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Hans Christian Andersen

Hans Christian Andersen

Viele der Werke Andersens scheinen keine bewussten Schöpfungen zu sein, sondern vielmehr Volksmärchen, die aus dem Dunkel der Zeit zu uns sprechen.

Dabei sind Märchen wie „Das hässliche Entlein“ oder „Die kleine Meerjungfrau“ sublime Kunstwerke, die vor nicht einmal 200 Jahren entstanden sind.

Entsprungen sind sie alle der genialen Feder dieses dänischen Dichters, der sich trotz einer Kindheit voller Schmerz und Verzweiflung zeitlebens den Glauben an die Schönheit des Daseins erhalten hat.

 

Frühe Jahre

Altes Schuhmacherhandwerk

Hans Christian Andersen (oder H. C. Andersen, wie er sich zeitlebens nannte) wurde am 2. April 1805 in Odense auf der dänischen Insel Fyn geboren.

Sein Vater war ein einfacher Schuhmacher ohne wirtschaftliches Geschick und auch seine alkoholkranke Mutter trug als einfache Wäscherin nur wenig zum gemeinsamen Haushalt bei.  

So war seine Kindheit geprägt von bitterer Armut und dem Kampf ums tägliche Brot. Dass da kein Geld für eine vernünftige Ausbildung des Sohnes blieb ist nur allzu verständlich.

Deshalb flüchtete sich der kleine Junge schon sehr früh in die Welt der Bücher und träumte vom Theater. Ohne der Möglichkeit, seinem Geist die Reize zu verschaffen, nach denen er sich so sehnte, erschuf er sich aus einfachsten Materialien eine Puppenbühne. Dort fand er einen Rückzugsort vor den Ansprüchen der kalten Welt und verlor sich stundenlang in seinen Träumen.

 

Doch auch aus diesen kleinen Freuden wurde er bald gerissen. Als Andersen elf Jahr alt war starb sein Vater und ließ die kleine Familie mittellos zurück.

Nun wurde die Not so groß, dass der Junge gleichzeitig für einen Schneider und einen Weber arbeiten musste. Als auch das nicht zum Überleben reichte, wurde er Arbeiter in einer Zigarettenfabrik.

 

Flucht nach Kopenhagen

Der Hafen von Kopenhagen, Ansicht der Schiffe und der Stadt

Mit vierzehn Jahren entschloss er sich, dieser Fron zu entkommen und er floh nach Kopenhagen. Noch gefangen in seinen kindlichen Träumen war es sein größter Wunsch, ein berühmter Schauspieler zu werden.

„Montag morgen, den 5. September 1819, erblickte ich zum erstenmal von der Anhöhe bei Friedrichsberg Kopenhagen. Dort stieg ich ab und mit meinem kleinen Bündel ging ich durch den Schlossgarten, die lange Allee und die Vorstadt zur Stadt hinein…Mit kaum 10 Talern in der Tasche kehrte ich in einem der kleinen Gasthäuser ein. Meine erste Wanderung war nach dem Theater; ich ging mehrere Male um dasselbe herum, blickte die Mauern hinauf und betrachtete es fast als eine Heimat“

Mit der Hilfe namhafter Gönner gelang es ihm, am Königlichen Theater Unterricht zu erhalten. Aber da ihm jedes schauspielerische Talent gehlte sieht er sich bald gezwungen, seine Ausbildung zu beenden.  

 

So schlägt er sich wieder mit Gelegenheitsarbeiten durch und singt im Theaterchor. Als als er jedoch mit siebzehn Jahren in den Stimmbruch kommt verliert er auch diese Stelle.

Nun fällt er eine Entscheidung, die für sein weiteres Leben bestimmend sein wird: Er schreibt zwei Bühnenstücke, die zwar erfolglos bleiben, aber das Aufsehen des damaligen Direktors des Königlichen Theaters erregen.

Jonas Collin, sein Name sollte voll Dankbarkeit in jedes Denkmal Andersens eingraviert werden, nimmt den Jungen in sein Haus auf und entschließt sich, für seine Zukunft zu sorgen.

 

Ausbildung

Er verschafft ihm einen Platz an der Lateinschule in Slagelsen und überredet den dänischen König, die finanziellen Mittel dafür bereitzustellen.

Nach Abschluss der Schule ermöglicht ihm Friedrich VI. auch drei weitere Jahre an der Gelehrtenschule in Helsingør und Andersen kann anschließend die Universität besuchen.

 

Die Universität von KopenhagenIn dieser Zeit, die geprägt ist von Selbstzweifeln und Selbstmordgedanken, entstehen schon die ersten Erzählungen und Gedichte. Einen frühen Erfolg hatte er mit einer von E.T.A. Hoffmann inspirierten Geschichte: Spaziergang vom Holmen-Kanal zum östlichen Punkt von Amager in den Jahren 1828 und 1829.

Doch schon zuvor entstanden Werke, die ein bezeichnendes Licht auf sein späteres Werk werfen, etwa das Gedicht „Das sterbende Kind“.

Es ist deshalb interessant, weil es nicht in gewohnter Manier eine Geschichte aus der Sicht eines Erwachsenen erzählt, sondern die Welt aus Sicht eines Kindes darstellt.  

Ein Kunstgriff, der später typisch für sein literarisches Schaffen wurde.

 

„Das sterbende Kind“

Mutter, ich bin müde, lass in Deinen
Treuen Armen schlummern nun dein Kind,
Doch versprich mir erst nicht mehr zu weinen
Heiss und brennend Deine Tränen sind
Hier ist es kalt, und draussen Stürme wehen,
Doch im Traum ist alles licht und klar,
Engelkinder hab ich dort gesehen,
Immer wenn mein Aug geschlossen war.

Sieh! Da steht schon eins an meiner Seite,
Hör, wie süss es klingelt, Mutter, sieh
Doch die Flügel, weiss und glänzend beyde!
Mutter, gab ihm unser Vater die?
Gold und Blumen mir vor Augen schweben
Gottes Engel streut sie um mich aus.
Sag, bekomm ich Flügel auch im Leben,
Oder erst in seinem Sternenhaus?

Warum drückst Du meine Hand zusammen,
Warum so an meine, Deine Wang?
Sie ist nass und brennt doch wie die Flammen,
Bey Dir bleib ich ja mein Lebelang.
Laszt nur deine Thränen nicht mehr fliessen
Musz auch weinen, wenn Du traurig bist.
O wie müd! – Es will mein Aug sich schliessen
Sieh doch – sieh – wie auch der Engel küszt.

 

Zeit der Suche

Blume, die Flora DänemarksMit dem Ende seiner Studien beginnt Andersens Weg zum wichtigsten Märchenschriftsteller seiner Zeit.

In einem frühen Märchen (Die Blumen der kleinen Ida) bekommen wir ein schönes, wenn gewiss auch idealisiertes Bild des jungen Autors.

„Meine armen Blumen sind ganz tot, sagte die kleine Ida. Die waren gestern so schön, und nun hängen alle Blätter welk herab, weshalb tun sie das? fragte sie den Studenten, der auf dem Sofa saß, denn sie hatte ihn sehr gern: er konnte die allerschönsten Geschichten erzählen und schnitt so drollige Bilder aus: Herzen mit kleinen Frauen darin, die tanzten; Blumen und große Schlösser, an denen Türen geöffnet werden konnten; es war ein lustiger Student.“

 

In diesem Jahr lernte er auch Riborg Voigt kennen, die Schwester seines Studienfreundes Christian Voigt. Das hübsche Mädchen war angetan von dem jungen Künstler und voller Begeisterung für sein Schaffen, und so verliebte sich Andersen auf der Stelle in sie.

Es kam sogar zu einer heimlichen Verlobung, doch da Riborg bereits einem anderen Mann versprochen war mussten sich die beiden trennen und auf ein gemeinsames Leben verzichten.

Den Brief, den Riborg ihm zu ihrem Abschied schrieb, sollte Andersen in einem kleinen Lederbeutel aufbewahren und für den Rest seines Lebens bei sich tragen.

 

Nach der Heirat seiner ersten Liebe begibt sich Andersen auf die erste seiner zahlreichen Reisen, die ihn nach Deutschland, Italien, Spanien und in das Osmanische Reich führt.

„Am 5. September ging ich über den Simplon nach Italien. Gerade an dem Tage, an dem ich vor 14 Jahren arm und hilflos nach Kopenhagen gekommen war, sollte ich dieses Land meiner Sehnsucht und meines Dichterglücks betreten… Alles war Sonnenschein, alles war Frühling. Die Trauben hingen in langen Gewinden von Baum zu Baum – nie habe ich Italien später so schön gesehen…“

 

Erste Italienreise

Diese Reise wurde zum Vorbild für all seine späteren Reisen. Fast scheint es, als wäre es eine immer wiederkehrende Flucht aus der Einsamkeit seines Lebens, denn sobald es seine Mittel zulassen verlässt er seinen Schreibtisch und zieht durch die Welt.

Am Ende seines Lebens werden es so knapp dreißig Auslandsreisen gewesen sein, die ihn nicht nur quer durch Europa führten, sondern bis in die entlegensten Winkel Asiens und Afrika.

 

Im Oktober 1830 lebt Andersen für einige Wochen in Rom und dort erreicht ihn auch die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Zu seinem Glück hat er einen Kreis von Freunden um sich, die ihn in seinem Leid trösten und so erholt er sich rasch von diesem Schicksalsschlag.

Im Frühling des nächsten Jahres ist er wieder auf Reisen, die ihn diesmal Richtung Süden bis an die Spitze des italienischen Stiefels führen sollten.

In seinen Notizen erkennt man, wie sehr er das Land und die Menschen liebt und wie gut das Leben unter der Sonne Italiens seiner geschundenen Seele tut. Überall läuft er mit offenem Künstlerblick herum und saugt alles auf, um es später in seinen Märchen zu verwenden.

Die Insel Capri„Nur von einer Seite ist die Insel Capri zugänglich; ringsum steile senkrechte Felsenmauern, nach Neapel zu senken sie sich amphitheatralisch mit Weingärten, Orangen- und Olivenhainen. Unten am Strande liegen einige Fischerhütten und ein Wachthaus. Höher hinauf blickte zwischen den grünen Gärten das Städtchen Anna Capri hervor; eine ganz kleine Zugbrücke und ein Tor führen hinein. In Pagani’s Wirtshause, vor dessen Türe eine hohe Palme steht, hielten wir Rast.

Auf Eseln gedachten wir nach der Mittagsmahlzeit zu den Ruinen der Villa des Tiberius hinauf zu reiten; jetzt jedoch erwartete uns das Frühstück, und zwischen diesem und dem folgenden Mittagsessen wollten sich Francesca und Fabiani ausruhen, um Kräfte für den bevorstehenden Ausflug zu sammeln. Gennaro und ich fühlten kein Bedürfnis dazu. Die Insel kam mir nicht größer vor, als dass wir sie nicht ganz gut in ein paar Stunden umrudern und uns die hohen Felsentore ansehen könnten, die sich gegen Süden isoliert aus dem Wasser hervorheben.

 Wir nahmen ein Boot und zwei Ruderer; ein leichter Wind hatte sich erhoben, so dass wir ungefähr während des halben Weges die Segel gebrauchen konnten. Die See brach sich an den niedrigen Schären. Zwischen denselben lagen Fischnetze ausgespannt, so dass wir, um diese nicht zu verletzen, zunächst ein Stück weiter hinaus in das Meer stechen mussten. Es war eine köstliche lustige Fahrt in dem kleinen Boote. Bald sahen wir vom Meere nach dem Himmel zu nur die senkrechten Felsen, die grauen Steinmassen, hier und da in den Spalten eine Aloe oder eine wilde Levkoje, aber nicht einmal so viel festen Boden, dass er auch nur für einen Steinbock genügt hätte. Unten in der Brandung, die wie ein bläuliches Feuer in die Höhe schlug, wuchsen an den Felsen die blutroten Seeäpfel, die, feucht vom Wasser, einen doppelten Glanz hatten. Es schien, als blutete der Felsen bei jedem Wellenschlage.“

 

Der größte Märchenerzähler seiner Zeit

Nach Jahren des freien Schweifens sieht sich Andersen aus Geldnot gezwungen, mit seiner eigentlichen Arbeit zu beginnen. Es entstehen die ersten vollwertigen Märchen, etwa „Die kleine Meerjungfrau“, in der man deutlich den Einfluss Italiens erkennt.

Jahrelang sollte er nur verbissen an seinem Werk arbeiten, ohne dass sich der ersehnte Erfolg einstellt.

Erst als im Jahre 1847 in Leipzig ein schmaler Band mit dem Titel „Gesammelte Werke“ erscheint, der eine Sammlung mehrerer seiner Märchen enthält, beginnt sich das Blatt zu wenden und Andersens Stern beginnt zu steigen.

 

Das hässliche Entlein, ein junger SchwanDas deutsche Publikum liebt ihn von der ersten Zeile an und langsam sehen sich auch die Kritiker gezwungen, ihre Meinung zu revidieren.

Auf ihre Frage, ob er denn seine Lebensgeschichte aufschreiben würde, erwidert er einmal, das sei längst geschehen, und zwar in der „Geschichte vom hässlichen Entlein“.

Wem die Geschichte vertraut ist der erkennt die feine Spitze, die er gegen die dänischen Kritiker führt, die ihn so lange missachtet hatten.

 

Als ihm schließlich auch König Friedrich VI. eine jährliche Pension von 400 Reichstalern aussetzt, ist er von allen Geldsorgen befreit und kann sich ganz auf sein Werk konzentrieren.

„Es war als ob von diesem Tage an die Frühlingssonne in meinem Leben beständiger scheinen sollte; ich empfand eine größere Sicherheit, denn schaute ich zurück über die Jahre meines Lebens, so sah ich klarer, dass eine liebevolle Vorsehung über mir wachte, dass alles, wie durch höhere Gewalt für mich zum Besten gelenkt wurde…“

 

Mehr als zwanzig Jahre arbeitet er nun an seinem Werk, dass ihn zu einem der größten Märchendichter Europas machen sollte.

Es entstehen solche Klassiker wie „Der standhafte Zinnsoldat“, „Die wilden Schwäne“ oder „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er auf dem Landsitz „Rolighed“ bei Kopenhagen, eingesponnen in die Welt seiner Träume und unermüdlich schaffend an seinem Werk.

 

Als er siebzigjährig stirbt, ist er längst ein international anerkannter und von seinen Lesern geliebter Autor.

Bei seiner Trauerfeier finden sich unzählige Menschen ein und wenige Zeit später erklärte man Andersen zum dänischen Nationaldichter.

Mit der 1913 aufgestellten Skulptur der kleinen Meerjungfrau wurde ihm schließlich ein Denkmal gesetzt, das noch heute als Wahrzeichen Kopenhagens gilt.

 

Sein Nachlass

Die kleine MeerjungrauViele seiner Werke zählen noch heute zum Fundus der Weltliteratur und werden von Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen gelesen und geliebt.

Angelehnt an die Erzählungen und Sagen Europas bearbeitet er die verschiedensten Volksmärchen und schafft, inspiriert von den literarischen Strömungen seiner Zeit, eine einzigartige Symbiose, die ihn zum bedeutsamsten Märchenerzähler seiner Zeit macht.

In einem Leben voll unermüdlicher Arbeit erschuf er 168 Märchen und mehr als 1000 Gedichte.

 

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