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Die Variation 01

Die Variation 01

Wir Musiker verwenden das Wort Variation auf zwei verschiedene Arten.

Einerseits meinen wir damit eine eigene Werkgattung wie etwa die „Variationen über den harmonischen Grobschmied“.

Andererseits aber verwenden wir die Bezeichnung für Veränderungen eines Motivs oder Themas (einer Melodie) innerhalb eines Musikstückes.

 

Musikalische Werke könnten nicht über einen gewissen Umfang hinaus komponiert werden, wenn man nicht zuvor verwendetes Material variieren würde.

Wenn man dieselbe Melodie immer wiederholt, wie etwa in Kinderliedern, dann wäre das nach Kurzem langweilig.

 Würde man aber ins gegenteilige Extrem verfallen und unentwegt neue Motive und Melodien erfinden, führt das dazu, dass wir kein geschlossenes Werk mehr vor uns haben, sondern eine kuriose Ansammlung von Einfällen.

 

Deshalb ist man schon sehr früh auf die Technik der Variation gestoßen. Indem man ein bereits verwendetes Thema nach bestimmten Regeln verändert sorgt man für Abwechslung und trotzdem kann der Zuhörer die Entwicklung der Musik nachvollziehen.

Dadurch bekommt sie eine innere Geschlossenheit, die komplexes komponieren erst möglich macht.

 

Ich habe schon in einem anderen Beitrag anhand des Vergleichs mit unserer Sprache zu zeigen versucht wie diese Technik funktioniert.

Nur kurz zur Erinnerung:

„Ich gehe heute im Regen spazieren.“

Wenn wir diesen Satz bekräftigen wollen, dann wiederholen wir ihn.

„Ich gehe heute im Regen spazieren. Ich gehe heute im Regen spazieren.“

 

Um verschiedene Aspekte der Aussage zu unterstreichen oder zu erläutern, kann man den Satz verändern (variieren).

Ihn verkürzen: „Ich gehe im Regen spazieren.“

Ihn erweitern: „Ich gehe heute Vormittag im Regen spazieren und tanzen.“

Oder beliebig verändern: „Ich gehe jetzt im Regen flanieren.“

 

In der Musik kann man, wie in der gesprochenen Sprache, noch viele andere Dinge ändern, etwa den Rhythmus, die Tonhöhen oder die Notenwerte. Möglich ist alles das die Melodie verändert und trotzdem mit dem Ausgangsmaterial in Verbindung gesetzt werden kann.

 

Heute möchte ich aber über die Variation als eigene musikalische Form sprechen.

Auf die Veränderungen innerhalb eines Musikstückes werde ich von Fall zu Fall immer wieder hinweisen, um Motive oder Themen zu verfolgen, Querverweise zu entdecken und so die Werke wirklich zu verstehen.

 

Variationszyklen wurden in allen Epochen der Musikgeschichte geschrieben. Das zugrunde liegende Prinzip ist einfach: Zunächst wird ein Thema aufgestellt und anschließend in einzelnen Variationen auf verschiedenste Art und Weise verändert.

Diese Kompositionsweise war schon in der Renaissancezeit sehr beliebt. So schrieb etwa der Engländer William Byrd für das „Virginal“ Variationen über bekannte Melodien.

 

 

In der Barockzeit entdeckten dann vor allem die Komponisten Nordeuropas (unter ihnen J. S. Bach) die Möglichkeit, Choralmelodien für die Orgel zu variieren.

 

Aber wenn wir heute von „Variationen“ sprechen, dann meinen wir normalerweise die Melodievariation, den vorherrschenden Typus seit der Wiener Klassik.

Dabei wird ein schon bekanntes oder neu komponiertes, meist liedartiges Thema in jeder Variation in immer neuem Gewand vorgestellt und das Ganze in einer Variationsreihe beliebiger Länge entfaltet.

Das Musikverständnis der Wiener Klassik war wie geschaffen für diese Form. Denn im Gegensatz zu den weitschweifenden Themen des Barock mit seinem „immer weiter“ liebte sie klar periodisierte, einprägsame Themen, die sich besonders gut für Variationen eigneten.

 

In der Regel sind die ersten zwei oder drei Variationen sehr einfach gehalten und orientieren sich stark am Thema, so dass der Hörer sie leicht nachvollziehen kann.

Im weiteren Verlauf jedoch wird das Thema immer stärker verändert und die Variationen entfernen sich immer weiter von der Originalmelodie.

 

Geschrieben wurden sie für alle Instrumente. Es gibt Beispiele aus der Kammermusik, für Orchester und jedes Soloinstrument. Aber der Großteil der Werke ist für das Klavier entstanden.

 

Wenn wir heute an die Wiener Klassik denken, dann fallen uns vor allem Komponisten wie J. Haydn oder W. A. Mozart ein.

Und wirklich beschäftigten sich beide immer wieder mit dieser Form, sei es als selbstständige Kompositionen oder auch als Sätze innerhalb von Sonatenzyklen.

L. v. Beethoven und J. Brahms haben dann, entsprechend ihrer Persönlichkeit, diese Werkgattung stark weiterentwickelt.

Bei ihnen wird das Thema nicht mehr einfach variiert, sondern ihre Variationen wurden zu Miniatur-Durchführungen des Materials und die Grundmelodie dient nur noch als Ausgangspunkt für ihre frei schweifende Phantasie.

Die beeindruckendsten Beispiele sind sicherlich die „Diabelli Variationen“ (Beethoven) und die „Paganini Variationen“ (Brahms).

 

 

Die Variationen, die mich persönlich am meisten berühren, bilden den Beginn der A-Dur Sonate von W. A. Mozart.

Es ist jenes Werk dessen Schlusssatz (türkischer Marsch) wohl jedem bekannt ist und das Mozart angeblich auf den Tod eines seiner Kinder geschrieben hat.

Vielleicht hört ihr euch die Variationen einmal an. Wir werden dann in zwei Wochen genauer darüber sprechen.

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