher oder einfach nur Notizen an die man sich erinnern will.

Wenn man eine Erinnerung sucht, dann begibt man sich in seiner Vorstellung in den Palast, geht an den Ort, an dem man sie abgelegt hat und holt sie wieder hervor.

 

Und jetzt will ich endlich zu dem kommen, was ich früher für mich erfand. Eine Methode, um mich in andere Seinszustände zu versetzen, in andere Gedanken und Gefühle einzutauchen.

Denn damit würde ich gerne wieder beginnen. Und vielleicht habt ihr auch Interesse daran.

Und am besten starten wir mit H. Hesse. Stellt euch ein Zimmer vor und richtet es ein. Hängt ein paar Bilder an die Wand, vielleicht den Regenmacher oder eines in dem Hesse Erde brennt. Verteilt Gegenstände, die ihr mit ihm verbindet und vor allem die Bücher, die ihr von ihm gelesen habt.

Jetzt nehmt euch etwas ungestörte Zeit, schließt die Augen und betretet das Zimmer.

Stellt euch vor, wie ihr hineingeht, die Bilder anseht, die Brise riecht, die durch das Fenster streicht und die Gardinen bauscht. Versucht zu fühlen, in euch hinein zu lauschen und alles aufzunehmen. Den Geruch, die Farben und die Emotionen, die sie in euch auslösen. Und dann nehmt eines seiner Bücher zur Hand. Versucht, euch nicht nur an die Geschichte zu erinnern, sondern sie nachzuerleben und eure Gefühle wieder auferstehen zu lassen.

Lasst ein Bild erstehen und seid mit allen Sinnen dabei. Probiert euren Geist aufzuspalten. Seid in dem Zimmer, seid Leser des Buches und gleichzeitig eine Figur aus dem Buch. Erlebt die Erzählung. Versucht, für ein paar Minuten in dem Raum und in dem Buch zu sein und in ihnen zu leben.

 

Ist das nicht wunderschön? Es ist vielleicht seltsam. Es klingt vielleicht albern oder gar lächerlich.

Aber, ist es nicht wunderschön?

 

Und das könnt ihr mit allem machen, was euch wichtig ist.

Ein Zimmer für Schubert, für Monet oder Rodin. Denn von Mal zu Mal wird es euch leichter fallen und ihr werdet mehr Genuss und Gewinn aus den Kunstwerken ziehen, als ihr euch heute vorstellen könnt.

 

Mit Klick auf dieses Bild könnt ihr das Buch direkt bei Amazon bestellen. Für euch entstehen dabei keine weiteren Kosten, aber ich erhalte eine kleine Provision.

 

5 Comments

  1. Danke für diese anregende Lektüre. Wieder mehr Bücher lesen, ja, das wünsche ich mir auch.
    Diese seit Jahren zunehmende Tendenz, Informationen über digitale Medien aufzunehmen, hält auch mich mehr und mehr von den Büchern fern, leider.
    Der „Gedächtnispalast“ ist neu für mich und ich will ihn entdecken. Durch mehrere Theaterbesuche bin ich auf den Autor Wolfgang Herrndorf gestossen, und neugierig darauf, seine Bücher zu lesen. Ich freue mich auf eine spannende Reise.

    Antworten
    • Hallo Sybille und danke für Deine Antwort.

      Ja, ich glaube, dass die digitalen Medien teilweise Gift für unser Gehirn sind. Und dass wir uns aktiv dagegen wehren müssen.

      Wolfgang Herrndorf kenne ich leider gar nicht. Was schreibt er für eine Art von Literatur?

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  2. Hallo Thomas,
    Du hast echt viele Interessante Sachen und Anregungen in Deinem Blog. So was wie ein „Gedächtnispalast“ kenne ich von bestimmten Techniken, um sich an möglichst viele, vor allem nicht zusammenhängende Sachen/Zahlen etc. erinnern zu können.

    „Der Steppenwolf“, „Das Glasperlenspiel“… das sind Bücher, die einen entweder abschrecken oder anziehen. Für mich persönlich ist „Das Glasperlenspiel“ ein ganz besonderes Buch, weil Hesse dort so viele Bezüge zu der klassischen Musik einbaut und so klug und bildhaft über Musik schreibt.

    Ist das nicht eine spannende Kombination: Musik und Literatur? So schreibt Hesse nicht nur sehr viel über Musik in seinen Büchern. Seine Gedichte wiederum werden gerne von Komponisten vertont, was dann ein ganz besonderes Erlebnis ist.

    Deine Idee mit dem imaginären Zimmer voller Kunstwerke ist interessant. Wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, daß diese Idee in vielen Menschen unbewußt und ansatzweise lebt bzw. vorhanden ist. So bin ich, wenn ich ein Buch lese oder ein Musikstück höre, automatisch „mittendrin“, bin Leser/Hörer und die Figur(en) zugleich und kann sogar die Brise spüren und die Wellen hören, die auch Isolde und Brangäne auf ihrer Schiffsreise in der von Wagner erschaffenen Welt spüren. Oder, ganz abstrakt, wenn ich am Klavier ein Stück spiele, dann verschwindet die reelle Welt und sogar die Tastatur mit meinen Fingern darauf, dann sehe ich mich in einem Ozean von Wolken, durch den ich „schwimme“.

    Gruß,
    Leon.

    Antworten
    • Lieber Leon, das hast Du schön beschrieben. Mit dem „Glasperlenspiel“ und mir ist es dann doch nichts geworden. Ich habe es 2x angefangen, aber es stimmt, entweder es macht mit Hesses Prosa klick oder aber nicht. Bei mir machte es laut klick mit Hesses Poesie und ich habe mir am Bodensee in Gaienhofen in seinem alten Wohnhaus die gesammelten Werke seiner Gedichte gekauft und liebe einige sehr, auch das vom Nebel, das Du hier zitierst, Thomas. Aber seine sämtlichen Romane werden ungelesen bei mir in ihrem kleinen Schuber stecken bleiben. 😉 Ich schätze Hesse sehr, er war ein Multitalent, hat auch ganz zauberhaft getuscht und gezeichnet.

      Antworten
      • Hesse ist heute auch für mich schwer zu lesen. Vielleicht schreibt er wirklich für jüngere Menschen, ich weiß nicht. Seine Geschichte sind nicht immer ganz rund, jedenfalls nicht für unsere Zeit. Vielleicht war es die Zeit in der er sie geschrieben hat.

        Aber Zweig kann ich immer wieder lesen, jedenfalls einen Teil seiner Werke. Also stimmt das Argument wahrscheinlich nicht. Naja, aber das Glasperlenspiel kannst Du ja auch lesen nur um daraus zu lernen. Nicht als Geschichte an sich, sondern um den Grundgedanken des Glasperlenspiels zu verstehen. Der ist nämlich wirklich wunderbar.

        Ich weiß noch wie ich einmal in einer Vorlesung über Formenlehre in der Musik war und die Professorin sich über uns Studenten beschwerte die ihr Wissen nicht anwenden konnte. Mit den Worten: „Wir betreiben hier doch kein Glasperlenspiel!“
        Lustig war, dass niemand außer mir wusste wovon die Rede war (war noch vor Smartphone etc.)

        Naja, so viel zu meiner Geschichte damit. 🙂

        Antworten

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.