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Fischerweise

Fischerweise

Beschäftigen wir uns noch etwas mit Schuberts Liedern. Nicht nur, weil sie unser Herz berühren, sondern auch, weil es zu jedem Bildungskanon gehört, wenigstens eine Auswahl von ihnen zu kennen.

Deshalb starten wir heute mit dem Lied „Fischerweise“.

 

Nachdem wir letzte Woche ein wenig über die Liedform und ihren Aufbau gesprochen haben, glaube ich, dass ihr dieses Lied im Großen und Ganzen schon alleine verstehen könnt. Daher will ich nur ein paar Denkanstöße geben.

 

 

Was sofort auffällt, und was dem Lied einen wichtigen Zusammenhalt gibt, ist die Begleitfigur im Bass, die das ganze Stück durchzieht. Man hört sie in der Aufnahme von 0:10 bis 0:20 zweimal.

Die Großform der „Fischerweise“ ist etwas weiter gespannt als die des letzten Beispiels. Es wird nicht Strophe für Strophe wiederholt, sondern es kommt Strophe 1, dann abgewandelt Strophe 2. Der gesamte Teil wird dann wiederholt, wobei Strophen 3 und 4 den beiden ersten.

 

Str. 1+2: 0:21 – 0:34 / 0:39 – 1:05

Str. 3+4: 1:17 – 1:30 / 1:34 – 2:01

 

Die fünfte Strophe ist eine Wiederholung der ersten, mit dem einzigen Unterschied, dass der Schluss variiert wird, um auf etwas Neues vorzubereiten.

In der sechsten Strophe kommt eine neue Figur, die Hirtin, und spricht zum Fischer. Das ist wahrscheinlich der Grund, dass Schubert hier die Melodie verändert. Es ergibt sich zwar alles logisch aus dem Material des Vorhergehenden, aber die Unterschiede sind doch groß genug, um von etwas Neuem zu sprechen.

 

Str. 5: 2:11- 2:24

Str.6: 2:30 – 2:55

 

Auch diese Strophe wird, um sie deutlich zu machen und zu verstehen, wiederholt.

Um das Lied abzurunden hört man wieder, wie am Anfang, die Begleitfigur im Bass.

 

Kommen wir nun zu einem Lied das mir persönlich sehr viel bedeutet, „Der Lindenbaum“. Wir werden an dieser Stelle nicht auf alle Ebenen eingehen können, denn dieses Werk ist komplexer aufgebaut und schwieriger zu verstehen als die letzten. Deshalb werde nur die Großform behandeln. Den Rest bespreche ich im nächsten Beitrag.

 

 

Hört euch das Lied zuerst ein paarmal an, ohne darüber nachzudenken. Kümmert euch nicht um die Form oder das, was Schubert damit sagen wollte, sondern konzentriert euch nur auf die Musik, die Worte und auf das, was sie bei euch auslösen.

 

Dann versuchen wir bei diesem Lied, den Weg von außen nach innen zu gehen, wie bei einer Zwiebel, bei der man die verschiedenen Schichten ablöst. Bei den ersten Schritten kann ich euch noch begleiten, bei den letzten seid ihr auf Euch alleine gestellt. Denn das ist ein innerer, individueller Prozess, der immer nach einer guten Analyse und Beschäftigung mit einem Werk eintritt.

 

Das Gedicht von Wilhelm Müller:

 

Am Brunnen vor dem Thore
Da steht ein Lindenbaum:

Ich träumt’ in seinem Schatten

So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;

Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,

Da hab’ ich noch im Dunkel

Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst Du Deine Ruh’!

Die kalten Winde bliesen
Mir grad’ in’s Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,

Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör’ ich’s rauschen:

Du fändest Ruhe dort!

 

Sehen wir uns einmal die Großform an. Dazu möchte ich euch ein Mittel vorstellen, das man in der Musikanalyse verwendet. Dort bezeichnen wir musikalische Abschnitte mit Buchstaben, um sie auf diese Weise miteinander vergleichbar zu machen.

Der Vorgang ist ganz einfach. Wenn wir einen musikalischen Abschnitt als A bezeichnen, dann bedeutet ein neuerliches A die wortwörtliche Wiederholung. A´ ist eine Abwandlung von A. A´´ ist ein abgewandelter Teil von A, der nicht mit A´ identisch ist. Wenn man einen Teil mit B oder C bezeichnet, dann weiß man, dass das ein von A unterschiedlicher Teil ist.

Das Ganze ist sehr simpel, aber es macht das Sprechen über Musik um vieles leichter.

 

Die Großform im „Lindenbaum“:

Eine kurze Einleitung im Klavier, ein Vorspiel (VS), dann Teil A der aus den ersten beiden Strophen besteht. Nach einem kurzen Zwischenspiel (ZS) kommen die beiden nächsten Strophen, A´. Die Melodie ist fast vollständig dieselbe wie zuvor. Dann wieder ein kurzes Zwischenspiel und dann etwas Neues. B, die fünfte Strophe, klingt vollkommen anders als alles vorher. Wieder ein Zwischenspiel und die letzte Strophe, dasselbe wie Teil A, nur dass der Text zweimal gesungen wird, damit die Länge der Melodie nicht verändert werden muss. Am Schluss kommt noch ein kurzes Nachspiel (NS).

 

Man kann den formalen Aufbau so skizzieren:    

               VS       A       ZS       A´       ZS       B       ZS       A´´       NS

 

Vielleicht versucht ihr einmal, das Stück nach diesem Muster anzuhören.

 

Ich glaube, für heute reicht das an Theorie. Wir werden nächste Woche noch genauer auf das Stück eingehen und es besprechen.

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