Wenn man den Zimtstern erwähnt, vor allem wenn man das in der Zeit rund um Weihnachten macht, dann fangen mit Sicherheit alle Augen zu leuchten an. Das hat einerseits natürlich mit der Wirkung des Zimts selbst zu tun, dessen ätherische Öle uns beruhigen und entspannen und dessen Duft uns fortträgt in eine scheinbar längst vergessene Kinderzeit. Noch wichtiger aber erscheint mir, dass das Gewürz an sich tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert ist und sein Besitz schon immer gleichbedeutend war mit Sicherheit, Wohlstand und Macht.  

Denn noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war er eines der teuersten Gewürze des Abendlandes und nur die wenigsten Menschen konnten es sich leisten, ihr Geld für eine so seltene und wertvolle Spezerei zu verschwenden. Deshalb konnte der Normalbürger auch nur mit verständnislos staunenden Augen auf solche Exzesse blicken wie etwa den, als im Jahre 1525 der Augsburger Kaufherr Anton Fugger die Schuldscheine Karls V. vor dessen Augen in einem Feuer aus Zimtstangen verbrannte[1] – ein selbst in diesen Kreisen unvorstellbarer Vorgang und ein fast schon dreistes Zeichen von Reichtum, Macht und Dekadenz.

 

Auf Karl V. werden wir später noch einmal zurückkommen, steht doch die erste schriftliche Erwähnung des Zimtsterns in direkter Verbindung mit seinem Namen. Aber zuerst möchte ich euch noch auf einer kleinen Reise durch unsere Geschichte begleiten.

Was kaum jemanden bekannt sein dürfte ist die Tatsache, dass Zimt und zahlreiche andere Gewürze schon seit den Feldzügen Alexanders des Großen verwendet wurden und bereits in der römischen Antike ein reger Handel mit Asien einsetzte. Im 10. Jahrhundert, ausgelöst durch eine lange Periode des Friedens und des Wohlstands, begann sich dieser Handel zu intensivieren und es war die Lagunenstadt Venedig, die als erste die dem Gewürzhandel innewohnenden Möglichkeiten ergriff und als Umschlagplatz zwischen Orient und Okzident zu einer der führenden Mächte des Abendlandes wurde. Über Venedig lief allerdings nicht nur der Zimt- und der noch weit wichtigere Pfefferhandel, sondern es wurden auch Gewürze wie Ingwer, Muskat oder Nelken gehandelt und über Zwischenhändler bis in den letzten Winkel Europas geliefert.

In den nächsten Jahrhunderten sollte es zu einem wahrhaft verschwenderischen Gebrauch dieser Spezereien kommen, so dass der französische Sozialhistoriker Fernand Braudel es wohl zu Recht die »Tollheit der Gewürze« nannte. Er meinte damit ein sich gegenseitiges Überbieten der europäischen Herrscherschicht in Luxus und Prahlerei, was sich vor allem auch im Essen zeigte. Denn je mehr Gewürze auf der Tafel verwendet wurden, desto schmackhafter schien es den Zeitgenossen und umso angesehener war der Gastgeber und dabei kam es zu solchen Übertreibungen wie bei der Hochzeit des Herzogs von Burgund, bei dessen Festessen die Köche fast 200 Kilogramm Pfeffer verbrauchten (neben all den anderen feinen Zutaten wohlgemerkt!).

Daher ist es nicht verwunderlich, dass bald auch noch eine andere Gruppe ein Auge auf diese Wunder des Morgenlandes warf – eine Gruppe, die sich zwar selbst der Askese verschrieben hatte, die aber nur allzu gern bereit war, diese Regeln für einen höheren Zweck zu brechen und Gewürze gleich verschwenderisch zu verwenden wie der Adel. Denn schon früh war es bei Mönchen Brauch, dass man zur Feier der Geburt Christi erlesenes Backwerk anfertigte und dabei aus Freude über das Kommen des Herrn die erlesensten und teuersten Zutaten verwendete. Und dazu gehörte ohne Frage auch der Zimt! Und so waren es angeblich die Mönche der Zisterzienser-Abtei Altzella[2] bei Nossen, die Mitte des 12. Jahrhunderts als Erste dieses Gewürz für ihr Weihnachtsgebäck gebrauchten und damit den Zimtstern erfanden.

 

Allerdings ist dieses Datum nicht schriftlich belegt und daher gibt es noch andere Theorien zur »wahren« Geburtsstunde des Zimtsterns. Die deutsche Gebäckforscherin Irene Kraus etwa datiert seine Entstehung auf das 16. Jahrhundert, denn hier lässt sich das erste Mal ein genaues Datum feststellen und damit kommen wir, wie schon erwähnt, zurück zu Karl V.

 

 

Mehr dazu gibt es bald in meinem neuen Buch: Kulturgeschichten der Weihnachtsbäckerei

 

 

[1] Wobei nicht zuletzt der Fuggerforscher Richard Ehrenberg darauf hinwies, dass diese Geschichte frei erfunden ist. In Wirklichkeit taucht sie schon sehr früh in ähnlicher Form im Zusammenhang mit verschiedensten Kaufleuten auf und der Bezug zu Anton Fugger wurde erst am Ende des 17. Jahrhunderts künstlich hergestellt.

[2] Das Kloster Altzella (ursprünglich Cella bzw. genauer Cella Sanctae Mariae, Altenzelle, heute Altzella) ist eine ehemalige Zisterzienserabtei.