Die ab circa 900 einsetzenden ‘Ungarnstürme‘ führten zu jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Ostfrankenreich und den magyarischen Reitern. Diese Einfälle des zehnten Jahrhunderts sind nicht nur schriftlich überliefert, sondern auch archäologisch einwandfrei belegbar. 

Dennoch bildet deren Höhe- und Endpunkt, die Schlacht auf dem Lechfeld von 955, einen Sonderfall: Der Begriff Lechfeldschlacht bezieht sich genau genommen auf mehrtägige, kleinere Geplänkel sowie eine nachträgliche Verfolgung der fliehenden Magyaren – also eine Verteilung der Kampfhandlungen auf zahlreiche kleinere Schlachtfelder. 

 

Während die genauen Orte bis heute nicht wissenschaftlich belegbar sind, ist der Ablauf der Kampfhandlungen umso detaillierter überliefert. Als wichtige Voraussetzung für den Sieg gilt die Initiative Uodalrîhs oder eingedeutscht Ulrichs, des damaligen Bischofs von Augsburg, die Stadtbefestigung aufgrund der konstanten Bedrohung massiv auszubauen. 

Die Magyaren sammelten sich 955 vermutlich am Gunzenlé und belagerten Augsburg, das sich unter Bischof Ulrich erfolgreich behaupten konnte, bis die ostfränkischen Truppen unter König Otto von Westen herangerückt waren. 

Die ostfränkischen Soldaten gewannen im Laufe der Feldschlacht am 10. August die Überhand und Panzerreiter drängten den fliehenden Ungarn nach.

 

Die zeitgenössische Geschichtsschreibung verklärte König Otto rasch zum ehrenvollen, christlichen Sieger und ließ das forcierte Abschlachten der fliehenden Magyaren – deren Anführer Bulcsu zumindest offiziell-nominell auch ein Christ war – unerwähnt. 

Die geschichtliche Leistung und damit die Historiografie stellten im 10. Jahrhundert ein starkes, herrschaftslegitimierendes Argument dar. Es lag im Interesse der Herrschenden, die Darbietung der Erfolge nicht der oralen Tradition zu überlassen, sondern selbst für eine angemessene, oft auch beschönigende und übertreibende Geschichtsschreibung zu sorgen.

Dieses frisierte Image Ottos des Großen besteht zum Teil bis in die Gegenwart und ist nach wie vor Gegenstand des kultur- und geschichtswissenschaftlichen Diskurses.

 

Die Schlacht auf dem Lechfeld gilt als Abschluss jahrzehntelanger Auseinandersetzungen. Der Sieg über die Ungarn wirkte stabilisierend auf die deutschen Herzogtümer und das ostschwäbische Gebiet um Augsburg.  Die partikulare Zerrissenheit der deutschen Stämme, ihrer Gebiete und des Adels endete vorerst.

Nach 955 hatte König Otto nicht nur für inneren, sondern auch für äußeren Frieden gesorgt, was einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung für Mitteleuropa mit sich brachte.  Die Schlacht leitete die Orientierung der Magyaren am westlichen Abendland ein, keine 50 Jahre später wurde mit Stephan I. der erste christliche König Ungarns ausgerufen.

Indem Otto die Ordnung im Reich wiederherstellte, begründete er seinen Anspruch auf die Kaiserwürde und leitete die Transformation des Ostfrankenreiches zum Heiligen Römischen Reich ein.

 

Der Sieg über die Ungarn wurde von seinen Zeitgenossen allgemein als entscheidendes Ereignis und größte Leistung seines Lebens betrachtet.

König Otto befreite Europa von der Notwendigkeit, kostspielige Infrastrukturen gegen östliche Invasionen und Wanderbewegungen aufrecht zu erhalten, wodurch sich erst die Dominanz der lateinisch-westlichen Christenheit entwickeln konnte. Nur dadurch waren einigen Historikern zufolge drei Jahrhunderte des ununterbrochenen wirtschaftlichen Wachstums und der geografischen Expansion möglich.

Die Relevanz des Jahres 955 ist somit aus historischer Sicht auch im 21. Jahrhundert unbestritten.

 

(Ch. Sch.)