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Eine Geschichte der Tracht oder: Wie erfinde ich eine Tradition

Eine Geschichte der Tracht oder: Wie erfinde ich eine Tradition

Mit der Geschichte ist es ja interessant. Sie prägt alles, was in der Welt von heute geschieht, ihre Handschrift ist gleichzeitig aber für viele unsichtbar. Es ist vielen Menschen gar nicht klar, wie stark die Welt von heute von der Welt von gestern abhängt.

Daneben gibt es aber auch die gegenteilige Bewegung, in der Dinge als historisch und traditionell wahrgenommen werden, ohne das notwendigerweise zu sein. In Österreich und Bayern – aber auch anderswo – ist die Tracht ein solches Phänomen. Lederhose und Dirndl stehen hier für Traditionsbewusstsein, sie fungieren als Identitätsanker und Zeichen alter Werte.

Dabei wirft ein kurzer Ausflug in die Geschichte schnell ernsthafte Fragen an dieser Bewertung auf. Also: Woher kommen Lederhose und Dirndl denn eigentlich?

 

Tradition wurde auch früher schon groß geschrieben

 

Hosen und andere Bekleidungsgegenstände aus Leder gab es natürlich schon seit langer Zeit. Immerhin war die Herstellung von Leder der Menschheit seit Jahrtausenden bekannt, das bedeutet aber nicht, dass Lederhosen ausgerechnet im Alpenland in einem besonderen Ausmaß verbreitet gewesen wären.

Noch bis in die Frühe Neuzeit trugen Menschen eben das, was da war, und meist war das nicht Leder, sondern ein einfacherer Stoff. Dabei ergaben sich zwar naturgemäß geografische Unterschiede, eine identitätsstiftende Wirkung hatte Kleidung aber nicht.

Welche Identität hätte sie auch stiften sollen? Nein, es verlangt schon nach moderneren Zeiten, um das Konzept einer „Volkstracht“ überhaupt zu ermöglichen.

Konkret braucht es die Ideologie des Nationalismus und somit das 19. Jahrhundert. Da wurde plötzlich die traditionelle Kleidung der Bauernschaft „wiederentdeckt“, instrumentalisiert und zunehmend populär.

 

Das erste Mal, dass eine solche Volkstracht im größeren Stil bekannt wurde, war zur Hochzeit des bayerischen Königs Ludwig I. mit Therese von Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1810.

Eine Hochzeit, die im Übrigen auch den Beginn des Oktoberfests markiert, weshalb eben jene Therese auch Namensgeberin der Münchner Theresienwiese ist.

Im Rahmen dieser Hochzeit fand dort ein Umzug statt, in dem Kinder Gewänder darboten, die die verschiedenen Regionen des bayerischen Königreichs repräsentierten. Diese Trachten waren dabei allerdings frei erfunden und extra für diesen Anlass designt worden! Von Tradition also keine Spur.

Aber alt war eben auch damals schon en vogue. Die Saat war damit gepflanzt und der aufkommende Nationalismus in der Gelehrtenschicht Deutschlands und Österreichs feuerte solche Entwicklungen weiter an.

Zur Silberhochzeit des Königspaares wurde erneut ein Trachtenumzug organisiert und spätestens unter Ludwigs Nachfolger Max I. fand die Lederhose auch Einzug an den bayerischen Hof. Ganz offen sprach sich der neue König für die Förderung einer solchen Volkstracht aus, da sie das Nationalgefühl der Bayern stärken sollte.

Max führte die neue Mode auch gleich selbst vor und ließ sich regelmäßig und insbesondere auf der Jagd in Lederhose darstellen.

 

Von der Elite in die Masse

 

Bis die Lederhosen es in die breitere Öffentlichkeit schafften, dauerte es aber dann doch noch etwas. Irgendwann kam es aber, wie es kommen musste.

Die breiteren Schichten fingen an, sich auch in der Sache am Adel zu orientieren, und ab Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem regelrechten Trachtenboom. Plötzlich gab es überall in Bayern und Österreich Trachtenvereine, die es sich zur Aufgabe machten, die „alten Traditionen“ zu bewahren.

Alte Traditionen freilich, die zum Großteil nur zwei Generationen zuvor noch von Hofdesignern an sie herangetragen worden waren.

Der große Durchbruch der Tracht gelang dann endgültig im frühen 20. Jahrhundert. Im städtischen Bürgertum wurde es da modern, Tagesausflüge aufs Land zu unternehmen, und man wollte sich zu dem Anlass auch „passend“ kleiden. Die Männer legten sich irgendwann Lederhosen zu, die Frauen zogen einfache Sommerkleider an, die sich irgendwann ebenfalls an ländlichen Stilen orientierten.

Oder eben an dem, was man sich als „ländlich“ vorstellte. Das Dirndl war somit geboren.

 

Die heutige Form, wie man sie etwa auf dem Münchner Oktoberfest beobachten kann, gewann die Tracht aber überhaupt erst im Laufe des 20. Jahrhunderts. Sie ist somit also eine wahrlich moderne Erfindung.

Der Nationalsozialismus spielt hier eine besondere Rolle, denn im Hitler-Regime wurde in den Dreißigerjahren sogar eine „Mittelstelle der deutschen Tracht“ geschaffen. Unter der Leitung einer gewissen Gertrud Pesendorfer, Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit, wurde das Dirndl zu dem weiterentwickelt, was es heute noch ist.

Der ursprüngliche hohe Kragen verschwand, die Arme wurden frei, der Rock wurde kürzer, die Taille enger. Ausgerechnet die Nationalsozialisten trieben somit die Erotisierung des Dirndls voran. Wären es nicht die Nazis, müssten ihnen die Wiesenwirte eigentlich bis heute danken.

 

Von Tradition keine Spur?

 

Die Geschichte der Tracht, ob nun in Form der Lederhose oder des Dirndls, ist somit tatsächlich eine ziemlich kurze.

Auch wenn Lederhosen schon früher verbreitet gewesen waren, war es doch erst der Adel und das bayerische Königshaus, das sie als Jagdkleidung im 19. Jahrhundert an die breitere Öffentlichkeit brachten. Es dauerte fast noch ein Jahrhundert, bis die neue Mode auch in den Massen ankam, schließlich die Stadt erreichte und erst im Nationalsozialismus Formen annahm, die uns heute noch bekannt vorkommen können.

Das ist aber vielleicht auch ganz gut so.

Man möchte einem Bauer des 16. Jahrhunderts für die Arbeit auf dem Feld doch beim besten Willen keine enge Lederhose an den Leib wünschen. Da ist es schon gut, dass er andere Optionen hatte.

Trotzdem ist diese Erkenntnis doch eine befreiende. So traditionell, altbacken und ewiggestrig sind Lederhose und Dirndl also gar nicht! Vor nur etwas über hundert Jahren waren sie der neueste Trend der modebewussten Städter Münchens oder Wiens.

Da kann man sie doch heute mit viel weniger verstecktem Scham anziehen. Selbst wenn man nicht ÖVP und CSU wählt.

 

 

Zum Autor

Ralf Grabuschnig ist Historiker, Blogger, Podcaster und Autor. Auf seinem „Déjà-vu“-Blog und Podcast erzählt er alle zwei Wochen aus der Geschichte, immer mit Gegenwartsbezug und einer gesunden Portion Augenzwinkern.

 

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