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Immensee

Immensee

Im Tonio Kröger bin ich über die Worte: „Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen“ gestolpert. Die ganze Woche habe ich darüber nachgedacht, woher ich diese Zeilen kenne, aber es mir fiel nicht ein.

Ins Netz wollte ich nicht, dazu waren mir meine Träume zu wichtig.

Denn das Gedicht erinnerte mich an meine Jugend. An die Sehnsucht, wenn man bei einer geliebten Frau ruhen mag. Aber sie muss tanzen.

Habt ihr das auch erlebt? Wer liebt, der hat verloren. Vor allem solange man jung ist.

Denn sie müssen tanzen. Jeden Tag. Immerfort.

Da draußen ist eine ganze Welt, die es zu erobern gilt. Was sind da schon ein paar Träume von der Liebe?

 

Das Gedicht erinnerte mich daran, wie ich immer abseits stand. Wie ich das bunte Treiben aus der Ferne beobachtete, mit Trauer und Sehnsucht im Herzen. Nicht fähig zu den anderen zu gehen.

Vielleicht geht es vielen so, ich weiß es nicht.

Ich jedenfalls stand alleine, bis mein Wunsch verging. Denn irgendwann wollte ich nicht mehr dorthin.

Irgendwann will man nur noch sein eigenes Herz spüren, die wilde Sehnsucht und den Schmerz. Und noch mehr von der Einsamkeit, die das Innere so kalt macht, aber den Geist so frei.

 

„Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen.“

Theodor Storm hat diese Zeilen vor mehr als hundert Jahren gedichtet.

Ist es nicht seltsam wie ein paar Worte, vor Generationen aufs Papier geworfen, durch die Zeit hindurch nach unseren Herzen greifen? Und uns aus der Bahn werfen, hinweg in eine andere Welt?

 

Auch die Novelle „Immensee“ handelt davon.

Ein alter Mann sitzt in einem Zimmer und wartet auf den Abend. Doch als der letzte Lichtstrahl der Sonne auf das Bild einer Frau fällt, wird er aus seinem Leben heraus direkt in das Land seiner Erinnerung geworfen.

Er denkt an das Mädchen Lisbeth, mit dem er seine Kindheit verbrachte. An die Zeit als sie älter wurden und ihre Liebe leise erblühte.

Unausgesprochen, ohne sich je zu erklären, aber deshalb nicht weniger tief und verbindend.

 

Doch die Geschichte zeigt uns, wie die Umgebung einen jungen Menschen beeinflusst. Wie Lisbeth von ihrer Mutter in die Arme eines anderen Mannes getrieben wird.

Denn der alte Mann war ein Dichter. Ein Suchender. Der nichts besaß außer seinen Träumen und seinem Herz.

Und was zählt das schon? Was zählte es früher, was zählt es heute?

 

Und so sehen wir den alten Mann noch immer, im Dunkeln am Fenster sitzend, in seine Gedanken verloren.

 

Aber hat er womöglich sogar mehr gewonnen als verloren?

Er bekam vielleicht nicht die Liebe, die er suchte. Aber was gewann er an Einsicht? An Tiefe des Gefühls?

Aber auch an Zeit zu sitzen und seinen Träumen nachzuhängen?

 

Ist das, was man erlebt, nicht wichtiger als das, was man gewonnen hat? Ist die Tiefe des Gefühls nicht weit bedeutender als der Preis, der uns am Ende winkt?

Vielleicht wollte er Lisbeth nicht wirklich besitzen, weil er Angst davor hatte diese Tiefe zu verlieren.

 

Wenn wir Dinge nur einmal sehen, wenn wir sie nur im Vorübergehen streifen, dann haben sie einen Schein, den sie sonst nicht besitzen und der sich uns einprägt.

Vielleicht sollten wir unsere Augen wieder dafür schärfen.

Nicht mehr zu besitzen, mehr zu tun und zu erleben.

Sondern uns von den Dingen im Vorbeigehen berühren lassen. Tief im Herzen.

 

Denn irgendwann sitzen wir auch am Fenster und erinnern uns. Doch woran?

 

Aber ich bin müde, ich muss schlafen.

Mag jemand anderes für mich tanzen.

 

 

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4 Comments

  1. „„Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen.“

    Theodor Storm hat diese Zeilen vor mehr als hundert Jahren gedichtet.“

    Und immer noch so aktuell. Ein wunderschönes Zitat, finde ich

    Antworten
    • Hallo Franziska.

      Ja, es ist etwas was mir Herzweh macht. Der Gedanke an die Zeiten als man abseits stand und gehen wollte …

      Du kennst das vielleicht?

      Thomas.

      Antworten
  2. Verloren haben wir dann etwas, wenn wir nicht leben dürfen, wonach unser Herz ruft, wir es unterdrücken müssen.

    Umfeld beeinflusst sicher sehr, vielleicht, weil die wenigsten sich frei, ihrer Natur entsprechend, entwickeln können.

    Und so folgen die meisten Menschen dem Einfluss, dem sie ausgesetzt sind und die wenigste folgen ihrem natürlichen Instinkt.

    Unser Herz hat die besseren Augen!
    Das Bauchgefühl beachten!

    Lieben Gruss
    Esperanzo

    Antworten
    • Ja, da kann ich Dir nur zustimmen. Unser Herz hat die besseren Augen, das sind schöne Worte. Ist das aus einem Gedicht von Dir? Jedenfalls klingt das so.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten

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