Der Titel dieses Artikels, ein Zitat aus dem in Hessen sehr bekannten Lied „Die Hesse komme!“ von der Band Rodgau Monotones, hätte dem großen George Washington, dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, vermutlich nicht gefallen. Aber von vorne…

 

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war trotz eines gemeinsamen Kaisers ein Flickenteppich großer, mittlerer und kleinster Fürstentümer. Die kleineren unter ihnen spielten oft politisch – zumal weltpolitisch – eine eher untergeordnete Rolle. Doch gab es im Laufe der Zeit einige Fürstentümer, die sich mit den Großen messen und den Lauf der Geschichte zu ihren Gunsten verändern wollten.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Landgrafschaft Hessen-Kassel, deren Landesherr Friedrich II. im 18. Jahrhundert in einen der bekanntesten Konflikte der Frühen Neuzeit eingriff – den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783). Aber welche Interessen verfolgte er, dass er sich in einen Krieg jenseits des Atlantiks einmischte, mit dem er eigentlich gar nichts zu tun hatte? 

Die Antwort ist denkbar einfach: Das Geld lockte ihn, genauer gesagt, britische Pfund. Das Königreich Großbritannien suchte als Kolonialmacht in Nordamerika händeringend nach Unterstützung, um den republikanischen Aufständischen unter Führung von General Washington und dessen Verbündeten Herr zu werden, darunter im Laufe des Krieges Frankreich, Spanien und die Vereinigte Niederlande.

Im 18. Jahrhundert war es gängige Praxis, Truppen, sogenannte Subsidientruppen, gegen Bezahlung zu verleihen. Besonders in den mittelgroßen deutschen Fürstentümern, die sich in Welthandel und -politik benachteiligt sahen oder wirtschaftlich zurückgefallen waren, war ein stehendes Heer zwar ein teurer Luxus, aber vor allem eine lukrative Verdienstmöglichkeit. Ausgerüstet mit modernstem Kriegsgerät und bestens ausgebildet, waren seinerzeit die Soldaten deutscher Fürstentümer die Marktführer im Subsidiengeschäft.

 

Gut zu wissen: Preußen ist allgemeinhin als Militärstaat in die Geschichte eingegangen. Tatsächlich verfügte aber Hessen-Kassel seinerzeit prozentual über mehr Soldaten im Verhältnis zur Bevölkerung als das Königreich Preußen. 

 

Als britische Gesandte am Hof Friedrichs II. von Hessen-Kassel um dessen Unterstützung baten, schloss er mit diesen einen Vertrag, der vorsah, dass die Landgrafschaft ihren britischen Verbündeten 12.000 Soldaten im Kampf gegen die Aufständischen in Nordamerika zur Verfügung stellen musste. Die Bezahlung war im wahrsten Sinne des Wortes „fürstlich“, denn ein Großteil floss in die Tasche des Landesvaters, während der Sold der Soldaten verschwindend gering, teilweise sogar gänzlich ausfiel.  

 

Gut zu wissen: Berechtigterweise wurde im Kontext von Subsidienverträgen bereits von den Zeitgenossen von einer Art des Sklavenhandels oder auch vom Soldatenhandel gesprochen. Die Soldaten waren zum Großteil Leibeigene, hatten oftmals keine Wahl und wurden letztlich auch nicht ihrer Dienste entsprechend entlohnt.

 

Anfang März 1776 schickte Friedrich II. die ersten Soldaten über Bremerlehe nach Staten Island (NY). Begleitet wurden diese von Truppen aus anderen Fürstentümern, wie Hessen-Hanau oder Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Kasselaner und Hanauer stellten mit 65% allerdings den größten Anteil der deutschen Truppen, weshalb die Hessen unter ihnen besonders präsent waren. Tatsächlich verpflichtete sich Friedrich II. sogar dazu, die 12.000 Mann dauerhaft in Nordamerika zu halten, sodass er mehrfach Soldaten hinterherschicken musste, um Verluste ausgleichen zu können. Zwangsrekrutierungen waren in den letzten Kriegsjahren keine Seltenheit. Insgesamt kämpften mehr als 30.000 deutsche Soldaten in Amerika, darunter bis 1783 etwa 19.000 aus hessischen Landen.

 

Gut zu wissen: Auf beiden Seiten kämpften Verbände der Ureinwohner Nordamerikas. Mit diesen schlossen die Kriegsparteien diverse, (meist fragwürdige) Abkommen. An der Seite der Briten standen also nicht nur deutsche Soldaten, sondern u. a. auch Krieger der Mohawk und der Cherokee.

 

Die Hessen fochten in unzähligen Schlachten des Unabhängigkeitskriegs. Vor allem in den ersten zwei Kriegsjahren entschieden sie mehrere Gefechte zugunsten Großbritanniens und fügten Washingtons Armee empfindliche Niederlagen zu. So fiel ihnen beispielweise Fort Washington am nördlichen Ende Manhattans in die Hände, das kurzerhand nach dem hessischen General in „Fort von Knyphausen“ umbenannt wurde. Kein Wunder also, dass sich die deutschen Soldaten mit dem großen Anteil aus hessischen Fürstentümern in kürzester Zeit einen weithin gefürchteten Ruf als „The Hessians“ erkämpften.

 

Gut zu wissen: Im Laufe des Krieges wechselten einige deutsche Soldaten die Seiten. Ein freies Leben ohne Fürst, Frondienste und Leibeigenschaft, das die Gegenseite jedem Deserteur versprach, war mindestens ebenso attraktiv wie die versprochene Aussicht auf ein eigenes Stück Land und zeitlich begrenzte Abgabenfreiheit. Für etwa 5000 Soldaten war dies Grund genug, sich dauerhaft in den entstehenden Vereinigten Staaten von Amerika niederzulassen.

 

Dass der Krieg letztlich nicht zugunsten Großbritanniens ausfiel, änderte nichts daran, dass sich der Begriff „The Hessians“ in den USA über die Jahrhunderte erhielt und Eingang in diverse literarische und (pop-)kulturelle Werke fand. Mancherorts ist „Hessian“ noch heute ein Synonym für eine besonders rohe und gefährliche Person.

 

Gut zu wissen: Der gefürchtete kopflose Reiter im Film „Sleepy Hollow“ mit Johnny Depp aus dem Jahr 2000, nach einer Novelle von Washington Irving von 1820, ist ein hessischer Soldat, dessen fehlender Kopf durch den Zusammenprall mit einer Kanonenkugel zu erklären ist.

 

Auch wenn das eingangs zitierte Lied erst 1984 entstand und sich mitnichten auf die Hessen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bezog: Hätte man in George Washingtons Gegenwart den Satz „Erbarme, zu spät, die Hesse komme!“ gesagt, erfreut hätte ihn diese Information vermutlich nicht…

 

(A. M.)

 

Quellen & Literatur
Atwood, Rodney: The Hessians, Cambridge 1980.

Auerbach, Inge: Die Hessen in Amerika 1776–1783, Darmstadt und Marburg 1992.
Fischer, David Hackett: Washington’s Crossing, Oxford 2006.
Hochgeschwender, Michael: Die Amerikanische Revolution. Geburt einer Nation 1763-1815, München 2016.
Lowell, Edward J.: The Hessians and the other German Auxiliaries of Great Britain in the Revolutionary War, New York 1884.