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Einleitung

Einleitung

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern

Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her

Und sein kleiner Teller

Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören,
Keiner sieht ihn an,

Und die Hunde knurren

Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen,
Alles wie es will,
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter!
Soll ich mit dir geh’n?

Willst zu meinen Liedern

Deine Leier dreh’n?

(Wilhelm Müller)

 

An manchen Tagen fühle ich mich so alt und wunderlich wie Schubert es in seinem Lied beschreibt. Natürlich ist es noch nicht soweit, aber von Zeit zu Zeit verspüre ich schon die ersten Anzeichen.

Manchmal scheint mir, als würde er nicht nur mein Leben schildern, sondern das unserer gesamten Kultur. Sie ist mittlerweile wie ein alter Mann, der auf gefährlich dünnem Eise steht. Der droht, einzubrechen und für immer zu verschwinden.

Doch Schubert gibt uns auch die Lösung an die Hand. Wir könnten ihr noch die alten Fragen stellen: „Soll ich mit dir geh´n? Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh´n?“ Denn dadurch bekäme sie die Möglichkeit, wieder als Wegweiser in unserem Leben zu dienen.

Denn es gibt sie noch. Wenn wir bereit wären, den Lärm der Welt hinter uns zu lassen, würden wir sie finden. Die Welt ist noch voller Erinnerungen an sie, aber wahrscheinlich nicht mehr lange. Denn sie verschwindet. Und, wie ich fürchte, diesmal für immer.

 

Noch vor einer Generation war die Welt eine gänzlich andere. Man kann den jungen Leuten den Unterschied kaum noch erklären, aber wir lebten geistig freier und unabhängiger. Nicht weil wir klüger waren oder „bessere Menschen“.

Sondern wir standen nicht unter diesem Dauerbeschuss an Werbung und Unterhaltung, der uns heute vom Denken und Fühlen abhält. Wir waren gezwungen, uns mit realen Dingen zu umgeben und deshalb war die Welt bunter, lebendiger und um vieles schöner.

Bis vor Kurzem dachte ich noch, dass ich in die bekannte Klage aller „Alten“ einstimme. Dass ich einfach die Jugend nicht mehr verstehe. Aber das Alleine ist es nicht.

Denn es hat sich wirklich etwas Gravierendes verändert und jeder, der älter ist, kann das bezeugen.

Ich werde versuchen, das Ganze am Beispiel meines Lebens zu erklären. Weil es, wie ich glaube, exemplarisch ist für einen „Gebildeten“ unserer Tage.

 

Im Alter von fünfzehn Jahren begann ich mich ernsthaft mit Literatur zu beschäftigen. Es war der „Steppenwolf“, der mir das erste Mal zeigte, dass ich in meiner Verwirrung, mit meinen diffusen Gedanken und Gefühlen, nicht alleine bin. Dass es noch andere gab, die ähnlich empfanden und die über die Gabe verfügten, ihr Leid in Worte zu fassen.

Mit Zwanzig begann ich klassische Musik zu studieren und machte mich auf den Weg, in diese Welt einzudringen.

Bis vor einigen Jahren bestand mein Leben fast ausschließlich aus der Beschäftigung mit ihr und unserer europäischen Literatur. Doch dann habe ich einen falschen Weg eingeschlagen. Ich sprang auf den Zug der Zeit auf und begann täglich mehr meiner wertvollen Zeit in den sozialen Medien und den Weiten des Internets zu verbringen.

Denn mir waren die Gefahren nicht bewusst. Ich bemerkte nicht, wie sich mein Denken und dadurch auch mein Leben veränderten.  

 

Als ich es dann bemerkte, war es fast zu spät. Denn plötzlich erschienen mir Literatur und Musik nicht mehr wichtig. Ich begann sogar einen richtigen Widerwillen gegen sie zu empfinden und das erste Mal in meinem Leben musste ich mich dazu zwingen, ein Buch zu lesen.

Als ich mich umsah wurde mir klar, dass es nicht nur mir so geht. Dass dies anscheinend das Problem aller Menschen in unserer Kultur ist. Dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben, die jeden von uns verändert und uns vergessen lässt, was uns einmal menschlich machte.

 Da entschloss ich mich, damit Schluss zu machen.

 

Ich weiß, dass es schwer wird. Alles in mir sträubt sich dagegen und meine Abhängigkeit will mich nicht loslassen.

Aber ich kann so nicht mehr leben.

 

Denn ich vermisse die Schönheit.

Ich sehne mich nach den Dichtern. Nach den Träumen, die sie bauen. Nach ihren Gedanken und Geschichten.

Und ich weine um die Musik.

Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Brahms, Mahler, Bruckner, Schönberg, Pärt.

 

Ich will mich erinnern können. Erinnern, um meinen Geist und meine Seele zu befreien.

 

Ich weiß so vieles nicht mehr. Ich habe so viele Dinge vergessen. Und das wahrscheinlich für immer.

Und zusammen mit meinem Geist hat sich meine Gefühlswelt verändert.

Mein Denken ist dunkler geworden und in meinem Herzen bin ich zutiefst verbittert.

 

Aber wenn mein verschlungener Weg einen Sinn hatte dann den, dass ich ein wenig an Weisheit gewonnen habe. Ich bin nicht mehr der naive Junge von früher und weiß, dass man um seine Kunst und Kultur kämpfen muss. Dass man zumindest genauso laut schreien muß wie diejenigen, die sagen: „Kultur ist Scheiße! Klassik ist langweilig und die Poesie ist tot!“

Um im Lärm der Zeit zu retten, was noch zu retten ist.

  

Ich will diesen Weg wieder gehen. Zurück zur Musik. Zurück zu den Dichtern. Um noch einmal in meinem Leben wirklich frei zu atmen.

  

Vielleicht will mich jemand begleiten. Denn ich glaube ich weiß noch, wie es geht. Wie man Musik macht. Wie man mit und durch Kunst lebt. Und mit ihr sein Leben und die Welt veredelt.

 

Natürlich ist es nur ein Weg von vielen. Aber es ist mein Weg, der einzige, den ich gehen kann.

 

Wenn ihr mich ein Stück begleitet bekommt ihr vielleicht eine Karte an die Hand, um eure eigene Straße zu finden. Die dorthin führt, wo eure Sehnsucht liegt.

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