Es gibt viele Arten der Kommunikation. Tiere kommunizieren in erster Linie über Körpersignale oder einfache Laute. Doch je größer das Gehirn und je komplexer die Sozialstruktur ist, desto vielfältiger wird auch die Art der Kommunikation sein.

Wir Menschen besitzen die am höchsten entwickelte Form des gedanklichen Austausches, die Sprache. Kein anderes Lebewesen auf der Erde ist zu der intellektuellen Leistung fähig, die nötig ist, um auf diese Art zu kommunizieren.

Daneben verwenden wir auch zahlreiche andere Arten von Kommunikation, vor allem um mit Menschen außerhalb unseres engen Gesichtskreises in Kontakt zu treten. Dazu erfanden wir im Laufe der Zeit so verschiedene Dinge wie Rauchzeichen, Knotenschnüre oder den Morseapparat.

Aber die bedeutendste Erfindung für unsere Kultur ist die Schrift und die Fähigkeit, Gedanken in Büchern zu ordnen, aufzubewahren und an andere weiterzugeben.

 

Vergleicht man die verschiedenen Kommunikationsmittel miteinander, dann fällt auf, dass sie niemals neutrale Übermittler einer Nachricht sein können. Das sagte schon M. McLuhan mit seinem Aphorismus: „Das Medium ist die Botschaft“ 1. Denn das was zu sagen möglich ist, hängt immer auch davon ab, wodurch man es sagt.

Natürlich kann man, rein theoretisch, jedes Medium für jede Art von Information verwenden. Aber stellen wir uns einmal vor, wie absurd es wäre, einen Roman über Rauchsignale zu verbreiten.

Hier sieht man deutlich, dass die Art der Übertragung das beeinflusst, was mitgeteilt werden kann. Denn eine Nachricht über Rauchzeichen wird man automatisch so verändern, dass sie möglichst einfach durch dieses Medium gesendet werden kann.

Dasselbe geschieht auch bei allen anderen Arten der Übermittlung. Denken wir nur daran wie sich mit dem Aufkommen des Morsens sofort eine stark vereinfachte und von ihren Gefühlen losgelöste Sprache entwickelte, die es so vorher noch nie gegeben hatte.

 

„Das Medium ist die Botschaft“ 1

 

Die verschiedenen Kommunikationsmittel haben einen unterschiedlich großen Einfluss auf uns als Mensch und auf unsere Gesellschaft, je nachdem wie bedeutend sie sind. Rauchzeichen werden nie so wichtig sein wie ein Buch und Höhlenmalereien könnten uns nie so beeinflussen wie das Internet.

Denn diese beiden, das Buch und das Internet, sind die gesellschaftlich und kulturell prägendsten Medien in unserer Geschichte. Beide greifen durch die Art wie sie Sprache und Gedanken formen und übermitteln massiv in eine Kultur ein und haben die Kraft, sie grundlegend zu verändern.

Denn zuerst zwingen sie uns eine bestimmte Art von Sprache auf, mit der wir sie benützen können. Doch sobald sie die Übermacht über alle anderen Ausdrucksformen haben verändern sie unsere alltägliche Benutzung der Sprache und deshalb auch die Art unserer Kultur.

N. Postman hat dazu ein paar sehr anschauliche Beispiele aus der Geschichte der amerikanischen Buchkultur beschrieben 2. Und wir können heute etwas Ähnliches beobachten: die Art der zwischenmenschlichen Kommunikation gleicht sich immer mehr an die in Filmen oder in sozialen Netzwerken gebrauchte Form an.

 

Leider haben wir nie gelernt zu hinterfragen wie Sprache funktioniert, und wie sie sich durch das angewandte Kommunikationsmittel verändert. 

Um zu zeigen welche Auswirkung die Verwendung  unterschiedlicher Medien hat, will ich über die Liebe sprechen beziehungsweise über den Versuch, anderen etwas von unseren Gefühlen mitzuteilen.

Die alltäglichste Form ist das Gespräch. Man kann sich mit seinen Freunden zu einem Glas Wein treffen, stundenlang über seine neue Flamme plaudern und über die Liebe „philosophieren“. Aber hat jemals ein Mensch durch ein bloßes Erzählen die Liebe eines anderen nachempfinden können? Oder wurde er dadurch selbst liebesfähiger und zu einem empfindsameren Menschen? Die Antwort lautet nein, und zwar deshalb, weil ein Gespräch das falsche Medium ist um neue Gedanken und Gefühle nachhaltig in sein Leben zu integrieren.

Noch schwieriger wäre es, seine Empfindungen durch Rauchzeichen weiterzugeben. Denn sie zwingen uns zu einer bestimmten Art von Sprache, die der Liebe nicht dienlich ist. Und deshalb verschwindet auch die Möglichkeit des Mitempfindens.

Genauso unmöglich ist es seine Gefühle über Flaggensignale, Lichtzeichen oder den Morseapparat zu verbreiten.  Denn diese Medien eignen sich in erster Linie dazu reine Fakten zu übermitteln, ohne dem Empfänger die Möglichkeit der Reaktion und des Mitfühlens zu geben.

 

„Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen.“  2

 

Einer der wunderbarsten Möglichkeiten anderen an unseren Gefühlen teilhaben zu lassen ist darüber zu schreiben. Warum das so ist, habe ich einem weiteren Beitrag schon geschrieben. Deshalb hier nur ein paar Worte.

Das Buch drängt den Autor zu einer bestimmten Art und Weise, eine Geschichte zu erzählen. Es hält ihn durch seine Form dazu an, seine Gedanken und Erlebnisse in eine logisch nachvollziehbare Abfolge zu bringen.

Und zugleich zwingt es ihn genauestens über die Verwendung seiner Worte nachzudenken. Denn er spricht zu einem unsichtbaren Publikum und hat keine Möglichkeit seine Aussagen durch Körpersprache oder Mimik zu unterstreichen.

Deshalb kommt es in einer Buchkultur zu einer Hochblüte der Sprache. Die Schriftsteller lernen immer differenziertere Worte zu benützen und gleichzeitig geht, durch die Dominanz des Buches, dieser Sprachgebrauch ins alltägliche Leben über.

Das Buch hat noch weitere Auswirkungen auf den Leser. Er ist auf sich allein gestellt und muss versuchen mit dem eigenen Geist in die Gedanken und Gefühle des Werkes einzudringen. Er muss Worte auf einem hohen Abstraktionsniveau verstehen und wird dadurch klüger und sensibler.

 

Heute scheinen wir diese Dinge vergessen zu haben, denn wir erinnern uns nicht mehr, wozu Sprache einmal abseits einer reinen Informationsvermittlung diente.

Wir benutzen die Medien fast ausschließlich, um nackte Tatsachen wiederzugeben. Selbst da, wo über Gefühle gesprochen wird, geschieht das in einer so reduzierten und sentimentalisierten Art und Weise, dass kaum noch tiefere Einsichten in das Wesen des Menschen möglich sind.

Am deutlichsten wird das wenn wir alte Briefe lesen und sie mit den heutigen Formen des schriftlichen Austausches vergleichen.

Auf den ersten Blick merkt man wie arm und hässlich unsere Sprache geworden ist. Es verschwinden zunehmend Worte und Begriffe, vor allem für abstrakte Gedanken und differenzierte Gefühlszustände, und auch innerhalb der Worte verschwindet ein Großteil der verschiedenen Bedeutungsebenen und Nuancen.

 

„Lesen heißt durch fremde Hand träumen.“  3

 

Die Auswirkungen auf eine hochentwickelte Gesellschaft sind dramatisch. Denn wir erkennen die Welt immer nur durch die Worte, mit denen wir sie beschreiben. Und dadurch beeinflusst der Sprachverlust die Art, wie wir uns als Mensch sehen und auf lange Sicht auch die Grundzüge unserer Kultur.

Denn wir haben bestimmte Werte, die sich so nur in einer Buchkultur entwickeln konnten. Werte wie eine fortschrittliche Demokratie, unsere Sicht auf das Leben oder die Rolle des Menschen in der Welt.

Aber wenn wir die Sprache verlieren dann werden auch diese Werte verschwinden. Wir werden dann vielleicht noch die Erinnerung an sie besitzen, aber sie werden uns nichts mehr bedeuten.

 

Denn die neuen Medien beeinflussen unsere Sprache und unsere Sicht auf die Welt negativ. Im Gegenzug zwingt unsere reduzierte Sprache die Medien dazu, ihre Sprache noch mehr zu vereinfachen damit sie verstanden wird. Der Sprachverlust geschieht also in beide Richtungen.

 

Beim Buch führte diese Entwicklung aufwärts, zu differenzierteren Gedanken und tieferen Gefühlen.

Heute, durch die falsche Verwendung der neuen Medien, hat sich die Richtung umgekehrt.

 

Mehr dazu: Über das Lesen 02

 

Marshall McLuhan, „Die magischen Kanäle“
Neil Postman, „Wir amüsieren uns zu Tode“
Francis Bacon, Aphorismen
Fernando Pessoa, „Das Buch der Unruhe“