Was der Wiener liebte, das erinnerte ihn an den alten Kaiser. Denn der Kaiser, ja, der Kaiser, das war ihm das Allerhöchste und über oder neben diesem stand gerade noch der liebe Gott.

So kam es auch, dass die verschiedensten Speisen mit der Vorsilbe „Kaiser“ geadelt wurden, etwa die Kaisersemmel, das Kaiserfleisch, das Kaiserschöberl oder die Kaisermelange.

Und eben auch der Kaiserschmarrn.

 

Da ist es natürlich lästig, wenn heute graue Männer davon sprechen, dass die Geschichte ganz anders war. Dass nämlich ganz einfach die Speisen von den Köchen der Hauptstadt „a la Casa“, also nach Art des Hauses, zubereitet wurden und sich daraus die Bezeichnung „Kaiser“ herleitet.

Doch damit würden mir nicht nur die schönen Geschichten rund um das Wiener Essen kaputtgemacht, sondern es würde auch die Zauberwelt der Habsburger und ihre Ausstrahlung auf das Leben und die Kultur ihrer Hauptstadt zu einer kalten Anhäufung von Tatsachen, die das Leben banalisieren würden.

 

Daher halte ich mich lieber an die alten Geschichten, die vielleicht nicht im Wortlaut wahr sind, aber die dafür einen tieferen Sinn enthüllen.

Denn es ist wie beim Essen selbst: Nicht auf die Richtigkeit des Rezeptes kommt es an, sondern darauf, dass das, was auf die Teller kommt, uns auch wirklich schmeckt.  

Und in diesem Sinne will ich euch ein wenig über die Herkunft des Kaiserschmarrns erzählen.

 

Die Geschichte, die ich als Österreicher am meisten liebe, ist jene, in der dem Kaiserpaar Sissi und Franz Joseph ein neues Gericht aus Omelettenteig und Zwetschkenröster serviert wurde.

Die immer um ihre schlanke Taille besorgte Kaiserin wollte nicht einen Bissen davon nehmen, da ihr das Gericht zu schwer erschien, und so zog schließlich der entnervte Kaiser das Teller mit den Worten zu sich: „Na geb‘ er mir halt her den Schmarren, den unser Leopold da wieder z’sammenkocht hat.“

Mit diesem „Schmarrn“ aber hatte der Leibkoch Franz Josephs den Geschmack des Monarchen so genau getroffen, dass dieser als Kaiserschmarrn in die Geschichte einging.

 

Eine andere Geschichte kommt ganz ohne Kaiserin aus und hängt mit Franz Josephs großer Leidenschaft zusammen, der Jagd.

Dazu muss man noch wissen, dass es den Schmarrn als tägliches Gericht schon lange gab und dass er durch seine einfache Zubereitung vor allem bei Sennen sehr beliebt war.

 

In Österreich wurde der Senn auch häufig als Kaser bezeichnet (weil er auf der Almhütte den Käse herstellte) und einer von ihnen spielt auch die Hauptrolle in der folgenden Geschichte.

Eines Tages wurde die kaiserliche Jagdgesellschaft von einem Gewitter überrascht und musste in einer Almhütte Zuflucht suchen.

Der Kaser, geehrt, solch hohen Besuch zu haben, setzte dem Kaiser das Einzige vor, dass es in der bescheidenen Hütte gab: einen „Kaserschmarrn“. Franz Joseph kostete davon und war dermaßen begeistert, dass er das Gericht kurzerhand in einen „Kaiserschmarrn“ umtaufte.

Wenn man die Bilder vom alten Kaiser kennt, dann kann man sich richtig vorstellen, wie er in der kargen Hütte sitzt, in seiner kurzen Lederhose und seinem Gamsbart auf dem Hut, und schmunzelnd den Kaser- zu einem Kaiserschmarrn umbenennt.

 

Womit er im Grunde nur Recht tat, denn eigentlich ist der Kaiserschmarrn nichts anderes als ein ganz normaler Mehrschmarrn, den man schon früh in Aufzeichnungen findet wie etwa in F. G. Zenkers 1824 erschienenen „Vollständiger theoretisch-praktischer Anleitung zur feinen Kochkunst für herrschaftliche und bürgerliche Tafeln“.

Und auch die Bezeichnung „Kaiserschmarren“ gab es schon lange vor diesen Geschichten. Denn um 1835 hat das Gasthaus „Zum Sperl“ zum ersten Mal einen Kaiserschmarrn auf seinen „Speisen-Tariff“ gesetzt, und zu dieser Zeit war Franz Joseph gerade einmal fünf Jahre alt und die spätere Kaiserin Sissi noch gar nicht geboren.  

 

Zum Schluss hätte ich noch eine kleine Geschichte.

Trotz seines puritanischen Lebensstils war Kaiser Franz Joseph ein heimlicher Genießer, der zum Nachtisch gerne Palatschinken aß. Natürlich hatte auch sein Leibkoch hin und wieder einen schlechten Tag und so konnte es sein, dass die Omeletten zu dick gerieten oder einfach zerrissen.

So konnte man sie natürlich nicht auf die Tafel stellen, denn es wäre „A Schmarrn, des am Kaiser zu servieren“.

Worauf dann beim Gesinde, dass die Reste verspeisen durfte, bald das Wort vom „Kaiserschmarrn“ in Umlauf war.

 

Aber im Grunde ist es egal, welche Geschichte nun wahr ist oder ob doch die Puristen recht behalten sollen.

Denn wichtig ist doch nur, dass uns der Kaiserschmarren auch heute noch so gut schmeckt wie vor mehr als hundert Jahren dem Kaiser und seiner Frau.

 

 

Mehr zur Geschichte der Wiener Küche (inklusive der schönsten Rezepte) gibt es in meinem neuen Buch: