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Mein Jahr in der Niemandsbucht

Mein Jahr in der Niemandsbucht

Peter Handke scheint wie aus der Zeit gefallen. Ein Sänger aus früheren Tagen, der hier sein Lied anschlägt, einsam und unverstanden.

Aber trotzdem lauschen ihm die Menschen. Denn in den kurzen Pausen, in seinem Atemholen und Warten, erblickt man eine längst vergessene Welt voller Sagen und Mythen.

 

Ich liebte ihn ja schon, bevor ich seine Bücher kannte.

In einer Vorlesung, ich weiß gar nicht mehr welche es war, sah ich einen Film über sein Leben am Rande von Paris, sein zielloses Schweifen durch den Wald und sein einsames Schreiben.

Und ich sah einen Menschen, der schön war. Nicht schön von Angesicht, kein Bild von einem schönen Mann, vielleicht nicht einmal eine schöne Seele. Aber ein Mensch, schön in seiner Wahrhaftigkeit.

Er erschien mir damals wie ein Mensch aus einer anderen Zeit. Wie ein alter Barde, aufrecht und wahrhaftig, aus seiner Welt gerissen und in unsere Zeit des Lärms und Wahnsinns gesteckt.

 

Eine Stelle besonders war es, die mich aufhorchen ließ und auf Jahre hinaus beschäftigte.

Er sprach über seine Zeit auf dem Gymnasium. Die Zeit, als er von Zuhause weg in die Stadt geschickt wurde und seinen damaligen Schmerz. Und darüber, wie er im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos wurde.

Und es überkam ihn die Wut. Nicht nur über das, was ihm angetan wurde, sondern auch über die Worte, die er seitdem tausend Mal hörte: „Es wird schon für etwas gut gewesen sein.“

 

Dann blieb für mich die Zeit stehen. Denn ich hörte etwas, von dem ich nicht wusste, dass man es überhaupt denken durfte: „Nein, es war für gar nichts gut. Einen Scheißdreck war es gut.“

Und ich merkte, dass die Welt ganz anders war als ich dachte. Ich sah einen Menschen, der seine Schmerzen nicht vergessen hatte, der sie nicht verdrängte und sich dadurch selbst Tag für Tag aufs Neue kreuzigte.

 

Sondern ich sah einen Menschen, der sich auflehnte.

 

Und da brach etwas in mir. Und die Welt klang plötzlich wieder zusammen.

 

Als ich später seine Bücher zur Hand nahm, war ich enttäuscht. Nichts von dem Mann, den ich mir vorstellte. Nichts vom Streifen durch den Wald, nichts von den Märchen und vom Sagen.

Nichts von dem Duft, der mich in seinen Worten so berührt hatte.

Nur Geschichten, die mich langweilten. Leblose Gedanken und Worte.

 

Aber trotzdem verlor ich meine Liebe nicht. Vielleicht ahnte ich schon damals, dass alles im Leben seine Zeit hat und dass man manchmal warten muss. Ich fand für mich allein Momente der Stille, kleine Fenster, durch die ich in andere Welten blickte.

Im Gespräch einer Liebenden, am Ufer eines Flusses, wenn das Wasser über den Steinen glitzert, im Rauschen des Windes in einer alten Birke.

Und ich wartete.

 

Irgendwann fand ich das Buch, das mir den Handke zeigte, den ich vermisste.

Ich weiß, dass es nur ein Spiegel ist, in dem ich etwas suche. Aber sind Künstler nicht auch dafür da? Um uns ein Ideal zu zeigen, an dem wir uns aufrichten können?

 

Und dieses Buch ist wirklich schön. In ihm wird Handke zum Sagenmeister, zum blinden (und darum so sehenden?) Sänger unserer Zeit.

Ein Buch voll mit Momenten der Stille und Schönheit, in denen die Zeit stillzustehen scheint und man hindurchblickt in eine andere, längst verschollene Welt.

 

Etwa wenn er von sich spricht, von seinem Versagen und dass er sich, obwohl bald sechsundfünfzig Jahre alt, nicht kennt.

Und dann plötzlich schreibt: „Und zugleich stieß gerade der Atlantikwind vor meinem Gartenzimmer ins nasse Wintergras.“

 

Das ist nicht nur schön, das ist nicht nur ein Kunstgriff, sondern es ist das Aufblitzen eines Lichts in ansonsten dunkler Nacht.

 

„Mein Jahr in der Niemandsbucht“, ein Buch, das man lesen sollte, trotz aller Unkenrufe wohlbestallter Kritiker.

 

 

…….

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