Venedig und Florenz gehören sicherlich zu den Highlights einer Italienrundreise. Beide Städte gewannen vor allem im späten Mittelalter massiv an Größe, Reichtum und Macht und zählten in der Renaissance zu den wichtigsten Metropolen Europas. Die gigantische Kuppel des Florentiner Doms über den roten Dächern der Stadt oder der anmutige Bogen der Rialtobrücke über den Canal Grande  sind weltweit bekannte und beliebte Ansichten.

So wichtig Religion und Wirtschaft in der damaligen Zeit auch waren, die eigentlichen Zentren der Macht lagen im Mittelalter in beiden Städten woanders. In der Republik Florenz war dies der Palazzo Vecchio, der Alte Palast, der ursprünglich Palazzo della Signoria genannt wurde, also der Palast des Stadtparlaments. In Venedig regierte der Doge als Stadtoberhaupt und sein Sitz war der Palazzo Ducale, der Dogenpalast am Markusplatz.

Die Zeit, in der beide Profanbauten errichtet wurde, also das 14. Jahrhundert, gehört in das späte Mittelalter. Der vorherrschende Stil zur Zeit ihrer Errichtung war die späte Gotik, die jedoch rasch von der Renaissance abgelöst wurde. Bereits die Auswirkungen und letzten Ausläufer der Pest konnten den regelrechten Bauboom im 14. und 15. Jahrhundert, also in der späten Gotik und in der frühen Renaissance, nicht bremsen. Dies betraf sowohl sakrale als auch profane Bauten.

Florenz war in dieser Zeit nach wie vor führend in der Textilindustrie und später im Bankwesen. Venedig dagegen hatte weitreichende Handelsbeziehungen in den östlichen Mittelmeerraum und damit eine enge Bindung an das Byzantinische Reich.

 

Der Palazzo Vecchio in Florenz strebt in die Vertikale. In der oft von Unruhen heimgesuchten Republik war ein trutziger, festungshafter Bau von Vorteil. Die unteren Stockwerke mit ihren Rustizierungen wirken massiv, während sich dieser Eindruck nach oben hin deutlich wandelt. Der Turm und auch die Zinnen, ihrem Ursprung nach zu Verteidigungszwecken ersonnen, tragen in ihren beinahe verspielten und eleganten Formen zur Schönheit und Würde des Bauwerkes bei.

Der Palazzo Ducale in Venedig strebt dagegen in die Horizontale. Die unglaublich breit wirkende Fassade wirkt durch ihre durchgehenden Arkadengänge dennoch sehr leicht und offen. Erst in den oberen Stockwerken wird der Palast massiver.

Florenz und Venedig bieten auf den ersten Blick zwei verschiedene Eindrücke davon, wie Macht präsentiert werden kann, einmal durch Geschlossenheit und Wehrhaftigkeit, dann wieder durch Offenheit und Einsichtigkeit. Die Raumkonzepte beider Gebäude spiegeln die urbane Macht auf ihre individuelle Weise wider.

 

Architektur hat nicht nur einen praktischen, sondern auch einen gesellschaftlichen und sozialen Nutzen. Man erkennt die wichtigen Gebäude meistens an ihrer Form, Größe, Kostbarkeit und Schönheit. Aber nicht allein die Großartigkeit, sondern auch der Stil konnte gesellschaftlichen Wert haben. Man verband die Renaissance stets mit Fortschritt, Nutzen und Humanität. Die Regierungen von Venedig und Florenz, aber auch Rom und zahlreichen anderen Städten, übernahmen den neuen Stil mitunter auch wegen seiner symbolischen Bedeutung. Man lehnte sich gern an die Antike an, nicht nur in Italien.

In Venedig bedeutete das wiederum nicht die Anlehnung an Rom, sondern an das Zweite Rom im Osten, an Konstantinopel und das Byzantinische Reich. Trotzdem fanden sich gotische Formen noch bis weit ins 16. Jahrhundert hinein, nördlich der Alpen manchmal sogar noch länger.

Die Gotik galt zwar in der Zeit von Renaissance und Humanismus oft als barbarisch und altmodisch, ihr wurde aber eben auch eine gewisse Würde und Tradition zugesprochen. Sowohl der Palazzo Vecchio als auch der Palazzo Ducale sind grundsätzlich gotisch. Es gab bei beiden Gebäuden zahlreiche Gelegenheiten zum Neu- oder Umbau und teilweise wurden auch Elemente der Renaissance oder anderer Stilepochen hinzugefügt, von der Inneneinrichtung ganz zu schweigen. Aber in ihrer Grundform hat man den Stil der beiden Gebäude nie grundlegend umgewandelt, auch weil man darin Tradition und Legitimierung sah.

 

Beide Gebäude sind seit Jahrhunderten prägend für das jeweilige Stadtbild. Beide Gebäude sind stilprägend für die Architektur ihrer Heimatstädte und auch darüber hinaus. Und beide Gebäude sind bedeutende Profanbauten der späten Gotik und der frühen Renaissance und zugleich ein Ausdruck für Raumkonzepte städtischer Macht, einmal durch Geschlossenheit und einmal durch Offenheit.

 

(Ch. Sch.)