Select Page

Der Steppenwolf

Der Steppenwolf

„Der Steppenwolf“ war das erste „richtige“ Buch, das ich in meiner Jugend las. Ich weiß noch, wie es mir ein Banknachbar unter dem Tisch zuschob und mir zuraunte, dass ich diesen Band unbedingt lesen müsse, denn darin sei „die Wahrheit“.

Natürlich, die Wahrheit. Ich war mir damals sicher, dass nichts einfacher sei, als sie zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Ha!

 

Seitdem ist ein Vierteljahrhundert vergangen und schön langsam werden meine Haare grau. Doch obwohl ich all den Jahren viele Wege gegangen bin, habe ich nicht das Gefühl, ihr einen Schritt näher gekommen zu sein.

 

Aber dieses Buch!

Was es mir wertvoll machte war die Beschreibung all dessen, was ich in jenen Jahren nur unbewusst empfinden konnte. Den Ekel auf die Gesellschaft, die Trauer über den Verfall unserer Kultur und die Schilderung meiner Einsamkeit.

Und damit begann für mich der Weg des Erwachens.

 

Deshalb möchte ich auch heute meine Reise mit dem „Steppenwolf“ beginnen.

Auch wenn es nach einer schlechten Idee riecht. Auch wenn alle sagen, dass es ein armseliges Werk ist und H. Hesse schon lange veraltet.

Denn das liegt nicht an der Erzählung. Das ist nicht die Schuld des Buches. In Wirklichkeit sind es die Kritiker, die gelernt haben, mit den Wölfen zu heulen und über ihre Träume zu lachen. Und die dabei einen Teil ihrer Seele einbüßten.

 

Genau wie ich.

Auch ich bin reifer und vernünftiger geworden. Aber in Wahrheit habe ich nur meine Träume verloren. Und meine Hoffnung.

Aber dieses Buch berührt mich wieder. Es bringt Saiten in mir zum Klingen, die ich schon lange zerrissen glaubte.

Ich fühle die Einsamkeit, in der Haller lebt. Die Verzweiflung über sein Dasein und die Trauer über das Verschwinden der Kultur. Denn das ist zum wichtigsten Teil meines Lebens geworden.

 

Wieso wird Hesse immer noch als Autor der Jugend abgestempelt? Den man nur liest, wenn man noch „nicht reif“ ist?

Was will man uns damit sagen? Dass wir in der Masse mitlaufen, dasselbe denken sollen wie alle anderen? Geld und Macht höher bewerten müssen als unsere Kultur? Oder die Reste unserer Menschlichkeit?

Ich sage: Nein.

Wehren wir uns dagegen! Lassen wir uns nicht von Unterhaltung und Konsum zuschütten.

Behalten wir die Träume und die Sehnsucht. Denn sie sind das, was unser Leben wertvoll macht. Sie zeigen uns die Spur, die uns zum Menschsein führt.

 

Und dabei kann uns H. Hesse helfen.

 

Denn er war sein Lebtag lang der unverstandene Träumer, der Suchende, der Irrende, der sich immer wieder scheiternd auf die Reise machte.

Und darüber schrieb. In klaren, einfachen Worten. In Geschichten, die uns im Innersten berühren.

 

Wenn ihr Sehnsucht verspürt, wenn ihr merkt, dass etwas Wichtiges in eurem Leben fehlt oder wenn ihr eure Träume vermisst, dann nehmt Hesses Bücher zur Hand. Und beginnt mit dem „Steppenwolf“.

 

Denn dieses Werk ist traurig, es ist so dunkel und müde wie wir. Aber es ist von einer eigenen Schönheit beseelt und treibt einen Pfahl ins versteinerte Herz unserer Zeit.

 

Dieser Harry Haller ist wie wir. Er geht verbittert einsam seinen Weg, denn er hat sich im Dunkel der Welt verloren.  Aber trotzdem geht er weiter, bis dieser Kelch zur Neige ist.

Um dann den Sprung zu wagen, zur Musik, zu den Sternen, um vielleicht zu sich selbst.

 

Auch ich such neue Pfade. Zu meinen geliebten Büchern, zur Musik und unserer Geschichte. Auch ich will diesen Sprung wagen.

 

Und dazu möchte ich euch einladen.

Wir sind alle viel zu weit von unseren Träumen entfernt. Und von unserer Menschlichkeit.

Und deshalb sollten wir uns, gemeinsam mit Haller / Hesse, auf den Weg machen.

 

Schreibt mir doch, was das Buch in euch auslöst. Wo ihr gerade im Leben steht. Und ob ihr auch Sehnsucht habt, euch auf den Weg zu machen.

7 Comments

    • Hallo Christian und danke für die Antwort.

      Wir haben anscheinend denselben Buchgeschmack bzw. einen ähnliche Reise hinter uns. Man findet sehr wenige Menschen, die sich mit E. Fromm und A. Gruen beschäftigt haben. Zweiterer einer meiner liebsten Denker!

      Nur bis zu Nietzsche habe ich bisher noch keinen Zugang gefunden.

      Und danke für den schönen Beitrag!

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  1. Hallo Thomas.
    Den Steppenwolf habe ich erstmals mit 10 gelesen,dass letzte mal vor 2 Jahren.Die Geschichte und Hesse sind für mich,heute wichtiger als je zuvor.
    Wenn alles ins Chaos stürzt, du angeblich zu mitfühlend bist und Menschen einfach nur zum k…en sind…dann lese ich Hesse.
    Menschlichkeit wird nicht mehr gewollt oder völlig falsch verstanden.Zeit für Träumereien werden als Zeitverschwendung abgetan.
    „Du musst dich dieser Welt anpassen“,wie ich diesen Satz hasse.Warum muss ich mich anpassen? Weshalb sollte mein Ich falsch sein?
    Ja ich bin eine Träumerin,ja ich denke meistens mit dem Herzen und dies finde ich völlig in Ordnung. Ich muss mich nicht ändern, nur damit andere sich besser fühlen!

    Danke für Deinen Blog und für Deine täglichen Tweets.

    Liebe Grüße
    Bianca.

    Antworten
    • Hallo Bianca.

      Schon mit zehn Jahren? Beeindrucked. In dem Alter las ich noch Winnetou …

      Menschlichkeit wird wirklich nicht mehr hoch bewertet. Früher war das anders. Nicht immer und überall, aber es war ein Wert der in der Gesellschaft vorhande war. Ich glaube vor allem durch die Beschäftigung mit unserer Kultur und unseren Kunstwerken.

      Und ja, meiner Meinung nach muss man sich nicht anpassen. Es ist Dein Leben, Du musst für Dich selbst Entscheidungen treffen. Du musst ja auch die Konsequenzen tragen und niemand sonst!

      Und gerne. Ich schreibe gerne hier und auf Twitter. Danke dass es Dir gefällt!

      Thomas.

      Antworten
  2. Hi Thomas!
    Vielen Dank für den tollen Artikel.
    wenn ich mich korrekt erinnere, hatte ich meine erste Begegnung mit Hesse vor circa 4 Jahren (mit 15) und zwar mit Unterm Rad. Danach kamen schnell alle anderen Werke.

    Für mich wurde der Steppenwolf zu einem sehr zentralen Werk, da ich mich in gewisser Hinsicht gut mit Haller identifizieren kann. Hesse hat in diesen Protagonisten eine kolossale existenzielle Spannung hineingelegt und das war (und ist) für mich immer noch ein großes Hauptthema: der Existenzialismus.

    Die menschliche Grundfrage nach dem Sinn der Existenz hat mich schon sehr früh in meiner Jugend erreicht, zunächst noch in einer stark pessimistischen Auslegung. Mir schien es zu Zeiten so, als hätte das Leben absolut keinen Sinn, keine Orientierung, sei willkürlich und nutzlos. Durch all die Fäden, die Haller anfangs zusammenführt – die Gesellschaftskritik, der Wandel von Idealismus zu Realismus, der Krieg, das biedere Volk usw. – kommt man genau zu diesem Schluss.

    Immer wieder erstaunlich ist die Wandlung, die Hesses Protagonisten vollziehen oder vielmehr zu vollziehen lernen. Letztendlich hat seine ergreifende Erzählung maßgeblich dazu beigetragen, dass ich diesen Schritt in meinem Leben auch vollziehen konnte.

    Nochmals Danke für den Artikel!
    Herzliche Grüße, Lukas

    Antworten
    • Hallo Lukas.

      Tut mir leid, dass ich so spät antworte. Aber irgendwie klappt es noch nicht mit den Antworten hier und meinen Benachrichtigungen dazu.

      Danke für das Teilen Deiner Gedanken. Und das ist eine sehr schöne Geschichte aus Deinem Leben!

      Wie hast Du es geschafft aus diesem Denken, aus dieser Krise auszubrechen? Vor allem in so jungen Jahren? Denn ich selbst bin immer noch, oder immer wieder, negativ gestimmt und sehe vieles auf der Welt schwarz.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
      • Hallo Thomas,

        Das macht doch überhaupt nichts. Alles zu seiner entsprechenden Zeit 🙂

        Ich denke, dass ich aus meiner Krise ausbrechen konnte, weil ich gelernt habe die Realität von meinen Gedanken über die Realität zu trennen.

        Besonders heutzutage sind wir in unserer verkopften Gesellschaft sowas von Konzepten und Vorstellungen versklavt, dass es mir mittlerweile auch nicht mehr verwunderlich erscheint, wenn bereits 7. Klässler eine existenzielle Krise erfahren (das konnte ich in den letzten Wochen sogar aus nächster Nähe erfahren).

        Damit meine ich natürlich nicht, dass alles irgendwie eine Sache der bloßen Anschauung sei – in dem Sinne, dass man sein Sinnlosigkeitsgefühl dadurch beseitigen könnte, dass man schlicht aufhört über die Dinge nachzudenken.

        Für mich war es zentral zu erkennen, dass es nicht darauf ankommt, was ich vom Leben erwarte, d.h. welchen Sinn ich dem Leben geben kann (wie es ja so oft in der heutigen Zeit beworben wird) – nein, vielmehr muss es doch darum gehen, was das Leben von mir selbst erwartet. Viktor Frankl hat mir mit seiner Geschichte hierzu die nötige Kraft und Perspektive gegeben (ich habe dazu auch einen Artikel geschrieben: https://narabo.de/viktor-frankl-ueber-leid-und-den-sinn-des-lebens).

        Weiterhin habe ich begonnen mich intensiv mit Zen, Buddhismus und Taoismus auseinanderzusetzen und natürlich mit Meditation begonnen. Besonders diese spirituelle Dimension, die heutzutage ja vollkommen unterschlagen wird – hat mir persönlich am meisten gefehlt. Auf diesem Weg habe ich Achtsamkeit, Versenkung und zum ersten Mal wieder echte Gegenwärtigkeit erfahren können.

        Zen ist für den rationalen Europäer einfach unglaublich. Es gibt keine Lehre, keine Götter, keine Gebote, keine Heiligtümer etc. und zugleich nicht den leisesten Anschein von Pessimismus oder Sinnlosigkeit.

        In Summe war es wohl irgendwie die Synthese aus all diesen Dingen, die mit letztlich „gerettet“ hat.

        Herzliche Grüße
        Lukas

        Antworten

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Vorwort

Archive

Blogverzeichnisse

Blogheim.at Logo

Ihr könnt mich jetzt auch unterstützen!