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Über Bildung 02

Über Bildung 02

Kunstwerke sind in ihrem Kern nur Gegenstände. Wenn sie nicht mit Hingabe angehört, gelesen oder betrachtet werden, dann sind sie nur eine neutrale Masse.

Man kann sie auch als den Rohstoff bezeichnen, aus dem Kultur besteht. Eines der wichtigsten Ziele ist der kulturell gebildete Mensch als Baustein einer Gesellschaft. Der Weg zur Aneignung dieser Werte und des Verarbeitens in sich nennt man Bildung.

Ich will heute darüber sprechen, welcher Art unsere Kultur ist und wie man sich in ihr bildet.

 

Den ersten Teil dieser Reihe über Bildung findet ihr hier: „Über Bildung 01“

 

Wenn wir heute von Kultur sprechen, dann meinen wir unsere europäische Buchkultur. Sie ist die Grundlage unserer heutigen Gesellschaft und der Art des Menschseins in ihr. In dieser Kultur gebildet zu sein heißt, anhand von Büchern und ihrer Art Wissen zu strukturieren gebildet zu sein.

Auch wenn nie alle Mitglieder einer Gesellschaft in gleichem Maße gebildet sein können, so ist doch der Großteil von uns in dieser Art von Kultur aufgewachsen und wurde von ihr geprägt. Denn die Erfahrungen, die wir als Kind machen, prägen uns ein Leben lang und daher beeinflussen sie auch unsere zu Grunde liegenden Gedanken und Gefühle.

Heute jedoch befinden wir uns auf dem Weg in eine neue Art von Kultur, die keine natürliche Anpassung oder Weiterentwicklung der Buchkultur ist. Sondern ausgelöst durch eine vollständig neue Medienumwelt befinden wir uns, wie zum Zeitpunkt der Entwicklung des Buchdrucks, vor etwas vollständig Neuem.

Scheinbar verlieren Bücher und durch Bücher gebildete Menschen ihren Wert. Aber dieser Gedanke ist falsch und gleichzeitig äußerst gefährlich für uns als Mensch und unsere Gesellschaft. Denn all das, was wir im Laufe von Jahrhunderten aufgebaut haben wie etwa eine fortschrittliche Demokratie, Menschenrechte oder Gleichberechtigung der Frau konnte sich nur in unserer Buchkultur entwickeln und hat auch nur in einer durch Bücher geprägten Kultur Bestand.

 

Deshalb ist es so wichtig, sie nicht zu verlieren.

Aber auch für den einzelnen Menschen ist diese Tatsache von Bedeutung. Denn wir leben in einer hochtechnologisierten Welt, die man geistig durchdringen muss, um in ihr produktiv leben zu können. In dieser komplexen Welt muss man am Buch gebildet sein, einerseits um sie geistig zu durchdringen und andererseits um seelisch nicht zu verarmen.

 

„Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird.“ 1

 

Was verstehe ich anhand dieser Gesichtspunkte unter Bildung?

Bildung muss vor allem durch das Buch geschehen. Alles andere ist sekundär. Musik, Malerei, Sport oder eine spätere Ausbildung sind Lerninhalte, die man sich später leicht aneignen kann.

Denn geschriebene Sprache und die Struktur des Buches verändern unser Gehirn und macht es fähig, mit dem komplexen Wissen unserer Zeit umzugehen.

Deshalb ist es so falsch, dass wir uns heute nicht mehr an schwere Texte wagen und dass wir unsere Kinder nur mehr lesen auf einer basalen Ebene lehren.

Denn, um es noch einmal zu sagen, damit beschneiden wir uns und unsere Kinder um ein erfülltes Leben in dieser Kultur und wir verlieren die Grundlage unserer entwickelten Gesellschaft.

 

Nachdem ich jetzt hoffentlich verständlich machen konnte, wieso ich das Buch als das wichtigste Hilfsmittel für unser Leben betrachte, lasst uns kurz einen Blick auf die Art der Literatur und die Art des Umgangs mit ihr werfen.

Mir ist wichtig, zu sehen, dass man seinen Geist und sein Empfinden an einem literarischen Kanon schärfen muss, der gewisse Voraussetzungen erfüllt.

 

Dazu müssen wir uns in erster Linie mit „wirklicher“ Literatur befassen, denn nicht alle Bücher haben dieselbe Wirkung auf uns.

Wer sich mit Karl May beschäftigt ist noch nicht belesen. Wer sein Leben mit F. Cooper verbringt erweitert damit nicht seinen Geist. Und wer nur Betriebsanleitungen oder die Zeitung liest, der verändert sich dadurch nicht als Mensch.

Sondern es geht um das, was P. Bieri sagte: „Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: Wie man über das Denken, Wollen und Fühlen von Menschen sprechen kann. Er lernt die Sprache der Seele. Er lernt, dass man derselben Sache gegenüber anders empfinde kann, als er es gewohnt ist. Andere Liebe, anderer Hass. Er lernt neue Wörter und neue Metaphern für seelisches Geschehen. Er kann, weil sein Wortschatz, sein begriffliches Repertoire, größer geworden ist, nun nuancierter über sein Erleben reden und das wiederum ermöglicht ihm, differenzierter zu empfinden.“

Das geht nur mit Bücher, die einen tieferen Blick auf das Wesen des Menschen und einen ehrlicheren Blick auf unsere Welt werfen als wir es gewohnt sind. Texte, die uns innehalten lassen, um nachzudenken, zu reflektieren und unser eigenes Leben an ihren Worten zu messen.

 

„Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung.“ 2

 

Deshalb gibt es einen verbindlichen literarischen Kanon, der sich im Lauf der Zeit herausgebildet hat und an dem man seinen Geist schärfen muss.

Aber das ist nur die Grundlage, denn „Literatur ist nie auf ein Ende, einen Zweck zu reduzieren. Literarische Bildung bedeutet, einen geistigen Kontinent zu betreten, der voll ist von Überraschungen, Unabwägbarkeiten, Enttäuschungen, Begegnungen und Erfahrungen, auch voll von Mühen und Plagen, und der gerade deshalb immer wieder aufs Neue lockt und verlockt, aber auch verstört und abstößt. Auf diesem Kontinent gibt es weder Erfolgs- noch Glücksgarantien.“ (K. P. Liessmann)

 

Deshalb sollten wir uns wieder auf den Weg machen. Auch wenn viele Menschen denken, sie hätten keine Zeit zu lesen. Wenn sie glauben, durch den Stress mit Familie, Arbeit und den neuen Medien fehlt ihnen die Energie dazu.

Doch das kann so nicht stimmen. Denn wir alle hatten genügend Zeit unsere Abende vor dem Fernseher zu verbringen, den ganzen Samstag im Einkaufszentrum zu sitzen oder stundenlang auf unser Smartphone zu starren.

 

Aber ich habe Hoffnung, denn ich glaube, tief in unserem Herzen haben wir alle Sehnsucht nach mehr als nur billiger Unterhaltung oder Ablenkung von unserem Leben. Sehnsucht danach, unseren Geist zu stählen, mehr zu wissen, mehr zu fühlen und zu erleben als uns die heutige Welt zu bieten hat.

Doch dazu gehört auch ein Geist, der gelernt hat, sich aktiv mit diesen Dingen zu beschäftigen. Der weiß, wie man ein Buch liest, wie man ein Kunstwerk entschlüsselt und an ihm wächst.

 

Und dazu dient uns Bildung. Sie gibt uns den Schlüssel an die Hand und lehrt uns den Weg, sie für unser Leben zu nutzen. Deshalb sollten wir sie uns zurückholen und auch unseren Kindern den Weg dazu ebnen. Denn je früher sie das lernen, desto leichter wird es ihnen fallen.

 

Und desto weniger geht von all dem verloren, was wir heute als „normalen“ geistigen Besitz unserer Kultur ansehen.

 

 

1 F. Nietzsche, „Aphorismen“
2 G.W.F. Hegel, „Briefe“

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