Seit fast zwanzig Jahren lese ich an jedem Heiligabend dieselbe Weihnachtsgeschichte. Und jedes Jahr aufs Neue muss ich dabei weinen. Ich weiß nicht ob Rosegger nur mich als Österreicher so berührt oder ob es allen Menschen so geht.

 

Als ich ein Kind war bin ich noch mit seinen Geschichten aufgewachsen und das prägt mich natürlich bis heute.

Damals gehörte „Als ich Christagsfreude holen ging“ zur Standardlektüre die jeden Advent hervorgeholt, immer wieder gelesen und meist auch noch nachgespielt wurde.

 

Doch abgesehen von meinen persönlichen Erlebnissen und den dutzenden Anekdoten, die über den Waldbauernbub im Umlauf sind, trieb mich lange die Frage, wer der Mensch hinter all diesen Geschichten war.

Ein naiver Bauerndichter? Ein Mensch, ewig gefangen im vermeintlichen Glanz seiner Kindheit? Oder gar ein geschickter Wortschmied der genau wusste, an welcher Stelle er die Menschen kitzeln musste um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen?

Als ich mich in sein Gesamtwerk vertiefte war ich beruhigt. Ich lernte einen feinfühligen Erzähler kennen, tief verwurzelt in der Welt seiner Vorfahren, in dessen Büchern es um mehr ging als um die Schilderung einer Idylle und der Flucht in die Welt seiner Kindheit.

Ich entdeckte einen Autor der den Kampf des ursprünglichen Bauerntums gegen die drohende Industriealisierung beschrieb, und damit den Kampf des Individuums gegen den modernen Massenmenschen.

 

Aber für mich wird er trotz allem immer der Heimatdichter bleiben. Der Verfechter des Urtümlichen, der Traditionen, der alten Feste und Bräuche.

Und damit auch des Weihnachtsfests.

 

Deshalb  will ich euch so kurz vor Heiligabend noch zwei Geschichten ans Herz legen. Es ist wahrscheinlich schon zu spät um sie zu kaufen, aber ihr findet sie sicher in der nächstgelegenen Bibliothek.

„Als ich Christagsfreude holen ging“ und „Der erste Christbaum in der Heimat“.

In der ersten, seiner wohl bekanntesten Geschichte, beschreibt er ein Erlebnis aus seiner Kindheit. Wie er sich als Bub durch den Schnee ins Dorf kämpfte, damit am Christtag alles im Hause war, was man für das heilige Fest brauchte.

 

Die zweite Geschichte ist diejenige mit der ich in der Weihnachtszeit alle plage und die mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt.

Es ist eine Geschichte über das Heimkommen, und vielleicht berührt sie mich deshalb so sehr. Weil es für Rossegger noch einen Flecken Erde gab mit dem er verwurzelt war und zu dem es ihn hinzog.

Wir Heutigen sind alle wurzellos. Ziellos treiben wir durch unser Leben, eingeklemmt in unseren Wohnsilos, tagaus, tagein in den fremden Welten des Internets und mittlerweile unfähig, uns an einen Ort zu binden.

Wer von uns kennt noch wirklich seine Welt? Die Menschen die um ihn leben, seine Umgebung, die Häuser, Bäume und Hügel? Wer kennt all die Geschichten, Geister und Gedanken die jeden Tag an ihm vorbeiziehen und aus einem fremden Ort so etwas wie eine Heimat machen?

 

Kennt ihr das noch?

Ich nicht.

 

Deshalb berührt mich Roseggers Heimkehr so sehr.

Als er Student war setzte er sich in den Zug, fuhr in die Berge und stand dann in der Küche seiner Mutter.

 

„Bist doch noch kommen! Wir haben schon gemeint, ´s Wetter! Na, weil d´ nur da bist. Was magst denn gleich? Ein Eierspeis? Einen Kaffee?“

Kennt ihr sie? Kennt ihr sie nicht? Das ist ja die Stimme der Mutter.

 

Es gibt keine große Erzählung. Keine Dramatik und kein überschwängliches Willkommen. Nur die Stimme seiner Mutter die ihm Wärme schenkt. Und das Glück des Nachhause Kommens.

 

Deshalb war auch ihr Weihnachtsfest so anders als wir es kennen. Sie brauchten keine tausend Geschenke, kein großes Essen oder übertriebene Liebesbezeigungen.

Denn sie hatten das was zählt.

Sie waren aufgehoben in ihrer Familie, in ihrem Glauben und standen auf dem Mittelpunkt der Erde, ihrer Heimat.

 

Aber lest selbst und ihr werdet sehen, wie sehr Rosegger berührt. Und wenn ihr das einmal spürt, dann werdet ihr ihn nicht mehr missen wollen.

Denn er ist weit mehr war als der ewige Waldbauernbub. Er ist ein Schriftsteller der uns seine Sehnsucht ins Herz pflanzt.

Nach einem Zuhause, unserer Familie und einem einfachen, natürlichen Leben.

 

 

 

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