Select Page

Fettklößchen

Fettklößchen

Wenn wir heute durch eine gute Bibliothek schlendern sehen wir Bücher aus den unterschiedlichsten Epochen und Kulturen. Manche stehen weit vorne und werden gerne zur Hand genommen, andere führen ein tristes Dasein in irgendeiner dunklen Ecke und man meint fast zu spüren, wie sehr sie sich nach einem Leser sehnen.

Die meisten Menschen gehen an ihnen vorüber, in der falschen Annahme, dass diese Bücher nichts mit ihrem Leben zu tun haben.

Aber das ist ein tragischer Irrtum. Denn die urmenschlichsten Probleme sind zu allen Zeiten dieselben, das Einzige das sich im Laufe der Zeit verändert ist unser Zugang zu ihnen.

Deshalb muss man versuchen diese Bücher wieder für uns fruchtbar zu machen. Der Weg den man dabei gehen muss ist, sich die Zeit zu vergegenwärtigen in der das Werk entstanden ist. Damit man nicht nur an seiner Oberfläche kratzt, sondern die darunterliegenden, allgemeinen Wahrheiten entdeckt.

 

Aus diesem Grund wenden wir uns heute einer Geschichte aus dem 19. Jhdt. zu und versuchen, sie zu verstehen.

 

1867 stand Napoleon III. im fünfzehnten Jahr seiner Regentschaft als Kaiser der Franzosen. Alleiniger Herr über Frankreich war er gleichzeitig Führer einer Armee, die er, ganz im Sinne seines Großvaters, wieder zur alten „Gloire“ verhelfen wollte.

Im selben Jahr rüstete sich Paris zu einer Weltausstellung die einer erstaunten Welt zeigen sollte, wozu die neu entstandene Industrie der imperialistischen Mächte fähig war. Technische Erzeugnisse, Maschinen, neue Erfindungen und Luxusartikel: all das wurde vor den staunenden Augen der Bürger ausgerollt die sich in dem Gedanken sonnten, die Speerspitze der technischen und geistigen Entwicklung zu bilden.

 

Nach ihrer Eröffnung wurde die Stadt überströmt von Besuchern aus allen Teilen Europas, und die Bürger von Paris sorgten für die Befriedigung aller weltlichen Genüsse, von Essen über Trinken bis hin zu Theater und leichter Liebe.

Doch bei letzterer war man lange nicht so liberal wie man sich gerne gab. Denn auch wenn Paris schon damals als die „Stadt der Liebe“ galt, so empfand man doch gegenüber der Prostitution eine erheuchelte, prüde Moral und stellte eine übertriebene Biederkeit zur Schau.

Das war natürlich ein gefundenes Fressen für Schriftsteller die es sich in zahlreichen Geschichten zur Aufgabe machten, die Doppelmoral dieser Biedermänner an den Pranger zu stellen und zu geißeln.

 

In diesem geistigen Milieu spielt „Fettklößchen“, die Geschichte einer Kurtisane.

 

Frankreich im Jahre 1870. In diesem Jahr stürzte sich der Bonapartismus in sein letztes großes Abenteuer. Überzeugt von der Mission Frankreichs und seiner militärischen Überlegenheit erklärte es Preußen den Krieg, der mit seiner vollständigen Niederlage und der Gefangennahme des Kaisers endete.

Frühmorgens, an einem kalten Wintertag, stehen wir an der Poststation einer kleinen französischen Stadt in der sich einige besorgte Bürger versammelt haben um ihre Heimat zu verlassen. Bei der Abfahrt bemerken sie, dass in der Kutsche auch die stadtbekannte Kurtisane sitzt und voller Biederkeit schließen sie sie aus ihrem Kreis aus.

 

Doch durch widrige Umstände werden sie gezwungen zusammenzurücken und kommen sich auch menschlich näher. Man erkennt, dass auch die Dirne ein Mensch ist, ja, mehr noch, eine waschechte Französin, eine Patriotin, eine Landsmännin mit einem abgrundtiefen Hass auf alles Preußische.

 

Maupassant geht der Frage nach wie schnell Menschlichkeit aufgegeben wird, wenn man dafür bezahlen muss.

Denn bei der ersten Unannehmlichkeit kippt die Stimmung und es treten wieder die alten Trennlinien hervor. Nicht mehr die zwischen den zufällig durch Krieg verfeindeten Parteien, sondern die tiefer liegenden, die zwischen den sozialen Schichten.

 

Maupassant zeigt, wie tief verwurzelt Vorurteile sein können. Wie sehr man bereit ist Menschen, mit denen man noch kurz zuvor bereit war das Brot zu brechen, abzuwerten und der Unmenschlichkeit auszuliefern.

 

Und wie willig die meisten von uns sind sich mit den Tätern zu solidarisieren.

 

Und das Opfer bleibt, was es immer schon war. Ein Mensch, dessen Tränen niemanden kümmern.

 

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Vorwort

Archive

Blogverzeichnisse

Blogheim.at Logo

Ihr könnt mich jetzt auch unterstützen!