Ich will heute über die Wandlung des Begriffs „Bildung“ sprechen. Was sich dadurch ändert, dass wir unter Bildung nur mehr eine Ausbildung verstehen und darüber, was wir durch diesen Bedeutungswandel verlieren werden.

 

 

Heute wird überall von Bildung gesprochen, egal ob in Elternrunden, auf Facebook oder in Talkshows. Sie scheint „das“ Mittel zur Lösung aller anstehenden Probleme zu sein. Aber die Bedeutung des Begriffes selbst hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert.

Früher war Bildung ein Hilfsmittel, um persönlich als Mensch zu wachsen. Und darauf aufbauend war ein gebildetes Subjekt der wichtigste Baustein des Zusammenhalts unserer Art von Gesellschaft.

Doch heute geht es bei allen Diskussionen nur mehr um solch abstrakte Dinge wie lebenslanges Lernen, darum, Kompetenzen zu erwerben oder möglichst viele Scheine von möglichst vielen Universitäten zu besitzen. Also um etwas, das man später ökonomisch verwerten kann.

Aber Bildung hatte immer einen wichtigeren Aspekt als den ihrer Verwertbarkeit. Natürlich mussten Menschen zu allen Zeiten um ihren Lebensunterhalt kämpfen und dazu diente in einer entwickelten Gesellschaft in erster Linie eine gründliche Ausbildung. Aber Bildung und Ausbildung waren zwei klar voneinander getrennte Sphären.

 

 

„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.“  1

 

 

Bildung und Kultur hatten die Aufgabe, die Menschen daran zu erinnern, dass sie ein menschliches Wesen besaßen und dass es mehr gab, als Besitz und Erfolg.

Wenn aber die gesamte Bildung nur auf eine Ausbildung für Wirtschaftsprozesse reduziert wird, dann verlieren wir einen wichtigen Teil der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrhunderte. Denn eine Gesellschaft fußt auf den Werten und Einstellungen ihrer Kultur.

Doch ohne eine umfassende Bildung können Menschen sie nicht mehr entschlüsseln und dadurch wird diese Kultur verschwinden.

Aber an unserer Kultur hängen mehr als nur ein paar Gedichte oder einige Werke der klassischen Musik. Sie besitzt einen Pool an Grundeinstellungen und Werten, die für unsere Gesellschaft immens wichtig sind.

Beispiele die mir dazu einfallen sind etwa Freude an der Schönheit. Die Fähigkeit, Gewissen und Verantwortung für die nächste Generation zu empfinden. Oder der Glaube an den Sinn von Forschung auch auf entlegensten Gebieten, damit sich die Gesellschaft als Ganzes weiter entwickeln kann.

Wenn wir aber Bildung so stark beschneiden wie es heute geschieht, dann verlieren wir diese Kultur. Und  auch das Wissen darum, dass der Mensch mehr ist, als ein Wirtschaftsfaktor und ein Wesen, das unterhalten sein will.

 

 

Ich persönlich würde sogar noch weiter gehen. Ich glaube, wenn Bildung von vornherein auf eine Ausbildung reduziert wird, dann verschwindet sie als Grundlage einer entwickelten Gesellschaft.

Ich will damit nicht sagen, dass nicht auch andere Zivilisationen „Bildung“ besaßen. Ganz im Gegenteil.

Wir sollten uns klar machen, dass es in jeder Art von Gemeinschaft eine ihr eigene Art von Bildung gibt. Denken wir etwa an die Kultur der Spartaner. Auch in ihr wurden Kinder in ihrem Sinne „gebildet“ oder, besser gesagt, ausgebildet, um ihr Gemeinwesen am Leben zu erhalten. Aber die „Bildung“ der Spartaner dient in meinen Augen als abschreckendes Beispiel in der Geschichte.

Dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn wir heute eine allgemeine Bildung aus unseren Schulen verschwinden lassen. Wenn wir den Begriff so weit aufweichen, bis er nur mehr eine Ausbildung für den Beruf bedeutet.

Denn dann wird unsere Art von Kultur und Gesellschaft, mit all ihren Vorteilen, nicht bestehen können.

 

 

„Das Gewissen ist eingefleischte Kulturgeschichte.“  2

 

 

An dieser Stelle kommt immer der Einwand, dass auch in unserer Kultur nie alle Mitglieder im gleichen Maße gebildet waren. Aber darum geht es nicht.

Denn Bildung war ein Wert an sich, den die Menschen erstrebten. Sie gehörte mit zu dem, was das Leben lebenswert machte und war ein Ideal, das das Denken und die Entwicklung der Gesellschaft beeinflusste.

 

 

Der Unterschied zu unserer Zeit ist erschreckend.

Denn heute wagt es kaum jemand, den Bildungsbegriff in einem solchen Sinne etwas weiter zu fassen. Fast scheint schon der Gedanke daran wie Blasphemie, denn sofort kommt die Gegenfrage:  „Wieso soll man sich überhaupt bilden? Reicht es denn nicht, von vielen Dingen eine Ahnung zu haben, fit für den Arbeitsmarkt zu sein und genügend Geld  zu besitzen, um sich seine Wünsche zu erfüllen? Leben wir nicht in einer vernetzten Welt, in der Wissen und Bildung obsolet geworden sind, weil alles, was wir brauchen, nur einen Mausklick entfernt ist?“

 

Ich kann auf diese und ähnliche Fragen auch keine endgültigen Antworten geben. Ich kann niemandem das Denken abnehmen, die Arbeit, sich diesen Fragen zu stellen und eigene Antworten darauf zu finden. Ich kann nur versuchen, Denkanstöße zu geben und Punkte aufzuzeigen, die mir persönlich wichtig erscheinen.

 

 

„Bücher begleiten uns durch unser Leben. Sie sind Mittel unserer Menschwerdung, sie vertiefen unser Bewußtsein.“  3

 

 

K. P. Liessmann sagte einmal: „Wo die Kultur verschwindet, verschwindet alles, was das Leben lebenswert macht.“  4

 

Kultur erinnert uns daran, dass es mehr gibt als den Kampf um Macht und Geld. Sie gemahnt uns, dass wir Menschen sind. Dass wir ein empfindsames Wesen besitzen, dessen Wert nicht anhand abstrakter Kriterien messbar ist. Und dass es Dinge gibt, die man nicht objektiv definieren kann, sondern die man empfinden muss.

 

Wie etwa die Liebe.

Können wir Liebe besitzen? Können wir sie objektiv messen oder bewerten? An Hand welcher Kriterien? Im Vergleich wozu? Geht es dabei um Effizienz? Darum, wie viele Frauen wir geliebt haben? Wer treuer war oder wer mehr Jahre an der Seite seines Partners verbracht hat?

Definieren wir Liebe nicht vielmehr durch das, was wir erfahren durften? Durch das, wodurch wir, im weitesten Sinne,  gebildet wurden? Wie zum Beispiel durch Literatur und Figuren wie Romeo und Julia, Anna Karenina oder Effi Briest.

 

 

Diese Dinge lernen wir in erster Linie aus der Beschäftigung mit künstlerischen Werken.

Doch wenn wir ihre Sprache nicht mehr sprechen, wenn wir sie nicht mehr entschlüsseln können, werden sie zu leeren Hülsen. Dann ist ein Bild von Rubens kein Bekenntnis mehr eines Kampfes um seinen Glauben, sondern ein Gegenstand der so und so viele Millionen „wert“ ist. Ein Buch ist kein Werk mehr, das uns mit seiner Sprache aufrüttelt und an unser Innerstes rührt, sondern es ist einfach ein Medium, um eine spannende Geschichte zu erzählen.

 

 

Die Fähigkeit, auf diese Art mit den Werten unserer Kultur umzugehen erlangt man nur über eine umfassende Bildung.

Und deshalb ist es so wichtig, dass sie mehr ist als eine Ausbildung. Nicht um später im Leben erfolgreicher zu sein. Oder um die Wirtschaft zu stärken.

Sondern um als Mensch zu wachsen.

Und damit das Beste aus unserer Kultur und Gesellschaft bestehen bleiben kann.

 

 

 

Hier geht es weiter: „Über Bildung 02“

 

1 Jean Paul, „Aphorismen“
Jakob Bosshart, „Bausteine“
3 Reinhard Piper, „Aphorismen“
4 Neil Postman, „Wir amüsieren uns zu Tode“

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