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Ein Kassandraruf

Ein Kassandraruf

Die Sonnenlichter spielten
Über das weithinrollende Meer;
Fern auf der Reede glänzte das Schiff,
Das mich zur Heimat tragen sollte;
Aber es fehlte an gutem Fahrwind.
Und ich saß noch ruhig auf weißer Düne,
Am einsamen Strand,
Und ich las das Lied vom Odysseus,
Das alte, das ewig junge Lied,
Aus dessen meerdurchrauschten Blättern
Mir freudig entgegenstieg
Der Atem der Götter,
Und der leuchtende Menschenfrühling,
Und der blühende Himmel von Hellas.

Heinrich Heine, Poseidon

 

Über fast drei Jahrtausende hallen die Verse Homers, des Schöpfers der Ilias und der Odyssee, wie eine Verheißung, ja fast wie ein Gebet durch das Morgenland, staunenden Lesern vom sagenumwobenen Griechenland, vom Krieg um die Stadt Troja, vom Zorn des göttlichen Achill und der Irrfahrt des listenreichen Odysseus erzählend.

Mittlerweile ist der Klang der schwingenden Hexameterverse weitestgehend verklungen. Außer ein paar fleißigen Schülern an humanistischen Gymnasien und einer Handvoll Altphilologen sind wenige übrig geblieben, welche das Altgriechische zu lesen und zu verstehen in der Lage sind. Der Trend der letzten Jahre ist vielmehr, dass Latein und insbesondere Griechisch wie etwas Schädliches wegrationalisiert werden. Aber auch in seiner deutschen Übersetzung klingt Homer nicht mehr.1

Vom „göttlichen Sänger“ (wie man ihn zu nennen pflegte) ist kaum mehr übrig geblieben als die Erinnerung an ein hölzernes Pferd. Heute wird der Name des wohl einflussreichsten Dichters aller Zeiten vor allem mit einer – sicherlich liebenswürdigen – aber vor allem eben vollkommen unterbelichteten, manisch adipösen und hilflos alkoholabhängigen gelben Comic-Figur assoziiert.

Dabei hat er einst – und dieses „einst“ ist noch gar nicht so lange her – das Denken und Schaffen abendländischer Geistesgrößen beeinflusst wie kein anderer. Die Kette reicht von Alexander, Aristoteles, Vergil, Caesar über Erasmus, Leonardo, Shakespeare bis hin zu Diderot, Rousseau, Goethe (natürlich), Napoleon, Darwin, Rilke, Joyce, Hesse – nur um ein paar zu nennen. Von Homer Superstar zu Homer Simpson war es nur ein kurzer Weg.

Man könnte – und die Frage ist nicht ganz unberechtigt – nun zynisch fragen: so what? Wen interessiert Homer und warum sollte man sich die umfangreiche, anspruchsvolle und nicht sofort zugängliche Lektüre antun? Welchen Nutzen haben schon verstaubte Stoffe aus der antiken Mottenkiste?

Meine Antworten auf diese Fragen klingen zugegebenermaßen wenig spektakulär: die fortschreitende Relevanz und Bedeutung Homers ergibt sich erstens aus dem Umstand, dass er der erste und somit älteste Klassiker der Weltliteratur ist und zweitens, weil er diesen Rang schon nicht umsonst innehat. Beide Gründe verlangen selbstverständlich Erklärungen. Diese sollen nach einer kurzen Vorstellung Homers auch gleich folgen.

 

 

Wer also war Homer?

Die historische Figur schlägt in Sachen Mangel an biografischen Eckdaten sogar Shakespeare. 2

Wir können ihn historisch gerade einmal ins 8. Jahrhundert v. Chr. und geografisch nach Kleinasien verorten und wissen sonst eigentlich gar nichts über ihn, ja nicht einmal, ob es einen historischen Homer überhaupt gab. Teilweise wird aufgrund der Komplexität seines Werkes behauptet, dass es sich bei Homer um einen Sammelnamen für unterschiedliche Autoren, bzw. eine ganze Autorenakademie handelte.

Andere bezweifeln lediglich, dass Ilias und Odyssee mit den so unterschiedlichen Handlungsstrukturen und der unterschiedlichen Ethik von einem Verfasser stammen. Wiederum andere widersprechen und verweisen auf die stringente Form und einheitliche Handschrift der Werke.

Manche halten Homer gar für eine griechische Version der Brüder Grimm, also einen Sammler, der mündlich schon länger bestehende und von wandernden Mythensängern verbreitete Gesänge und Geschichten erstmals verschriftlicht hat. Für diese These spricht, dass das Werk Homers auf eine Zeit datiert wird, in welcher die Griechen das phönizische Alphabet übernommen haben und am Beginn einer neuen Schriftkultur standen.

Der Gedanke gefällt: Homer am Scheidepunkt der Zeiten.

Ach, und blind soll er gewesen sein. Heute wissen wir allerdings, dass das Bild des blinden Dichters in der antiken Welt ein recht gängiges und ehrenvolles Attribut für die besten unter ihnen war. Schade eigentlich. Denn es hat in der Tat etwas Erhabenes und Transzendentales, wenn ein Blinder monumentale Epen schreibt.

Ich will mich hier aber nicht länger in Spekulationen und Halbwahrheiten verstricken; die Bewertung, Einordnung und Deutung historischer Puzzlestücke obliegt dem Experten, nicht dem Laien und soll hier auch keine weitere Rolle spielen. Das Interesse an Persönlichkeiten muss an dieser Stelle daher leider unbefriedigt bleiben. Das Gute daran ist, dass so keine bewegte Biografie den Blick auf das Werk verzerrt.

 

 

Das Argument also, Ilias und Odyssee deshalb weiter lesen zu müssen, weil man das halt schon seit Jahrhunderten so macht, weil Homer ein „Klassiker“ der Weltliteratur ist, stinkt ziemlich nach konservativem Muff.

Es ist eine Errungenschaft (und vielleicht auch eine Bürde) unserer Zeit, alles zu hinterfragen, althergebrachte Dinge nicht mehr einfach hinzunehmen, sondern alles der Prüfung und im Zweifel der Veränderung zu unterziehen. Und so wird die See für Homer und seine ebenfalls längst verstorbenen Dichterkollegen seit Jahren zunehmend rauer.

Die Schillers, Goethes und Kleists stehen nicht mehr wie selbstverständlich auf den Lehrplänen, sondern müssen sich auf einmal rechtfertigen, glaubhaft darlegen, weshalb man ihre altbackene und oft schwer verständliche Sprache noch lesen, weshalb man in ihren Werken noch Sinn und Bedeutung suchen und sie nicht einfach im Ozean der Zeit ersaufen lassen soll.

Ja – warum also?

 

 

Ganz allgemein gesprochen leitet sich die Relevanz der Klassiker erstens aus dem Umstand ab, dass sie unser kulturelles Vermächtnis, dass sie das Erbe unserer Vorfahren sind.

In der Welt, in Europa zu Hause zu sein, bedeutet für den wachen, mündigen Geist, dieses kulturelle Erbe, die Ideen und Beweggründe vergangener Generationen und letzten Endes sich selbst zu kennen. Wir sind schließlich Produkte der Zeit, Glieder einer langen Kette, angereiht an die Überzeugungen, Taten und Nicht-Taten unserer Ahnen; das können wir vielleicht verurteilen oder ignorieren, aber niemals von uns abstreifen.

Es ist oft erst der Dialog mit der Vergangenheit welcher uns das Heute verstehen und das Morgen verantwortungsvoll und vielleicht sogar weise gestalten lässt. So wenig wie wir die EU ohne den 2. Weltkrieg verstehen werden, werden wir Renaissance ohne Antike verstehen. Die Auflösung der Formen durch die Kubisten, allen voran Pablo Picasso, bleibt ohne den teilweise sturen Perfektionismus und Realismus vorangegangener Künstlergenerationen ein farbiges Wirrwarr. Ohne die arabische Baukunst, gäbe es keine Gotik, ohne die Mezquita im spanischen Córdoba, keine Notre Dame de Paris. Die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs bleibt ohne Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ ein Buch mit sieben Siegeln. Und ohne wenigstens rudimentäre Kenntnisse der Bibel und christlichen Ethik, fehlt gleich der essentiellste Schlüssel für die ganze europäische Kultur.

Eins entsteht aus dem anderen, sei es aus Bewunderung, sei es aus Ablehnung.

 

Homer ist nun gleich in zweifacher Weise kulturgeschichtlich bedeutend.

So steht er erstens am Anbeginn von Poesie und Dichtkunst. Er gehört zu den Pionieren, welche Worte nicht lediglich als Information, sondern als Ästhetik verstanden haben, er hat Worte unter dem Takt des erhabenen Hexameter-Versmaßes in bis dato unübertroffener Weise zum Klingen gebracht, er hat Sprache in Rhythmus, in Gesang, in Kunst verwandelt.

Damit hat er den Staffellauf begonnen, auf welchem ihm Generationen von Dichterinnen und Dichtern über die Jahrhunderte nacheifern und ihn vielleicht sogar übertreffen sollten.

Zweitens lässt sich der Dichtervater auch getrost als einer der Gründungsväter Europas bezeichnen. Ähnlich wie Martin Luther mit seiner Übersetzung der Bibel hat Homer, am Scheidepunkt der Zeiten, das Altgriechische definiert und geeint, ihm Konturen gegeben, ein wenig übertrieben könnte man sogar sagen: er hat das Altgriechische erfunden. Und als Sprachschöpfer steht er am Beginn des gesamten europäischen Denkens.

Denn es ist Sprache, es ist immer Sprache, welche am Anfang des Denkens steht.

Erst die Sprache erlaubt es dem Menschen sich seines Verstandes zu bedienen, ein Gedanke ist außerhalb von Sprache nicht denkbar. Erst durch Sprache können komplexe und abstrakte geistige Konstruktionen geschaffen, Ideen entwickelt werden, erst durch Sprache ist Vernunft möglich.

Homer hat die (erste) Masse geliefert, aus welcher seine Nachfolger die schier unendliche Welt der Gedanken geformt, erweitert und verändert haben. Von der euklidischen Geometrie über die Kant’sche Ethik bis zur Relativitätstheorie.

Homer hat gleich dem Prometheus den Menschen das Feuer gegeben, das Feuer welches sie wärmt und erhellt und verdirbt und vernichtet.

Ohne Homer kein Platon, ohne Platon kein Aristoteles, ohne Aristoteles kein Alexander, ohne Alexander kein Hellenismus, ohne Hellenismus keine Verbreitung von Aristophanes, Herodot und Pythagoras in fremde Länder und Hirne. Und ohne Hellenismus: kein Neues Testament. Und ohne Neues Testament: kein Abendland, kein Europa, jedenfalls keines wie wir es heute kennen. Ja, nicht einmal einen Olymp hätte es ohne Homer gegeben, galt sein Werk doch als die wichtigste Quelle für den griechischen Pantheon. Dies unterstreicht nicht zuletzt auch noch seine Bedeutung für Religion und Mythologie im alten Griechenland und darüber hinaus.

 

 

Aber die Klassiker sind bei weitem nicht einfach nur kulturelle Meilensteine.

Der zweite Grund für ihre Bedeutung und Relevanz folgt aus dem Umstand, dass sie schon nicht grundlos Klassiker sind. Augenscheinlich haben sie nicht nur einen Nerv der Zeit, sondern einen zeitlosen Nerv der ganzen Menschheit getroffen, wenn sie schon die Jahrhunderte überdauert und die Besten unter uns begeistert und inspiriert haben.

Unsere Verwandtschaft mit kulturgeschichtlichen Leuchttürmen wird am besten in Malerei und Architektur deutlich. Hier ist am deutlichsten zu sehen, dass Erkenntnis, Schönheit und Ästhetik keiner Mode unterworfen sind, sondern in darüberliegenden Sphären schweben. Die Pyramiden von Gizeh, der Athener Parthenon, das Kolosseum, die Hagia Sophia, der Petersdom – haben sie etwas von ihrem Zauber oder ihrer Bedeutung verloren, weil sie mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben?

Genauso ist es in der Literatur. Haben die Zeilen des Faust im Laufe der Zeit auch nur einen Funken ihrer Gewaltigkeit eingebüßt? Haben die Komödien Molières etwas von ihrem entlarvenden Humor verloren? Rühren uns Verbrechen und Strafe des unglücklichen Raskolnikow nicht auch heute noch zu Tränen? Ist unsere Welt, unser Leben nicht manchmal mindestens genauso absurd wie das des armen Josef K.?

 

Und nicht anders verhält es sich mit Ilias und Odyssee.

Einerseits sind und bleiben sie Meisterwerke dichterischer Handwerkskunst. Die (kombiniert) mehr als zwanzigtausend Verse haben bis heute nichts von ihrem poetischen Klang, von ihrer dichterischen Kraft und ihrer sprachlichen Tiefe eingebüßt.

Andererseits sind sie dramaturgisch packende und wunderbar auskomponierte Erzählungen, Zeitreisen nach Arkadien in das kulturelle Morgengrauen des alten Hellas, mit seinen so göttlichen Helden und seinen so menschlichen Göttern.

Es beginnt alles mit einem Apfel: auf das Versprechen hin, ihm die schönste Frau der Welt zu geben, entscheidet sich Paris der Aphrodite den Apfel und damit den Rang der schönsten Göttin zuteil werden zu lassen. Die Konkurrentinnen Athene und Hera zürnen. Und wenn Hera zürnt, dann kann das ihren Gatten, den Göttervater Zeus, nicht kalt lassen.

Der Konflikt nimmt olympische Ausmaße an, noch bevor er richtig begonnen hat. Paris entführt die ihm versprochene Helena nach Troja, ihr Mann, Agamemnon, tobt und trommelt zum Krieg, die gekränkten Göttinnen Athene und Hera auf seiner Seite wissend.

Parallel zum menschlichen Konflikt, eskaliert der göttliche. Und die unsterblichen Marionettenspieler fahren alle Geschütze auf. Winde werden manipuliert, die Pest verbreitet, Emotionen geweckt und getäuscht, am Ende gibt es wohl keinen Olympier, von Athene bis Zeus, der seine Hände nicht mit im Spiel hat, im Krieg um die Stadt Troja.

 

In der Odyssee lichten sich dann die Reihen und es sind nur noch Athene und Poseidon, welche um das Schicksal des Odysseus streiten. Ach, Odysseus. Er ist der Gegenentwurf zum strahlenden Achill, dem Halbgott und Bezwinger Hectors, nur an der berühmten Ferse verwundbar. In Achilles und Odysseus spalten sich „zwei Grundmöglichkeiten der Weltsicht und Weltbewältigung“. 3

Während das wütende Schwert des Achill viel Leid und Tränen unter die Troer bringt, bedarf es letztendlich aber einer viel mächtigeren Waffe, um sie zu bezwingen: den Verstand des Odysseus.

Erst durch sein trojanisches Pferd gewannen die Griechen den Krieg, erst durch seine List entkamen seine Gefährten dem Hunger des Riesen Polyphem, erst durch seine Raffiniertheit, konnte er, angebunden am Mast seines Schiffes, dem verführerisch-verderblichen Sang der Sirenen lauschen und erst durch seinen unerschütterlichen Glauben, trotz den Verführungen der Nymphe Kalypso, nach fast zwanzig Jahren zu seiner treuen Penelope zurückkehren, natürlich nicht ohne zuvor den frechen Freiern eine Lektion im Bogenschießen erteilt zu haben.

 

Die meisten Leser dürften schon lange bemerkt haben: da ist viel Bekanntes dabei, auch wenn man Homer noch nie gelesen hat. Das Pferd, welches sich heute allerdings mit Vorliebe in Computer einschleicht, die Achillesferse, welche verwundbare Stellen bezeichnet, der Terminus „Zankapfel“, abgeleitet aus der (korrumpierten) Wahl zur Miss Olymp, der Kassandraruf, mit dem vor drohendem Unheil gewarnt wird.

 

 

Homer hat Spuren hinterlassen, Homer hat begeistert. Und Homer kann auch heute noch begeistern.

Sein Werk ist nicht nur kulturgeschichtlich bedeutend, sondern hat auch nach fast dreitausend Jahren nichts von seiner sprachlichen Monumentalität oder dramaturgischen Genialität verloren. Um es in andere Worte zu fassen: auch nach fast dreitausend Jahren ist Homer noch aktuell, fesselnd, lesenswert. Aus seinen Seiten hat der Hauch der alten Götter niemals aufgehört zu wehen. Und es wäre ein unglaublicher Verlust, wenn da niemand mehr wäre ihn einzuatmen.

Es liegt an uns, an Dir und mir, dass wir unsere reiche, europäische Kultur nicht nur wie einen Bauchladen wichtig vor uns hertragen, sondern durch Lektüre und Reflexion echte Träger dieses Erbes, echte Europäer bleiben oder werden. Es liegt an uns, künftigen Generationen nicht die Asche, sondern die Flamme Griechenlands weiterzugeben, welche im Werk Homers noch so lodernd brennt.

 

Ohne Frage: Ilias und Odyssee sind anspruchsvoll.

Die Sprache ist – selbst in deutscher Übersetzung – für den ungeübten Leser sperrig, langatmige Dialoge mit sich wiederholenden Floskeln erschweren eine ungeteilte Aufmerksamkeit, der lyrische Satzbau erfordert oft wiederholtes Lesen; da sind keine mysteriösen Morde, keine atemberaubenden Sexszenen (Hollywood zum Trotz!), und am Ende auch kein umwerfender Plot. Entsprechend ist es auch dem Einsteiger eher abzuraten seine literarische Reise mit Homer zu beginnen. 4

Aber auch hier gilt, was immer im Leben gelten sollte: Schwierigkeit darf niemals ein Hindernis sein. Hohe Kunst ist nun mal eine hoch hängende Frucht. Sie verlangt oft Geduld, Übung, Stille, Konzentration, wiederholte Betrachtung, meditatives Einlassen – also alles was in unserer verrückten, mit ihrem schwindelerregenden Tempo rasenden Zeit immer schwieriger aufzubringen ist.

Leider haben wir über dem Blick in unsere Telefone noch nicht bemerkt, dass wir durch den ständigen Kitzel unseres Informations- und Sensationsdrangs so langsam erblinden für die Welt um und in uns, dass sich unsere kognitiven Fähigkeiten auf Talfahrt befinden.

Symptomatisch dafür ist, dass es immer mehr Menschen schwerer und schwerer fällt, mehrere Stunden auf eine Sache konzentriert zu sein. Paranoiderweise ist es für die meisten leichter für ein Wochenende nach Rom zu fliegen als an einem Abend Michael Kohlhas lesen.

 

Die traurige Diagnose daraus lautet: wir haben das Lesen verlernt.

Anstatt aber die Herausforderung anzunehmen und sich durch Disziplin und harte Arbeit zur geistigen Größe zu erziehen, anstatt wenigstens zu versuchen die Komplexität von Literatur und der Dinge um uns herum zu begreifen, kokettieren wir auch noch mit unserem Unvermögen und servieren alles in sprachlich, und mittlerweile auch inhaltlich verdaulichen Häppchen. Um ja niemanden zu überfordern oder zu nahe zu treten.

Die Folge ist, dass der Durchschnitt zur Norm, dass die Gewöhnlichkeit zum Ziel wird. Und eine Zielsetzung nach unten wird zwangsläufig zur Abwärtsspirale. Es geht hier auch um bei weitem mehr als um das Überleben von Literatur. Verlieren wir die Fähigkeit zu lesen, dann verlieren wir die Fähigkeit zu denken, zu phantasieren, zu staunen, mitzufühlen. Um es unmissverständlich zu sagen: uns droht geistiger Zerfall mit drastischen gesamtgesellschaftlichen Folgen, wenn es uns nicht gelingt, den Abwärtstrend umzukehren.

 

Dabei ist die Lektüre Homers nur ein Baustein von vielen, aber eben ein bedeutender.

Wer sich trotz Hindernissen ernsthaft daran probiert wird wachsen, reifen und irgendwann an die hochhängenden, süßen Früchte gelangen – versprochen!

Also: raus mit Euch in die Buchläden Eurer Dörfer und Städte, kauft Euch eine Übersetzung Eurer Wahl, taucht ab in die magische Welt der Antike und reiht euch ein in die Kette, welche sich über die gesamte Geschichte unseres Erdteils spannt. Ich würde mir für mich, für Euch, für uns wünschen, dass mein Kassandraruf gehört wird.

 

 

 

Luka Sommer ist Dichter, Altphilologe und Völkerrechtler und lebt in München und Genf. Schon seit seinen Schultagen am humanistischen Internat ist er ein Verehrer antiker Literatur. Auf seinem Twitter-Account postet er zu Lyrik und Kunst.

 

1   Es gibt zahlreiche Übersetzungen von Homers Werk und Altphilologen sind in permanentem Streit, welche dem Original am nächsten kommt. Der Autor dieses Texts ist (lediglich) mit den Übersetzungen von Johann Heinrich Voß (1781) und Wolfgang Schadewaldt (1958) vertraut.
2   Die hier von mir vermittelten historischen Eckdaten und Fakten beruhen auf dem Buch „Homer und seine Zeit“ der Althistorikerin und Homer-Expertin Dr. Barbara Patzek.
3   So der Altphilologe Joachim Latacz.

 

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