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Herr und Hund

Herr und Hund

In unserer Welt ist es schwer geworden, sich ein erfülltes Leben überhaupt noch vorzustellen. Wir sind so sehr von unseren Wurzeln abgeschnitten, von unserer Menschlichkeit, dass die meisten Menschen schreiend zusammenbrächen, sähen sie sich einmal ungeschminkt im Spiegel.

Ich will damit nicht in den geistlosen Ruf: „Zurück zur Natur!“ einstimmen. Ich glaube nicht, dass nur die Naturvölker gut sind und wir unsere Kultur verwerfen sollten.

Ganz im Gegenteil. Ich liebe unsere Kultur. Ich liebe ihre Musik, ihre Gedanken und unsere gemeinsame Geschichte. Und vor allem liebe ich die Literatur und die Art der Menschlichkeit, die sich nur durch sie entwickeln konnte.

Aber trotzdem, ich glaube, dass wir einen zu hohen Preis dafür gezahlt haben. Vor allem wir Männer.    

 

Ich glaube, Th. Wolfe war es, der einmal sagte, dass eine Frau immer vollkommen ist und in sich ruht, weil sie Kinder gebiert und großzieht.

Und einem Mann immer etwas fehlen wird. Dass sein Herz, egal was er auch tut und wie alt er wird, immer voller Sehnsucht bleibt, immer beseelt vom Wunsch hinaus zu ziehen, die Welt zu erobern, Neues zu finden und zu erleben.

Dass er Herr über seinen Acker sein will, über sein Haus, über seine Gedanken und Gefühle. Freund unter Freunden und aufgehoben in einer Familie, die er liebt.    

 

Klingt das altmodisch? Längst überholt? Falsch und dumm? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, tief im Herzen kennen alle Männer diese Sehnsucht. Diese leise Stimme, die uns ruft.

Vor allem heute, in einer Zeit, in der uns all das genommen wurde.    

 

Ich glaube, dass auch Th. Mann diese Sehnsucht kannte.

Heute gilt er uns nur noch als Relikt einer untergegangenen Zeit. Als intellektueller Artist, der mit Sprache und Form spielte und unfähig war, wirklich tief zu empfinden.  

Aber wenn das stimmt, wie hätte er den „Tod in Venedig“ schreiben können? Wie hätte er die „Buddenbrooks“ oder den „Tonio Kröger“ erschaffen können, wenn nicht heißes Blut durch seine Adern geflossen wäre?    

 

Er erscheint uns nur deshalb als Kopfmensch, weil wir nicht mehr gewohnt sind, wirklich tief zu blicken. Und weil wir, wenn wir von Künstlern sprechen, nur mehr den kleinen Ausschnitt der Boheme im Sinne haben. Den Künstler als immer leidendes, an der Welt verzweifelndes Wesen das abseits der Gesellschaft steht und über den man im besten Falle lächelt, aber niemals ernst nimmt.

Aber das ist eine dumme Reduktion, denn Künstler sind viel mehr als das.

Sie sind zwar zerrissene Wesen, aber anders, als man gemeinhin annimmt. Jeder von ihnen hat zwei Seiten in sich, die er in Einklang bringen muss.    

 

Auf der einen Seite seinen Geist, seinen Intellekt, der ihn zwingt sein Werk zu formen und sich nicht dilettantisch in Gefühlen zu suhlen.

Und auf der anderen Seite ist es sein Blut, seine Leidenschaft, ohne die er nur ein Techniker wäre, ein Mathematiker der Form.

Jeder Künstler hat beides in sich, und es zeugt von seinem Mut und seinem Talent, wie sehr es ihm gelingt, beide Seiten harmonisch in seinem Werk ausschwingen zu lassen.    

 

Was macht man aber, wenn man als Mann der Tat (ja, auch geistige Menschen sind Männer der Tat!) an den Schreibtisch gebunden ist? Wenn man aus vollster Seele Geistmensch sein will und nur in seiner Arbeit lebt?

Was macht dann all das, was man zurückhält?

In einer seiner späten Erzählungen, „Der Tod in Venedig“, beschreibt Th. Mann es selbst. Wie sich das so lang zurückgestaute Leben Bahn bricht, wie es einen kleinen Spalt sucht, die Dämme einreißt und sich in einer Sturzflut ergießt, gegen die es keinen Halt mehr gibt.    

 

Ist es nicht seltsam, dass H. Hesse, nur einige Jahre später, in einer Zeit als er Ähnliches erlebte, in einem seiner zentralen Werke einen Steppenwolf als Zeichen seiner Seele verwendete?

Wieso nicht einen Tiger? Oder einen Adler?

Ein Adler hätte doch viel stärker von seinem Wunsch nach Freiheit gesprochen, von seiner unabhängigen Seele und seiner Lust weiterzugehen.    

 

Ich glaube, dass es zwischen einem Mann und seinem Hund ein tiefes Band gibt. Tiefer als wir es uns normalerweise eingestehen wollen. Denn Hunde leben all das, was Männern in unserer Kultur abgeht. Treue, Ehrlichkeit, Lebendigkeit, Mut, Klugheit und Stärke.

Ich glaube, dass auch Th. Manns durch seinen Hund Anteil an dieser Freiheit fand. Auch wenn ihm das nicht bewusst war, so spricht es doch aus jeder Zeile seiner Geschichte.    

 

Seine Sehnsucht nach Bewegung, seine Lust auf Jagd und Freude.

„Da ist es die Jagd mit Bauschan, die mich zerstreut und erheitert, die mir die Lebensgeister weckt und mich für den Rest des Tages wieder instand setzt.“ 1    

 

Es berührt, wie dieser harte Geistesmensch an seinem Hunde hängt.

„Erheiterung und Sympathie bewegen mir die Brust, wie fast ohne Unterlass in seiner Gesellschaft und Anschauung.“ 1    

 

Und doch ist die ganze Geschichte durchdrungen von einem zarten Gefühl der Wehmut. Von dem Bewusstsein, dass er nicht der Mann war, der an der Seite eines Freundes steht.

„Sein Traumleben war zu offenkundig nur ein künstlicher Ersatz für wirkliches Rennen und Jagen, den seine Natur sich bereitete, weil das Glück der Bewegung im Freien ihm beim Zusammenleben mit mir nicht in dem Maße zuteil wurde, wie sein Blut und Sinn es verlangte.“ 1    

 

Oder, wie es jeder Mann in unserer Welt nur allzu früh lernen musste: „Sein Leben ist Warten …“ 1    

 

1    „Herr und Hund“, Thomas Mann

 

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