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Der Herr der Fliegen

Der Herr der Fliegen

Heute scheint die beste Zukunftsvorbereitung für unsere Kinder darin zu bestehen ihnen ein paar Grundkenntnisse zu vermitteln. Wir achten auf eine halbwegs vernünftige Berufsausbildung und sorgen uns um das Einüben einiger Kompetenzen, aber die klassische Kultur, die uns über Jahrhunderte hinweg beeinflusste, wird als unnötiger Ballast verworfen.

Dass das ein Fehler ist und uns in ein gesellschaftliches Chaos stürzen wird, das wissen wir alle. Aber wie die Lemminge sind wir nicht bereit, unser Verhalten zu überdenken, sondern gehen den einmal eingeschlagenen Weg stur weiter.

Was nicht verwunderlich ist. Denn zusammen mit der Kultur haben wir auch die Lehren aus unserer Geschichte vergessen und sind deshalb gezwungen, die alten Fehler zu wiederholen.

 

Schon vor sechzig Jahren beschäftige sich William Golding in „Herr der Fliegen“ mit der Frage was passiert, wenn Menschen aus ihrer gesellschaftlichen Sozialisation gerissen werden.

 

Heute kennen die meisten die Erzählung aus dem Fernsehen. Eine Gruppe von Kindern strandet auf einer einsamen Insel, verwildert zusehends und führt den alten Kampf zwischen Gut und Böse.

Womit dieses Medium wieder einmal zeigt, wozu es gut ist – eine wunderbare Geschichte als platte Rahmenhandlung zu benutzen um Menschen zu unterhalten und vom Wesentlichen abzulenken.

 

Denn die wichtigsten Dinge liegen weit unter der Oberfläche und zu ihnen gelangt man nur über die intensive Auseinandersetzung mit dem Buch.

Auf einen Punkt will ich heute genauer eingehen. Ich möchte die Geschichte als Parabel dafür lesen was passiert, wenn wir unsere Kultur und unsere Art der Gesellschaft verlieren.

 

Die Geschichte ist bekannt.

Eine Gruppe von Kindern landet auf einer Insel und ist gezwungen aus sich heraus ein funktionierendes Gemeinwesen zu errichten. Anfangs beziehen sie sich dabei, bedingt durch ihre Sozialisierung in westlichen Schulen, auf die uns vertrauten Regeln und Werte.

Doch ohne die übergeordnete Instanz eines Erwachsenen erwachen ihre angeborenen Persönlichkeitsmerkmale und bald herrscht das Recht des Stärkeren. Mit all seinen Konsequenzen.

 

Ist es im Buch der Erwachsene, der als Kontrollinstanz für das Verhalten fehlt, so ist es in unserer Gesellschaft die Kultur, die uns abhandengekommen ist.

Denn sie ist nicht nur dazu da uns zu zeigen, wie man miteinander lebt, sondern vor allem, um zu lernen, wieso man das auf genau diese Art und Weise macht. Und das kann nur über einen intensiven Umgang mit unserer Geschichte und ihren kulturellen Werken geschehen.

Aber genau das geschieht heute nicht mehr, denn ohne nachzudenken erachten wir die klassische Bildung als unnötig.

 

Wir sehen schon an ersten Anzeichen, dass das ein Fehler ist. Etwa wenn wir bemerken, wie der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu bröckeln beginnt. Denn wie die Kinder in der Geschichte leben wir zwar noch mit den übernommenen Moralvorstellungen, aber ohne Kultur und Bildung werden diese nicht mehr mit Leben erfüllt und verkommen zu leeren Hülsen.

Die Probleme treten natürlich zuallererst bei den Heranwachsenden auf. Denn sie müssen durch die Aufnahme von und in Auseinandersetzung mit unseren Werten zu einem eigenen Weltbild gelangen.

Doch wie sollen sie in einer Zeit in der Bildung, Kultur, eine gepflegte Sprache oder ein soziales Miteinander für uns nicht mehr erstrebenswert erscheinen unsere Wertvorstellungen verstehen und in ihr Leben integrieren?

Werden sie nicht gezwungen ihre Maßstäbe aus dem Fernsehen und Ähnlichem zu nehmen und sich eigene, reduziertere anzueignen?

 

Worauf das hinauflaufen kann, das zeigt uns W. Golding in diesem Buch auf eindringliche Art und Weise.

In seinen Augen ist der Mensch nicht von Natur aus gut und ohne dem Besinnen auf unseren gesellschaftlichen Entwicklungsstand wird die Welt in einem unmenschlichen Zustand enden.

 

Auf zwei Figuren des Buches möchte ich gesondert eingehen. Denn an ihnen zeigt sich exemplarisch, was die Rolle eines Gebildeten in einer zukünftigen Welt sein kann.

 

Da wäre zum einen Piggy, der die Stimme der Vernunft repräsentiert. Er ist in der Geschichte derjenige, der sich die Werte unsere Kultur angeeignet hat und von sich aus fähig ist sie weiter zu entwickeln.

Und dann ist da Ralph, die Hauptfigur des Buches. Er ist der Vertreter des „naiv Guten“. Jemand, der nicht aussprechen kann, was unsere Kultur ausmacht, der nicht weiß, wofür er eigentlich kämpft und einsteht. Der es aber trotzdem tut, weil er gewisse Werte verinnerlicht hat und deshalb spürt, dass sein Verhalten richtig ist.

 

Aber ohne die für sie richtige Umgebung sind beide zum Untergang verurteilt, denn in der neuen Art von Gesellschaft sind sie der Feind und müssen deshalb verschwinden.

 

Golding zeigt in diesem Buch, wie wichtig Kultur für eine Gesellschaft ist.

Denn auch wir leben auf einer Insel im All und sind gerade dabei sie niederzubrennen. Nur dass uns niemand retten wird.

 

Als Schlusswort kann ich nur anfügen, was Golding selbst über sein Buch sagte: „Das Thema von Herr der Fliegen ist Trauer. Nichts als die schiere Trauer, Trauer, Trauer.“

 

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6 Comments

  1. Sozialisation hört nie auf. (aus der Mülltonne geschrieben=

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    • Hallo Bernd.

      Ja, da bin ich ganz Deiner Meinung. Und man kann immer einen Schritt machen, egal in welche Richtung. Auch wenn es manchmal schwer fällt …

      Thomas.

      Antworten
  2. Danke, Thomas, für dieses wichtige Plädoyer bezüglich des Wertes klassischer Bildung für die Erziehung der künftigen Generationen! Ich denke dabei auch an die bedeutenden „Mahnungen“ von Orwell und Huxley. Da gibt es so vieles, was wir vermitteln müssten, aber wir tun es kaum.

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    • Hallo Armin und danke für Deine Antwort.

      Und Du erwähnst da einen sehr wichtigen Punkt: „Wir tun es kaum.“ Das hat mich getroffen, denn es stimmt. Wir sind es die es tun müssten, nicht warten bis die Kinder oder Jugendlichen kommen, sondern wir müssten es vorleben, durch unsere Leben zeigen, und es dann weitergeben.

      Danke dafür!

      Thomas.

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      • Hallo Thomas, das Vorleben ist auf jeden Fall gut und wichtig, das tun wir wohl alle (in unseren Kreisen zumindest). Aber wird das reichen? Wie erreichen wir die „träge Masse“? (Ich meine das nicht negativ, da viele so eingespannt sind, dass sie gar keinen Sinn haben könnnen für weitergehende Überlegungen.) Und wie erreichen wir die politischen Entscheidungsträger? Ich fürchte, wir drehen uns im Kreis der ähnlich Denkenden, und die Wirkungen werden nicht groß genug sein. Aber weitermachen, trotz alledem!

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        • Hallo Armin.

          Ich glaube wir sind zu schüchtern, mit zu wenig Selbstbewusstsein ausgerüstet und zu wenig überzeugt von dem, was wir wissen. Aber das ist schade, denn wir sehen gerade was passiert und überlegen noch immer was und wie wir etwas tun könnten.

          Und da greife ich mir vor allem selbst an die Nase.

          Ich habe bemerkt, dass als ersten Schritt Wissen wichtig ist. Denn daraus entsteht dann die Kraft und der Wille etwas zu ändern. Deshalb schreibe ich diese Artikel, auch um mir selbst diese Dinge bewusst zu machen und sie tief zu wissen.

          Aber Du hast vollkommen Recht, wir müssen viel mehr tun. Vor allem über die sozialen Medien, dort wo auch die Jugendlichen sind. Ich habe auf Twitter so viele junge Menschen kennengelernt die wissen, wie wichtig Lesen und Lernen ist. Die nur nicht wissen wie man es angeht und wieso eigentlich genau.

          Am liebsten würde ich ein paar Videos aufnehmen, aber das ist mir das Equipment zur Zeit noch zu teuer. Aber ich glaube, so würde man noch viel mehr von ihnen erreichen.

          Und ansonsten, wie Du gesagt hast: weitermachen. Nur lauter und offensiver! 🙂

          Thomas.

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