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Der Pate

Der Pate

Jahrhunderte lang glaubten die Menschen an die Mär vom Wolf als wilder Bestie. Der unser Überleben bedroht und in einer Welt voller Gewalt und Brutalität lebt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt.

Die wildesten Mythen rankten sich dabei um den Leitwolf, von dem man glaubte, dass es ein Wesen der brutalen Stärke war. Ein blutiger Despot, der jedem an die Kehle sprang, der seinen Platz bedrohte.

Auf diesem Bild gründet sich auch die bekannte Sentenz: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“

 

Doch nichts könnte falscher sein als das.

Weder ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, noch sind Wölfe die blutrünstigen Bestien, als die wir sie heute noch sehen.

Vielmehr ist das nur ein Zeichen dafür, wie wir denken und unser Leben führen, aber es hat nichts mit der Realität in einem Wolfsrudel zu tun.

Denn wären Wölfe wirklich so, dann hätten sie als Art niemals überleben können.

 

Beobachtet man Wölfe in freier Natur, dann sieht man, dass es in erster Linie soziale Wesen sind, die in einem fein abgestimmten Miteinander für das Wohlergehen ihrer Familie sorgen.

Natürlich geht es in einem Rudel immer auch um Dominanz und das Durchsetzen von Hierarchie und Regeln. Aber der größte Teil eines Wolfslebens besteht aus sozialen Interaktionen, gegenseitigen Berührungen und dem gemeinsamen Spiel.

 

Daher ist der Rudelführer selten der brutale Wolf, den wir aus den Mythen kennen. Sondern er ist das Tier mit dem stärksten Geist, das am fähigsten ist seiner Familie in einer feindlichen Umwelt das Überleben zu sichern.

Neben ihm gibt es viele Wölfe, die stärker sind als er, bessere Jäger oder schnellere Läufer. Aber es ist keiner da, der so kompetent ist und der sein Leben so bereitwillig in den Dienst seiner Familie stellt.

 

Deshalb gibt es in der freien Natur auch so selten Kämpfe um die Macht.

Denn selbst wenn der Anführer verletzt wird übernimmt kein anderes Tier seine Rolle, sondern er wird so lange gepflegt und versorgt, bis er wieder seinen Platz einnehmen kann.

 

Unter diesem Gesichtspunkt bekommt der Satz: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ eine ganz andere Bedeutung.

Nicht den Mensch als Feind des Menschen zu sehen, sondern ihn als soziales Wesen zu begreifen das auf der Welt ist, um in ihr zu leben und für seine Familie zu sorgen.

 

Jemand, der in diesem Sinne eine Geschichte schrieb, war Mario Puzo.

Sein Buch „Der Pate“ ist heute allgemein bekannt, als das große Epos über einen brutalen Mafiaclan.

 

Aber auch wenn es an der Oberfläche von Verbrechen handelt, von Gewalt, Leid und Gesetzesbrüchen, so gibt es darunter eine viel stärkere Erzählung, die vor allem für uns Männer wichtig ist.

Denn sie enthält Wahrheiten, die wir heute nicht nur vergessen haben, sondern die wir anscheinend gar nicht mehr hören wollen.

 

Die Familie Corleone lebt, wie wir alle, in einer feindlichen Welt. In einer Welt, in der ihr Weg in die Armut vorgezeichnet scheint und es scheinbar kein Entrinnen gibt.

Doch Don Corleone lehnt sich gegen dieses Schicksal auf.

„Er weigert sich, seinen Willen dem der Gesellschaft zu unterstellen. Er weigert sich, nach Regeln zu leben, die andere gesetzt haben, nach Regeln, die ihn zu einem Leben im Elend verdammen.“

 

Was ist das für ein Mann, der es schafft, seinen Willen gegen eine ganze Welt zu stemmen? Der nicht bereit ist sich zu unterwerfen und sich an fremde Regeln zu halten?

Und der unterhalb der scheinbar so ruhigen Oberfläche der Gesellschaft ein eigenes, unabhängiges Reich für seine Familie schafft?

„Er akzeptiert nicht die Regeln der Gesellschaft, in der wir leben, weil diese Regeln ihn zu einem Leben verdammt haben, das einem Mann wie ihn nicht ansteht, einem Mann mit einer so außerordentlichen Kraft und einem so außerordentlichen Charakter.“

 

Das Buch entwickelt einen eigenen Sog, der uns hineinzieht in eine uns unbekannte Welt. In eine Welt der Ehre, der Loyalität und der eigenen Gesetze.

Es entwirft aus sich heraus eine vollkommen stimmiges Bild einer abgeschlossenen Gesellschaft und wir haben bald vergessen, dass es sich im Grunde um Verbrecher handelt.

Sondern wir sehen eine Familie, die im ursprünglichen Sinne wie ein Wolfsrudel lebt. Eine Familie, die wie ein Unternehmen aufgebaut ist und mit ungewöhnlichen Methoden ihren Platz unter ihresgleichen einnimmt.

Und gerade deshalb so erfolgreich ist in ihrem Tun.

 

Die Kernaussage des Buches lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: „Ich vertraue nicht darauf, dass die Gesellschaft uns schützt. … Wenn sich unsere Familie in die Gesellschaft einfügt, dann will ich, dass wir Geld und Besitz mitbringen. Ich möchte für meine Kinder die größtmögliche Sicherheit schaffen, bevor ich sie in die Gesellschaft entlasse.“

 

Jeder Vater kennt diesen Wunsch. Im Innersten hat jeder den Wunsch, genau das für seine Familie zu tun. Sie zu beschützen, ihre Zukunft zu sichern und etwas aufzubauen, dass ihnen ein Schutzschild ist in dieser feindlichen Welt.

Doch die meisten von uns scheinen diese Lektion vergessen zu haben. Viel lieber vergiften wir unser Leben mit Fernsehen, Alkohol und sinnlosen Spielchen, als dass wir uns auf unsere wahre Aufgabe konzentrieren.

 

Mario Puzo zeigt einen anderen Weg, vielleicht einen veralteten, aber auf jeden Fall einen wahreren.

Und ich glaube, deshalb sollten wir ein paar Lehren aus diesem Buche ziehen. An der Geschichte wachsen und sie als das nehmen, was sie ist.

Die Geschichte eines Wolfsrudels, die Geschichte eines Leitwolfes, der sein Leben gibt für die Familie, die er liebt.

 

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