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Der Lindenbaum

Der Lindenbaum

Wir haben uns im letzten Artikel mit der Großform des „Lindenbaums“ beschäftig. Heute gehen wir einen Schritt weiter und sehen uns das Lied genauer an.

 

 „Der Lindenbaum“ ist Teil des Liederzyklus „Die Winterreise“, das Seelendrama eines einsamen Wanderers.

Wenn man den Text genau betrachtet, dann merkt man, dass er sich in vier Teile gliedert.

In den beiden ersten Strophen wird eine Idylle heraufbeschworen: „Ich träumt in seinem Schatten …“ und an die gemeinsame Vergangenheit erinnert: „Es zog in Freud´ und Leide …“.

Strophe drei und vier erzählen von den aktuellen Erlebnissen. „Ich mußt auch heute wandern …“. Von der Sehnsucht, die der Baum auslöst, einen Ruhepunkt im unsteten Leben des Wanderers zu finden: „Hier findst Du deine Ruh´“.

Plötzlich bläst ihm der Wind ins Gesicht und schlägt den Hut von seinem Kopf. Doch der Wanderer bleibt trotzig und wendet sich nicht ab, sondern geht weiter seinen Weg.

In der sechsten Strophe kommt wieder die Sehnsucht zum Vorschein. Der Wanderer ist nun weit entfernt von seinem geliebten Baum und verzehrt sich nach der Ruhe, die er dort finden könnte.

Doch verlangt es ihn wirklich danach? Ist es nicht vielmehr der Wunsch, immer in Sehnsucht zu wandern?

 

Wie hat nun Schubert das in seiner Komposition umgesetzt.

 

 

Im Klaviervorspiel (0:00 – 0:25) lässt er die idyllische Stimmung des Gedichtanfangs entstehen. Leise, wellenartig auf- und absteigende Triolen stellen das leise Rauschen des Windes in den Blättern des Lindenbaumes dar. Bei 0:18 und 0:23 meint man, in der Ferne Jagdhörner zu hören (Hornquinten im Klavier).

 

In der ersten Liedstrophe (0:26 – 1:21) träumt sich der Wanderer an den Ort seiner Sehnsucht zurück. An den Ort, an dem er so viel Zeit in „Freud´ und Leide“ verbracht hat. Schubert komponiert hier mit einfachsten Mitteln. Wohl auch, um deutlich zu machen, dass der Protagonist zu dieser Zeit jünger und „einfacher“ war.

In der Singstimme verwendet er hauptsächlich Töne der entsprechenden Dreiklänge und der Rhythmus geht einen ruhigen, leicht beschwingten Gang. Zusätzlich für Ruhe sorgt, dass die Melodie nahezu gleich bleibt und sich nur an wenigen Stellen ändert.

Auch das Klavier sorgt für diese ruhige, entspannte Stimmung, indem es sich dem Gesang unterordnet und die Singstimme karg umspielt.

 

Im ersten Zwischenspiel (1:22 – 1:32) wechselt die Stimmung. Es ähnelt zwar stark dem Vorspiel, wieder Triolen mit demselben Abschluss: punktierte Achtel, Sechzehntel, Viertel. Aber um die Spannung zu steigern wird der Abschnitt auf die Hälfte der Taktanzahl reduziert. Die Harmonik trübt sich ein, von Dur nach Moll.

 

Eine kurze Anmerkung zu den Tongeschlechtern.

Töne können einstimmig erklingen, zum Beispiel als eine Melodie, oder zusammen als Klang oder Akkord. Wir kennen das aus der Popmusik, in der die Gitarre hauptsächliche Akkorde spielt.

Von allen möglichen Harmonien haben sich mit Beginn des Barock zwei „Geschlechter“, Dur und Moll, etabliert.

Dur empfinden wir als hell und fröhlich. Es wird zumeist für beschwingte Musikstücke verwendet. Auch in der Popmusik hört man meist Lieder in Dur.  

Moll erscheint uns dunkel und melancholisch. In der heutigen Musik verwendet man es oft für Balladen oder traurige Lieder.

 

Wir haben gesehen, dass sich die Musik des „Lindenbaums“ im Zwischenspiel von Dur nach Moll gewandelt hat. Am Beginn der zweiten Strophe klingt das noch nach, denn die neue Harmonie durchzieht den Teil von „Ich mußt auch heute …“ bis „ … die Augen zugemacht“ (1:32 – 1:59).

Man kann auf der Aufnahme sehr gut sehen, wie Fischer-Dieskau die neue Stimmung ausdrückt. Wie er den Kopf senkt und scheinbar in Trübsal verfällt.

Schubert hat sich mit der Musik sehr am Text und der Stimmung der „tiefen Nacht“ und des „Dunkel“ orientiert.

In der Begleitung hören wir, wie das „Wandern“ durch eine rollende Bewegung dargestellt wird. Meiner Meinung nach gibt es an dieser Stelle noch eine tiefere Ebene. In der Triole den Wunsch zu wandern, in der punktierten Achtel das Stocken, das Zögern, ob man nicht doch stehen bleiben soll. Und dann die Entscheidung, doch wieder weiterzugehen.

Mit „Und seine Zweige …“ kehrt man zur Idylle zurück. Die Harmonik wechselt wieder zu Dur. Die Klavierbegleitung verstärkt das durch eine klangliche Anreicherung, indem sie die Stimme in Terzparallelen unterstützt.

 

Bei 2:30 wird mit einem Sforzato Akzent, gleich einem Donnerschlag, die Stimmung zerrissen. Aus dem leisen Rauschen des Windes ist ein Sturm geworden. Die Triolenketten werden durch Lagenwechsel und weitere Abstände der Töne wilder, verstärkt durch Sforzati (plötzliche Betonung) auf einzelnen Akkorden.

Der Gesang ist auf Motivfetzen und Tonwiederholungen reduziert. Hier wird nicht mehr schön gesungen, sondern es ist ein Rezitieren und Sprechen. Vielleicht wollte Schubert ausdrücken, dass es im Sturm unmöglich ist, ein Lied zu singen.

 

Im Zwischenspiel (ab 2:49) ebbt der Sturm ab und alles beruhigt sich wieder. Wir kommen zurück zur Stimmung des Anfangs und hören das uns schon bekannte Hornsignal.

 

In der vierten Strophe (3:05 – 4:19) ist der Wanderer ein Anderer als zuvor. Die Gesangsmelodie ist dieselbe wie in der ersten Strophe, aber die Begleitung erinnert an das, was er erlebt hat.

Schubert komponiert hier auf zwei Ebenen. Einerseits den Wanderer im „Hier und Jetzt“, andererseits sein Träumen und seine Sehnsucht an „Früher und Dort“.

Er illustriert das musikalisch, indem der Gesang die Melodie der ersten Lindenbaumstrophe wiederholt, während das Klavier die, nur an wenigen Stellen abgewandelte, Begleitung der zweiten Strophe, der Wanderschaft, aufgreift.

Ein bemerkenswerter Kunstgriff!

 

 

Das Nachspiel ist die wörtliche Wiederholung des Vorspiels, jedoch ohne Hornsignale.

Durch die Wiederholung wird das Lied ausbalanciert und endet in derselben Grundstimmung, in der es begonnen hat.

Aber nur die Musik endet auf dieselbe Art. Der Wanderer, und im besten Fall auch der Zuhörer, hat sich verändert und hört auch diese Stelle anders als zuvor.

 

Man sieht, was sich unter der scheinbaren Einfachheit des Liedes für eine Fülle  an musikalischen Vorgängen, an Dramen und Entwicklung verbirgt.

Und wie wunderbar Schubert das komponiert hat.

14 Comments

  1. Irgendwie will das hier heute nicht ankommen? Zweimal Text futsch gegangen ..

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    • Hallo, leider ist nur der angekommen … Vielleicht klappt es jetzt?

      Thomas.

      Antworten
  2. Wieder eine sehr schöne Analyse! Manchmal ist allerdings nicht ganz klar, an welche Leserschaft sich der Text richtet:An einer Stelle wird der Unterschied zwischen Dur und Moll erklärt, gleichzeitig wird an anderer Stelle von Intervallen und Akkorden gesprochen, ohne weitere Erklärungen. Ansonsten, eine sehr schöne, und ich denke auch für Anfänger gut verständliche Interpretation!

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    • Hallo Michael.

      Danke fürs Lesen und vor allem danke für das Kompliment.

      Die Texte sind für Menschen gedacht, die beginnen sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Aber es ist eine Gratwanderund. Schreibe ich zu viel über Theorie, dann wird der Text langweilig und sagt nicht das aus, was ich will. Deshalb versuche ich in jedem Text nur ein wenig Theorie zu bringen, mich aber auf das Werk zu konzentrieren. Und hoffe, dass man es versteht, auch wenn einige Begriffe noch unklar sind.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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      • Stimmt, das ist eine Gratwanderung. Ich würde auch nicht mehr Theorie mit in den Text nehmen, das würde vom wesentlichen ablenken und den Lesefluss stören. Eventuell kann ja auch ein Glossar hilfreich sein. Gruß Michael

        Antworten
        • Danke Michael.

          Das ist ja eine super Idee! Auf die bin ich noch gar nicht gekommen. Aber sobald ich etwas Zeit habe werde ich eines schreiben und dann verlinken. Danke für den Tipp!

          Liebe Grüße,
          Thomas.

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  3. Hallo Thomas
    Das ist eine ziemlich gute Analyse,welche selbst für Laien bzw.Nichthörern_innen klassischer Musik verständlich ist.Die bildhafte Darstellung ist sehr überzeugend.Die Links zu einigen Begriffen sind bestimmt sehr hilfreich(gute Idee).
    Es stimmt schon, am Ende sollte sich der/die Zuhörer_innen verändert haben.Sehnsüchte gehören zu unserem Leben und können nie wirklich gestillt werden,was gut ist,denn sonst würden wir still stehen.Vielleicht ist diese Musik deshalb für viele heute nicht mehr so verständlich,da es nur noch um Schnelligkeit geht und dass am Ziel ankommen und nicht dass Wie.Letztlich passen hier die Worte Rilkes:…wir sind die Sehnsucht….
    Eine sehr gute Art zu schreiben hast Du, mach weiter so.

    Antworten
    • Hallo Bianca und danke für Deine netten Worte.

      Die Worte Rilkes passen wirklich sehr gut. Leider habe ich noch keinen Zugang zu seinen Gedichten gefunden, nur zu einzelnen Auszügen. Aber danke dafür.

      Und ja, unsere Kultur, und damit wir, hat sich stark gewandelt, vor allem in den letzten zwanzig Jahren. Mit allen Vor- und Nachteilen für uns. Nur leider werfen wir vieles von dem weg, was uns als Mensch ausmacht.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  4. P.S. Ich hoffe dies lesen „die Richtigen“,um auf den Geschmack zu kommen.

    Antworten
  5. Hallo Thomas,
    ich habe mit Interesse Deinen Text zum ‚LIndenbaum‘ gelesen. Der Schriftsteller Hans J. Fröhlich sieht in diesem Text Selbstmordgedanken des Wanderers. Ganz abwegig ist diese Deutung nicht und man kann (aber muss nicht) den Text in diesem Sinn begreifen.

    Und seine Zweige rauschten
    Als riefen sie mir zu:
    „Komm her zu mir, Geselle
    |: Hier findst du deine Ruh 😐

    Nun bin ich manche Stunde
    Entfernt von diesem Ort
    Und immer hör ich’s rauschen:
    |: „Du fändest Ruhe dort 😐

    Würdest du diese Deutung, auch im Rahmen der Stimmung der „Winterreise“, ausschliessen?

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    • Hallo Joachim.

      Anscheinend werden einige Kommentare erst heute angezeigt. Tut mir leid für die späte Antwort!

      Ich glaube die gesamte Winterreise ist in dieser Stimmung verfasst. Ob es auf einen Selbstmord hinausläuft, das weiß ich nicht. Aber die depressive Grundstimmung in den Texten und in der Musik lässt erahnen, dass der Wanderer zumindest mit diesem Gedanken spielt.

      Welche Aufnahme magst Du denn am liebsten?

      Thomas.

      Antworten
  6. Ich weiss nicht, ob ich eine Lieblingsaufnahme habe. Ich hatte früher eher eine Abneigung gegen das Genre Lied und insbesondere Schwierigkeiten mit der Winterreise. Das änderte sich ganz plötzlich, als ich eine Zimmerdecke am Streichen war und die ‚Winterreise‘ im Radio gespielt wurde. Wären meine Hände nicht voller Kleckse gewesen, hätte ich vielleicht umgeschaltet. Aber plötzlich hat die Musik mich so ergriffen, dass ich auf der Leiter sitzen blieb und nur noch konzentriert Olaf Bär zuhörte. Sehr gerne und oft habe ich früher die Aufnahme mit Zeger Vandersteene & Levende Kende gehört, aber die blieb so gut wie unbekannt. Pregardien sen. ist sehr interessant wegen der Hammerklavierbegleitung (Staier) und fasziniert bin ich immer wieder von der Bearbeitung (eine komponierte Interpretation)Hans Zenders.Aber es gibt auch abschreckende Aufnahmen, etwa Pears mit dem grossartigen Benjamin Britten als Begleiter oder …. Bostridge.

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  7. Hallo Thomas, das ist eine sehr schöne und treffende Analyse, die deutlich macht, auf welch meisterhafte Weise im Kunstlied die Textvorlage zuerst geistig erfasst und dann musikalisch „verarbeitet“ wird. Nicht selten – wie hier bei Schubert – entsteht so ein geniales Kunstwerk auf höchstem Niveau. Leider kann das nur wahrnehmen, wer in seiner Jugend wirklich gelernt hat zu hören. In meiner Jugend hatte ich das Lied (auf einer Schallplatte meiner Eltern) ein paar Mal gehört und eher langweilig gefunden; nur die Stelle, in der es wild und stürmisch zuging, hat mich schon damals fasziniert. Die vielen Feinheiten, besonders im Klavier, wie Du sie jetzt beschrieben hast, haben sich mir erst viel später – durch guten Unterricht (!) – erschlossen. Hoffen wir, dass es weiterhin genügend gute Leute gibt, die uns und den nachwachsenden Generationen ein Gefühl für den Wert und die Schönheit guter Musik vermitteln können. Danke noch mal für Deine Mühe!
    Meine Lieblingslieder von Schubert sind übrigens op. 1 und op. 2, (was für ein „Banause“ muss Goethe gewesen sein!), sowie der „Leiermann“.
    Welche Kunstlieder (von Schubert oder anderen) magst Du ganz besonders?
    Beste Grüße, Armin

    Antworten
    • Hallo Armin und schön, wieder einmal von Dir zu hören!

      Mir ging es gleich wie Dir, ich hatte in der Jugend auch keinen Musikunterricht und niemand, der mich gefördert hätte. Aber ich habe das dann später alles nachgeholt. So weit es eben möglich ist.

      Ob Goethe ein musikalischer Banause war, dass trau ich mir nicht zu sagen. Aber seltsam ist schon, dass er Zelter höher bewertete als Schubert oder Beethoven.

      Und mir sind mittlerweile die ruhigen Lieder lieber, wie etwa „Der Lindenbaum“ oder „Der Fischer“.

      Und die einfachen Lieder aus seinen Zyklen, etwa „Frühlingstraum“.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten

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