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Der Pharisäer

Der Pharisäer

Hoch im Norden, dort, wo das Land scheinbar im Meer versinkt, wo die Menschen in ihren grob gestrickten Pullovern über karge Felder stapfen und „Schietwetter“ die Bezeichnung für einen typischen Sommertag ist, dort liegt die Insel Nordstrand.

Heute ist sie ja nur noch eine Halbinsel, aber in der Zeit, von der ich hier erzählen will, war sie noch nicht mit dem Festland verbunden und ihre Menschen lebten in einer eigenen, abgeschotteten Welt.

 

Trotzdem waren sie schon sehr früh weitum bekannt. Aber weniger für ihren Ehrgeiz oder die Schönheit ihrer Natur als vielmehr für ihre ausgeprägten Trinkgewohnheiten.

Denn landauf, landab galt der Spruch: „Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd – auf Nordstrand ist es umgekehrt.“

 

Auf diese Insel wurde einst der sittenstrenge Pastor Georg Bleyer versetzt.

Laut Aufzeichnungen freute er sich auch seine neue Herde, doch entsetzt darüber, dass einige seiner Schafe tranken, als stünde die Sintflut bevor, beschloss er, dagegen anzukämpfen.

Doch es reichte ihm nicht, von der Kanzel herab zu predigen, und so ging er von Hof zu Hof und wetterte in den Stuben persönlich gegen den Teufel Alkohol.

 

Eines Tages im Jahre 1872 wurde er zu einer Taufe am Hof des Bauern Peter Georg Johannsen geladen.

Für die trinkfesten Bewohner von Nordstrand war das immer eine willkommene Abwechslung vom Inselalltag und eine Möglichkeit, sich nach Herzenslust zu betrinken.

Doch der Pastor beschloss, ein scharfes Auge auf seine Schäfchen zu haben und dieser Unsitte einen Riegel vorzuschieben.

 

Doch der Bauer Johannsen war auch nicht dumm.

Er gab der Küchenmagd den Auftrag, jeden Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Rum zu versehen, außer den des Pastors.

Damit dieser den Alkoholdunst nicht roch, wurde noch zusätzlich auf jede Tasse eine dicke Haube aus geschlagener Sahne gesetzt und dann serviert.

Der Plan ging auf und die Taufgesellschaft wurde immer fröhlicher und ausgelassener.

 

Das aber machte den Pastor stutzig. In einem unbeobachteten Moment nahm er einen Schluck aus der Tasse seines Nachbarn und entdeckte den Frevel.

„Oh, ihr Pharisäer“ soll er ausgerufen haben – womit an diesem Tag nicht nur das Kind, sondern gleich auch das Getränk getauft waren.

 

Heute wird dieser Kaffee in ganz Nordfriesland getrunken und jede Hausfrau, egal ob auf Sylt, Pellworm, Amrum, Föhr, oder Nordstrand beansprucht für sich, den einzig wahren Pharisäer anzubieten.

Deshalb gibt es auch kein allgemeingültiges Rezept für ihn und der Kaffee wird im Allgemeinen nach Gefühl zubereitet.

Auf jeden Fall gehört ein ordentlicher Schuss Rum dazu, im Normalfall 40 ml pro Tasse.

 

Manch einer wird 40 ml Rum etwas viel finden, aber dem sei folgende Geschichte ans Herz gelegt:

Einst bestellte ein Gast aus Flensburg einen Pharisäer und war mit dem Getränk so gar nicht zufrieden. „Fade“ und „geschmacklos“ sei es, ließ er den Wirt wissen, und dass er nicht bereit wäre, dafür zu bezahlen.

Der Streit landete schließlich vor Gericht, wo der Richter einen Pharisäer mit 2 cl Rum verkostete. Mit dem Ergebnis, dass der Beklagte Recht bekam. Denn, wie es in der Urteilsbegründung heißt, „Der originale Pharisäer wird als hochprozentiges und alkoholhaltiges Getränk beschrieben, und dazu reichen 2 cl bei weitem nicht aus.“

Was für eine kluge Entscheidung!

 

Das ist ein Auszug aus meinem Buch „Kulturgeschichten der Kaffees“. Hier könnt ihr ein Exemplar davon bestellen: Kulturgeschichten des Kaffees

 

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