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Die Suite 01

Die Suite 01

Ich kenne einige Menschen, die nicht verstehen, warum es neben der „Symphonie“ von Beethoven auch noch eine Symphonie von Haydn oder Brahms geben soll.

Ganz zu schweigen davon, dass anscheinend Beethoven mehr als ein Werk desselben Namens geschrieben hat.

Aber das ist ein Irrtum, der sich leicht aufklären lässt. Man muss sich nur bewusst machen, dass die Titel von Musikstücken keine Eigennamen sind, sondern Gattungsbezeichnungen.

Am leichtesten versteht man das, wenn man es mit der Literatur vergleicht.  Auch dort gibt es unterschiedliche Gattungen wie den Roman, ein Gedicht oder einen Essay. Das beschreibt ganz einfach die Form, in der das Buch geschrieben wurde, ganz so, wie es Symphonie, Sonate oder Lied in der Musik tun.

Synonym zu Beethovens „Symphonie Nr. 1“ könnte man auch „Die Buddenbrooks“ als Th. Manns Roman Nummer eins bezeichnen.

 

 

In der Literatur gibt man den einzelnen Werken Namen, weil es eine Kunstform ist, die auf dem geschriebenen Wort basiert. In der Musik ist das nicht der Fall. Hier sollen die Titel nicht von der Hauptsache, der Musik, ablenken und sie soll für sich selbst sprechen. Daher dienen die Namen nur als Hinweis, in welcher Form die Musik geschrieben wurde und dazu, die einzelnen Werke voneinander zu unterscheiden.

 

In den letzten 500 Jahren hat sich eine unglaubliche Menge an verschiedensten Musikformen entwickelt. Uns ist das kaum noch bewusst, denn die einzigen mit denen wir uns im Normalfall beschäftigen sind das einfache Lied oder die Musik, die wir als Hintergrund aus dem Fernsehen kennen.

Aber früher war das anders. Es gibt unzählige Musikgattungen, die sich alle mehr oder weniger voneinander unterscheiden, je nachdem wofür die Musik gebraucht wurde und was man damit ausdrücken wollte.

 

Eine der frühesten Musikgattungen ist die „Suite“. Heute wollte ich eigentlich über die sechs „Cello Suiten“ von J.S. Bach sprechen, aber mir fiel auf, dass ich dazu nicht allzu viel zu sagen hatte. Denn mir war selbst nicht mehr klar, wie die Suite entstanden ist und wo ihre Ursprünge liegen.

Daher habe ich meine verstaubten Bücher aus dem Regal geholt und mich wieder in das Thema eingelesen. In den nächsten Beiträgen werde ich versuchen, euch einen kleinen Überblick über die Entwicklung der Suite zu geben. Um dann erst über ihren Höhepunkt in Bachs Werken sprechen.

 

 

In ihrem Kern ist eine Suite eine Sammlung von Tanzsätzen, das heißt von Musik, die sich im Laufe der Zeit für Feste und zur Unterhaltung entwickelt hat. Deshalb möchte ich als erstes über Tänze und Rhythmen sprechen.

 

Es gibt ein interessantes Experiment. Musikwissenschaftler gingen der Frage nach, welche Parameter für das Erkennen eines Werkes am wichtigsten sind: die Melodie oder der Rhythmus.

In einem Versuch spielte man den Zuhörern einfache, bekannte Lieder vor. In einem Fall mit der richtigen Melodie, aber einem vollständig veränderten Rhythmus, im anderen Fall mit einer frei erfundenen Melodie aber im richtigen Rhythmus.

Das Ergebnis war, dass die Lieder nur dann erkannt wurden, wenn sie im richtigen Rhythmus gespielt wurden. Bei der zweiten Versuchsreihe war das fast nie der Fall.

Wie können das auch bei uns selbst überprüfen, wenn wir an „Hänschen klein“ denken. Durch seinen prägnanten Rhythmus kurz-kurz-lang, kurz-kurz-lang, kurz-kurz-kurz-… würden wir es wahrscheinlich mit jeder Melodie erkennen.

 

Dieses Ergebnis überrascht nur auf den ersten Blick, denn wir müssen bedenken, dass der Rhythmus etwas Urmenschliches ist. Schon das Kind wächst im direkten Kontakt zum Herzschlag seiner Mutter auf und auch unser Leben folgt einem individuellen Rhythmus, egal ob es unser Atem ist, unsere Sprachmelodie oder die Art unseres Gehens.

Auch in Gruppen ist ein gemeinsamer Rhythmus, sei es durch Klatschen oder gemeinsames Singen, wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Wohlbefinden. Man sieht das sehr gut bei Rockkonzerten oder verschiedenen Volksfesten.

 

Schon vor Jahrtausenden wurde diese Methode bei kultischen Handlungen verwendet, indem man durch Klatschen und Stampfen eine gemeinsame Trance erzeugte. Aus dem heraus haben sich dann, über viele Zwischenschritte und losgelöst von jeder kultischen Bedeutung, die ersten Tänze entwickelt.

 

Machen wir nun einen Sprung in der Geschichte und blicken wir auf die Entwicklung im Mittelalter.

Zu dieser Zeit hatte sich in unseren Breiten schon eine reiche Tradition an Tanzmusik entwickelt. Aus dem Wunsch jener Zeit heraus nach größtmöglicher Abwechslung legte man die Form der Tänze so an, dass auf einen geraden Schreittanz ein ungeradtaktiger Springtanz folgte.

Im deutschen Raum hießen diese Tänze Dantz und Hupfauf, am Hofe Pavane und Gagliarde. In anderen Ländern hatten diese Tänze andere Namen (Pavane und Saltarello, Pavan und Galliard), aber das Prinzip der Paarbildung blieb überall dasselbe.

 

Die Form dieser Tänze war im Volk allgemein bekannt und beliebt. Entweder gab es jemanden im Dorfe, der zum Tanz aufspielte oder es kamen Musikanten, die von Dorf von Dorf zogen und bei Festen über die tradierten Melodien improvisierten.

Wie man sich denken kann, besaßen diese Musiker in der Gesellschaft keinen hohen Stellenwert und auch ihre Art der Musik wurde nicht sehr geachtet. Sie wurde einfach mündlich weitergegeben und im Gegensatz zur Kirchenmusik weder niedergeschrieben noch aufbewahrt.

 

Erst im 16. Jhdt. begann sich diese Einstellung zu ändern, wofür es mehrere ineinandergreifende Ursachen gibt.

Bezogen auf unser Thema ist am wichtigsten, dass es in den kulturell bedeutendsten Ländern Europas, vor allem in Frankreich, zu massiven gesellschaftlichen Veränderungen kam, die besonders günstige Voraussetzungen für die Entstehung und Verbreitung mehrstimmiger Tanzmusik schufen.

Hier hatte sich die königliche Zentralgewalt endgültig etabliert und Hand in Hand damit kam es zum Aufstieg eines städtischen Bürgertums durch Handel und Gewerbe. Dadurch brauchte einerseits der königliche Hof Musik für seine glanzvollen Feste und andererseits verwendete das Bürgertum in zunehmenden Maße Musik als Mittel der Repräsentation und für seine Vergnügungsveranstaltungen.

Gleichzeitig kam es in der Renaissance zu bedeutenden Verbesserungen im Instrumentenbau, wodurch sich das Interesse sowohl am Instrumentalspiel als auch an der Fertigkeit der Spieler steigerte.

 

Das alles führte dazu, dass nicht nur die Musik einen höheren Stellenwert bekam, sondern auch die Musiker nicht mehr auf der niedrigen Stufe eines Tanzmusikers verblieben, sondern gesellschaftlich anerkannt wurden.

Im Wechselspiel begannen sie auch selbst, ihr Schaffen wichtiger zu nehmen und ihre Interpretationen der alten Melodien aufzuschreiben.

 

 

Als Sammelbegriff für die schriftliche Niederlegung dieser Tanzsätze und ihrer Sammlung in Heften hat sich der Begriff „Suite“ eingebürgert.

Anfangs wurden einfach die überlieferten Tänze gesammelt, aber bald begannen die Musiker damit, eigenständige Kompositionen zu erschaffen und zu drucken.

 

Anfangs gab es keine einheitliche Norm in der Abfolge der Sätze, sondern bis in die Mitte des 17. Jhdt. blieb es einfach eine beliebige Sammlung von Tanzsätzen. Aber von Land zu Land etablierten sich feste Konventionen, welche Tänze verwendet wurden und in welcher Form man sie aneinanderreihte.

 

Im Barock endlich erlebte die Suite ihre Blütezeit und der Begriff „Suite“ bezeichnet ab diesem Zeitpunkt eine aus mehreren Sätzen gleicher Tonart und überwiegend tanzartigen Charakters bestehende Instrumentalkomposition. Ihre Grundlage waren immer noch überlieferte Tänze, aber in ihrem Kern war es jetzt reine Kunstmusik.

 

Aber bevor wir uns genauer mit der barocken Suite beschäftigen werfen wir das nächste Mal einen Blick auf die Tänze, die den Kern der Suite bilden.

Es sind das die Pavane, die Galliarda, Allemande und Courante, die Chaconne, das Bourrée, die Sarabande und Gavotte, der Siciliano, das Gigue, das Menuett und die Polonaise.

 

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