Als ich Achtzehn war, hatte ich eine Freundin, mit der ich alles teilte. Meine Gedanken, meine Träume, das tägliche Einerlei meines Lebens gerade so wie meine Sehnsucht nach einem freien, wilden Leben.

Doch obwohl wir uns so nahe waren, wurden wir nie ein Liebespaar. Vielleicht, weil wir uns zu vertraut waren, fast wie Bruder und Schwester. Vielleicht auch aus Angst vor dem Verlust unserer Unschuld und der Einsamkeit danach. Ich weiß es nicht mehr.

Aber trotzdem, auch wenn wir niemals die letzte Schwelle überschritten, so war es doch eine der schönsten Liebesbeziehungen, die ich jemals hatte.

 

Eines Morgens rief sie mich an, um mir zu erzählen, dass sie zu ihrem Geburtstag ein kleines Buch bekommen hatte. „Über einen blöden Vogel. Und meine Mutter sagte noch: Lern fliegen! Sag, spinnt die Alte jetzt völlig?“

 

Mich interessierte die Geschichte nicht besonders und wenn ich ehrlich bin, dann vergaß ich sie auch bald. Denn als junger Mensch ist die Welt doch nur ein Spielplatz voller Abenteuer, voller neuer, wichtiger Erkenntnisse und wir haben kaum die Zeit, unseren Freunden wirklich nahe zu sein.

Doch dieses kleine Büchlein sollte mir doch noch in die Hände fallen.

Denn einige Monate später entdeckte ich in ihrem Zimmer, eingeklemmt zwischen Tisch und Bett, einen kleinen Band und holte ihn hervor.

Und so lernte ich schließlich doch noch zu fliegen.

 

Denn hier war ein Buch, das an mein Innerstes rührte. Ein Buch, das meine Sehnsucht beschrieb, meinen Hunger nach einem wahrhaftigeren Leben, nach Freiheit, Leidenschaft und wachen Träumen.

Und das mir einen Weg aufzeigte, einen Weg, den ich gehen konnte, um nicht den Rest meiner Tage in Knechtschaft zu verbringen, im Kampf um das tägliche Brot, im müden Einerlei, gefangen in dieser Schmierenkomödie, die sich Leben nennt.

Hier gab es endlich etwas, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnte. Etwas, das wichtiger war als alles Gold der Welt, wichtiger als Liebe, Freundschaft, Macht und all der Tand, den uns die Welt zu bieten hat.

 

Und diese kleine Möwe wies mir einen Pfad, den ich nur beschreiten musste.

 

Meine Freundin muss bemerkt haben, wie es um mich stand, denn ich erinnere mich noch an ihren seltsamen Blick. Aber das erste Mal in unserer Freundschaft war ich allein.

Denn wo ich einen Lehrer für mein Leben fand, da erblickte sie nur einen schmutzigen, kleinen Vogel.

 

Ich glaube, das war das Ende unserer gemeinsamen Zeit. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollten und danach noch jahrelang befreundet waren. Doch irgendwann trennten sich unsere Wege und heute weiß ich kaum noch etwas von ihr, die einst alles für mich war.

 

Ich ging den Weg, den das Buch mir wies. Stockend, einsam, immer auf der Suche nach meiner Spur. Den größten Teil der Zeit blind stolpernd, verzweifelnd, bis ich schließlich vom Pfad abkam und mich verlor.

Was mir fast das Leben kostete.

 

Aber das alles ist schon lange her und es lohnt kaum noch, davon zu sprechen. Nur in meinen Träumen, in den dunklen Stunden der Nacht, wenn ich weinend aus dem Schlaf aufschrecke, erinnere ich mich noch daran und ich denke voll Dankbarkeit an all jene, die mir damals nahe waren.

 

Die Möwe Jonathan.

Und meine Freundin.

 

Sie hieß Eva.