„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“

Wie ein Sturm wehte dieser Aufschrei durch das morsche Gebälk der ältesten Monarchie Europas und schien ein Jahrhundert an Despotismus und Ungerechtigkeit hinwegzufegen.

Doch wie viel Blut war nötig, um diesen Anspruch zu erfüllen.

Und wie viel mehr an Blut war nötig, um anschließend die schlimmsten Auswüchse zu beseitigen.

 

Scheint das nicht seltsam unlogisch? Wie ein schlechter Treppenwitz der Historie? In meinen Augen nicht.

Jedenfalls dann nicht, wenn man diese Worte genauer betrachtet.

Denn Freiheit und Gleichheit können niemals gleichzeitig existieren. Sie können nur argwöhnisch in ihrer Ecke lauern und beobachten, wer das Spiel gewinnt. Aber in der Mitte der Gesellschaft kann immer nur einer von ihnen stehen.

 

Denn wo Freiheit ist, da wird es niemals Gleichheit geben. Und wo alle gleich sind, gleich sein müssen, da gibt es keine Freiheit mehr. Sondern es herrscht der schlimmste Despotismus von allen, der Gleichheitszwang der Masse.

 

Heute möchte ich über ein seltsam hoffnungsloses Buch sprechen.

Die Autorin Lois Lowry erzählt uns von einer Welt, die auf den ersten Blick wie das Paradies auf Erden scheint.

Es ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die den Krieg überwunden hat. In der es keine Konflikte mehr gibt, keinen Hunger oder Streit.

Eine Gemeinschaft, in der alle Menschen scheinbar glücklich ihrem Tagwerk nachgehen und nach ihren je eigenen Talenten zum Gelingen einer harmonischen Gesellschaft beitragen.

 

Doch um diesen Zustand zu erreichen mussten sie einst einen Teil ihres Menschseins verlieren. Sie mussten erst alles hinter sich lassen, was das Leben wertvoll macht, um so die Gleichheit der Menschen zu erzwingen.

 

„Unsere Vorfahren haben diese Entscheidung getroffen, die Entscheidung für Gleichheit. Wir erlangten die Kontrolle über viele Dinge. Aber dafür mussten wir auf andere verzichten.“

 

Nur einer von ihnen wurde auserwählt sich zu erinnern. Oder vielleicht sollte man sagen ihm wurde das Joch des Nicht-Vergessen Könnens auferlegt.

Es ist der „Hüter der Erinnerung“ der die gesamte Geschichte der Menschheit nicht nur bewahrt, sondern gezwungen ist, sie immer wieder zu durchleben.

Um dadurch all das von den Menschen fernzuhalten.

 

„Es gibt viel mehr. Es gibt so vieles, was darüber hinausgeht, auch anderswo, und all das, was davor passierte, vor langer, langer Zeit. Ich habe all diese Erinnerung in mich aufgenommen, damals, als ich auserwählt wurde. Und hier in diesem Raum, ganz allein, habe ich sie immer wieder durchlebt. Nur so kann man Weisheit erlangen.“

 

Doch was passiert, wenn man seine Erinnerung verliert?

Was passiert, wenn eine ganze Kultur ihre Erinnerung verliert?

Wenn die Menschen keine Angst mehr spüren, keine Trauer oder Freude?

 

Lois Lowry zeigt uns ihre Sicht auf diese Welt. Und die ist beängstigender als ich es mir bis dato vorstellen konnte.

 

Denn ohne unsere Erinnerungen können wir nicht mehr lernen.

Ohne Erinnerung sind wir nicht mehr fähig tief und ehrlich zu empfinden. Wir können nicht mehr lieben. Oder hassen.

Wir verlieren unser Mitgefühl und unsere Verantwortung für diese Welt.

 

Und so entstehen Wesen, die in ihrer Zufriedenheit absolut grausam und gefühlskalt werden. Die kein Gewissen mehr haben. Und keine wirklichen Empfindungen.

Und dadurch fähig sind, alles zu tun was man von ihnen verlangt.

Ohne Reue oder ein Bewusstsein ihrer Schuld.

 

Und das hat mich bis ins Mark erschüttert.

Zu sehen, wohin eine Welt steuern kann, die ihre Geschichte vergessen hat.

 

Und ich stellte mir die Frage, ob es möglich ist Menschen so zu erziehen, dass sie sich ihrer Unmenschlichkeit nicht mehr bewusst sind?

Und ich glaube ja!

 

Denn wenn man keine Erinnerung mehr hat, keine Lieder oder Geschichten, dann hat man auch keinen Bezugspunkt mehr für seine Menschlichkeit.

Und, wie uns Lois Lowry zeigt, dadurch wird dann alles möglich.

 

 

 

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