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Der weiße Tiger

Der weiße Tiger

Stimmt es denn wirklich, dass wir die Armen bemitleiden? Legt uns das vorherrschende Weltbild nicht nahe, sie als moralisch anrüchig zu empfinden? Selbst schuld an ihrem Elend und mit einem Makel behaftet?

Wir merken heute gar nicht mehr, wie sehr unser Denken vom Kapitalismus geprägt ist. Wie sehr er alle Bereiche unseres Lebens durchdringt und mit seinen gierigen Fingern bis in die letzten Ritzen unseres Lebens greift.

 

Wenn man sich fragt, wie es dazu kommen konnte, dann lohnt sich, laut Max Weber, ein Blick auf die Stadt Zürich zu Beginn des 16. Jhdt. Denn dort lebte zu jener Zeit ein Kirchengründer, der den denkbar stärksten Einfluss auf unser heutiges Denken hatte.1

Laut J. Calvin hat Gott die Menschen zu Anbeginn der Zeit in Auserwählte und Nicht-Auserwählte geteilt. Und nichts was man in diesem Leben tut hat Einfluss darauf, was nach dem Tod mit der Seele geschieht.

Da es uns Menschen unmöglich ist, mit dieser Unsicherheit zu leben, setzte man alles daran zu erahnen, ob man zu den Auserwählten gehört.

Die sichersten Zeichen dafür waren „unbändiger Fleiß und wirtschaftlicher Erfolg“2. Ein Mensch, der fleißig war und Besitztümer anhäufte, konnte darauf hoffen, zu den von Gott Auserkorenen zu gehören.

 

Für unsere aufgeklärten Ohren mag diese Vorform des kapitalistischen Denkens ein wenig seltsam klingen. Aber wenn man bedenkt, dass die Lehre Calvins den denkbar stärksten Einfluss auf die reformierten Kirchen Nordamerikas hatte und „durch seine Festsetzung in ganz Westeuropa zu einer Weltmacht“ wurde3, versteht man das heutige Tun und Lassen der Menschen ein wenig besser.

 

Denn auch wenn wir an der Oberfläche für die Gleichheit aller Menschen sind, gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, schauen wir doch alle zu den Reichen auf und würden unser Augenlicht dafür geben, zu ihnen zu gehören. Jedenfalls in unseren schwächsten Momenten.

 

In dieser geistigen Umgebung spielt die Erzählung: „Der weiße Tiger.“

Aravind Adiga gibt uns einen tiefen Einblick in das verrottete Herz Indiens. In das Leben seiner reichen Elite, das korrumpierte System seiner Politiker und den Heerscharen seiner Armen, die nie im Leben eine andere Welt kennenlernen werden als eine voller Hunger und Schmerz.

 

Er zeigt, warum die Armen immer arm bleiben werden. Für immer. Nicht nur weil sie klein gehalten werden, weil sie keine Möglichkeit des Aufstiegs haben, sondern weil sie sich ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen können.

Und deshalb niemals aus dem Gefängnis ausbrechen werden. Oder „dem Hühnerstall“, wie er es nennt.

 

Aravind Adiga schreibt die Geschichte eines Aufsteigers.

Er erzählt, wie der aus einer niederen Kaste stammende Balram durch den Mord an seinem Arbeitgeber selbst die Möglichkeit bekommt aufzusteigen. Und dafür alles auf sich nimmt, selbst den Tod seiner eigenen Familie.

 

Der Autor wirft die Frage auf, ob es heute keinen Ausweg gibt. Ob es keinen anderen Weg gibt, keine andere Art der Lebensführung, um das zu bewahren, was uns als Menschen wertvoll macht.

 

Und es zeigt von seinem Talent, dass er nicht versucht, uns moralisch zu belehren, uns eine einfache Lösung zu bieten oder die Tat seines Protagonisten zu bagatellisieren.

Sondern dass er allein die Geschichte auf uns wirken lässt.

 

Und das tut sie. Denn die Welt da draußen ist voll von Balrams aller Art. Und, wie A. Adiga sagt, es werden jeden Tag mehr.

 

 

1      Die protestantische Ethik
2      Calvinismus
3     Kompendium der Kirchengeschichte, Karl Heussi

 

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