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Hesse Gedichte

Hesse Gedichte

Heute möchte ich ein wenig über das lyrische Werk Hesses sprechen.

Ich muß gestehen dass ich kein Liebhaber von Gedichten bin. Ich gehe zwar nicht so weit wie Ch. Bukowski, der einmal gesagt hat: „Die meisten Bücher sagen zu wenig aus mit zu vielen Worten. Und die meisten Gedichte sagen zu viel aus mit zu wenigen Worten.“

Aber es stimmt dass ich mit Poesie meist überfordert bin und mich dann schnell langweile. Es ist die gedrängte Sprache und die Dichte der Bilder und Gefühle die sie transportieren, die mir als Liebhaber weitschweifiger Prosa das Gefühl geben, dass hier zu viel in zu kurze Zeit gedrängt wird.

 

Aber, da wir uns mit Hermann Hesse befassen und er sich ein Leben lang als Lyriker empfand, will ich heute einen kurzen Blick auf diesen Teil seines Schaffens werfen.

Denn ein paar seiner Gedichte liebe ich sehr und die würde ich gerne mit euch teilen. Falls ihr Lust auf mehr bekommt, es gibt wunderschöne Ausgaben seiner Werke. Ich kann euch nur ans Herz legen eine Gesamtausgabe seiner Gedichte zu kaufen und immer wieder darin zu blättern. Und falls ihr auf eines stoßt das zu euch spricht dann bleibt stehen, verweilt dabei und versucht es vollständig in euch aufzunehmen.

 

Wohl das bekannteste Gedicht Hesses ist „Im Nebel“

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

 

Ein Gedicht das mich persönlich sehr berührt ist „Ravenna“. Es entstand auf seiner ersten Fußreise durch Italien, dem Land das er so liebte.

Es war noch die Zeit der staubigen Landstraßen, ohne Massentourismus und allen Annehmlichkeiten die wir heute kennen. Dafür war sie, in Hesses Worten, um so vieles lebendiger als heute. Die Menschen verbrachten ihre Zeit auf der Straße, im Gespräch mit Nachbarn oder Fremden die durch ihr Dorf zogen. Kinder liefen schmutzig herum und spielten, wilde Hunde jagten durch die Gärten und ein ganzes Volk beschäftigte sich in erster Linie mit Singen, Lachen und kleinen Liebschaften.

Italien war noch das Land wie Goethe es entdeckte, oder Stendhal. Ein Land voller Musik, voll mit überschäumenden Menschen und Gefühlen.

 

Ravenna

Ich bin auch in Ravenna gewesen
Ist eine kleine tote Stadt;
Die Kirchen und viele Ruinen hat,
Man kann davon in den Büchern lesen.

Du gehst hindurch und schaust dich um,
Die Straßen sind so trüb und nass
Und sind so tausendjährig stumm
Und überall wächst Moos und Gras.

Das ist wie alte Lieder sind.
Man hört sie an und keiner lacht
Und jeder lauscht und jeder sinnt
Hernach daran bis in die Nacht.

Die Frauen von Ravenna tragen
Mit tiefem Blick und zarter Geste
In sich ein Wissen von den Tagen
Der alten Stadt und ihrer Feste.

Die Frauen von Ravenna weinen
Wie stille Kinder: tief und leise.
Und wenn sie lachen, will es scheinen
Zu trübem Text die helle Weise.

Die Frauen von Ravenna beten
Wie Kinder: sanft und voll Genügen.
Sie können Liebesworte reden
Und selbst nicht wissen, dass sie lügen.

Die Frauen von Ravenna küssen
Seltsam und tief und hingegeben.
Und ihnen allen ist vom Leben
Nichts kund, als dass wir sterben müssen.

 

Was mich so sehr berührt sind die Zeilen: „Das ist wie alte Lieder sind, man hört sie an und keiner lacht, und jeder lauscht und jeder sinnt hernach daran bis in die Nacht.“

Kennt ihr das auch? Dieses darüber nachdenken, dieses daran sinnen und das Erlebte immer wieder durchkauen. Alleine. In der Nacht.

Diese fürchterliche Einsamkeit. Aber auch den Zauber und die Schönheit dieser Momente. Die ganze Welt ruht und nichts rührt sich als euer Blut. Ihr liegt alleine im Bett und durchlebt alles immer und immer wieder. Nur intensiver und schöner, weil es die Essenz des Erlebten ist.

Und auch wenn es schmerzt, auch wenn es weh tut und brennt, auf jeden Fall ist es Leben das ihr spürt.

 

Oder, um es in Hesses Worten zu sagen, um so vieles schöner als ich es könnte:

 

Kennst Du das auch?

Kennst Du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?

 

Und noch eines seiner letzten Gedichte:

 

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.

Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang,
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

2 Comments

  1. Ja, die *Poesie*.
    Ganz wunderbar, vielen Dank, so schön geschrieben und zitiert.

    POESIE
    Helene Krüger

    Kennst du den Engel, der schon in der Wiege
    Mit leisem Flügelschlage dich umweht,
    Und der, wie auch des Schicksals Würfel fallen,
    In Freud´ und Leid dir treu zur Seite geht?
    Der dich emporhebt aus dem Alltagsleben,
    Und deinem Geist die Schwingen erst verlieh?
    – Der gute Engel voller Kraft und Schönheit
    Es ist die Himmelstochter „Poesie!“

    Antworten
    • Danke für Dein Kompliment. Das freut mich sehr!

      Und danke für das schöne Gedicht. Ich werde es mir gleich ausdrucken und lesen. Freu mich schon darauf!

      Liebe Grüße,
      und vielen Dank für die vielen Kommentare,

      Thomas.

      Antworten

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