Für manche ein Ort des Lernens, für andere ein Ort zum Vergessen: Die Schule. Erinnerungen an die eigene Schulzeit können quälend, voller Wehmut oder schlichtweg nicht mehr existent sein – vor allem was den Lernstoff angeht. Manche Elemente der Schulzeit hinterlassen bei vielen Menschen allerdings bleibende Eindrücke. Was fühlen Sie, wenn Sie Worte wie „Diktat“, „Vokabeltest“ oder „Elternsprechtag“ hören?

Besonders Elternsprechtage sind für die Beteiligten häufig eine Mischung aus Mut- und Bewährungsprobe. Glücklicherweise finden sie zumeist in der Schule und nicht allzu oft statt. Überhaupt sind Lehrende, Lernende und Eltern in den wenigsten Fällen außerhalb der Schule beisammen. Hausbesuche sind heutzutage eine Seltenheit, was die meisten begrüßen. Denn stellen Sie sich doch einmal vor, dass beispielsweise Ihre unbeliebteste Lehrkraft regelmäßig bei Ihnen einkehren und von Ihnen bewirtet werden müsste – oder umgekehrt, dass Sie als Lehrkraft regelmäßig bei dem größten Störenfried ihrer Klasse zu gastieren hätten! Eine Vorstellung, die bis ins 19. Jahrhundert hinein Realität und als „Wandeltisch“ (auch „Wander- oder Umgangstisch“) bekannt war…

 

Bis in Preußen um 1810 mit diversen Bildungsreformansätzen (u. a. Einführung eines universitären Examens) der Grundstein für eine Professionalisierung des Lehrberufs im deutschsprachigen Raum gelegt wurde, gehörten die in den meisten Fällen männlichen Lehrkräfte nicht zur gehobenen Gesellschaft. (Dagegen stammten Lehrerinnen, die eher in Städten und an privaten Schulen anzutreffen waren, tendenziell aus besseren Verhältnissen. Bis zu Zeiten der preußischen Reformen waren Frauen mancherorts sogar gänzlich aus dem öffentlichen Lehrberuf ausgeschlossen!) Natürlich ging es den Lehrern aber, zumal in städtischen Gegenden, wirtschaftlich tendenziell besser als der „normalen“ Bevölkerung. Und auch ihr Bildungsgrad war vorwiegend höher, musste er aus nachvollziehbaren Gründen ja eigentlich auch sein – eigentlich…

Es gibt nämlich Berichte über Anwärter, insbesondere in ländlichen Gefilden, die des Lesens, Schreibens und Rechnens selbst kaum mächtig waren. Im niederen Schulwesen gab es bis ins 19. Jahrhundert weder eine für alle verbindliche Ausbildung, noch war ein Studium für Lehrkräfte obligatorisch. Vielerorts reichte es aus, als „Schulgehilfe“ bei einem „Schulmeister“ in die Lehre zu gehen, um die Berechtigung des Lehrens zu erwerben. Auch wenn es v. a. im 18. Jahrhundert zahlreiche Versuche gab, diese Missstände durch Gründungen sogenannter „Lehrerseminare“ zu beheben, blieben Ansehen und Besoldung der ländlichen Lehrkräfte vor diesem Hintergrund oft eher dürftig.

Neben der geringen amtlichen Besoldung wurden Lehrer durch das Schulgeld finanziert, welches die Eltern entrichten mussten. Da all das für den Lebensunterhalt zumeist nicht ausreichte, unterhielten Viele nebenbei eine kleine Landwirtschaft oder betrieben ein Handwerk und verdingten sich beispielsweise mit Schusterarbeiten. Darüber hinaus waren auch Nahrungsmittel, häufig in Form von Brot oder Gemüse, ein Teil der Bezahlung.

 

Und natürlich sicherte auch der Wandeltisch das Überleben des einen oder anderen armen Schulmeisters. Regelmäßig gastierte dieser dann bei seinen Zöglingen und deren Familien und ließ sich bewirten. In manchen Fällen nahmen diese Lehrer auch jede ihrer Mahlzeiten auswärts ein, wenn sie über keine eigene Haushaltung verfügten. Jede Familie des Ortes war der Reihe nach für die freie Kost zuständig, übrigens auch für andere Personen in den Diensten der Gemeinde, wie z. B. den Schweinehirten.

Welchen Einfluss der Wandeltisch letztlich auf das Betragen und Lernverhalten der Kinder in der Schule hatte, lässt sich wohl rückblickend nur erahnen. In vielen Fällen war die Praxis des Wandeltischs sicherlich eine Erfahrung, die einen ähnlich bleibenden Eindruck hinterlassen haben könnte, wie so mancher Elternsprechtag späterer Generationen.

 

 

Quellen & Literatur:

Akademische pädagogische Seminare. In: Die Gartenlaube, Heft 40, Leipzig 1861, S. 639.
Grimm Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, https://www.woerterbuchnetz.de/DWB, abgerufen am 20.04.2021:
                   Wandeltisch, Bd. 27, Sp. 1644.
Herrlitz, Hans-Georg et al: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Eine Einführung, Weinheim 2005.
Notz, Gisela: „BdWi – „Fräulein Lehrer““, 2018. https://www.bdwi.de/forum/archiv/uebersicht/10502439.html (abgerufen am 18.04.2021).
Der Wandeltisch und seine nachtheiligen Folgen. In: J. P. Rossel’s Wochenblatt für Elementar-Lehrer, Heft 37, Aachen 1830.
Sandfuchs, Uwe: Geschichte der Lehrerbildung in Deutschland. In: Blömeke, Sigrid et al (Hrsg.): Handbuch Lehrerbildung. Braunschweig/Bad Heilbrunn 2004, S. 14–37.
Uhl, Siegfried: Eine kleine Geschichte des Lehrerberufs. In: Institut für Qualitätsentwicklung (IQ): IQ Kompakt 7, Wiesbaden 2012.

 

(A. M.)