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Über das Lesen 02

Über das Lesen 02

Viele Menschen fragen mich, wozu lesen heute noch nötig ist. Und, um ehrlich zu sein, so wie es heute geschieht, ist es zu gar nichts mehr nötig.

Denn es gibt nur noch drei Arten davon, die nichts mehr mit dem zu tun haben, wozu es einmal da war. Und die den Akt des Lesens auf eine Ebene banalisieren, dass es vielleicht wirklich besser wäre, wenn es verschwindet.

 

Lesen als Informationsaufnahme

Das scheint heute der Hauptzweck des Lesens zu sein. Aber in Zukunft wird das Internet eine solche Menge an Informationen bereitstellen, dass es unmöglich sein wird, sie ohne Hilfe zu bewältigen. Deshalb werden in Zukunft autonome Programme und künstliche Intelligenzen für dessen Verarbeitung und den technischen Fortschritt sorgen müssen.

 

Lesen als Unterhaltung

Das ist der einzige Ort, an dem sich ein paar Erinnerungen an den eigentlichen Sinn von Literatur erhalten haben. Aber die Art der Bücher hat sich massiv verändert. Gab es früher noch Unterhaltungsschriftsteller mit einer gepflegten Sprache und einem menschlich philosophischen Hintergrund, so geht es den meisten zeitgenössischen Autoren nur noch darum, eine möglichst mitreißende Geschichte zu erzählen. Doch das können Fernsehen und Internet um Hauslängen besser.

 

Lesen und Schreiben in den sozialen Medien

Das ist, trotz gegenteiliger Behauptungen, nicht dasselbe wie Lesen in einem Buch oder das Schreiben eines Briefes. (näheres dazu: Über das Lesen)
Trotzdem wird selbst diese reduzierte Art von Literalität spätestens dann der Vergangenheit angehören, wenn wir uns mithilfe von virtueller Realität und Spracherkennung frei im Netz bewegen können.

 

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“  1

 

Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt noch Schriftsteller, die sich um ihre Sprache bemühen und die den Kampf mit ihren Texten aufnehmen. Und es gibt noch Leser, die die Mühe auf sich nehmen diese Bücher zu lesen und zu verstehen.

Aber das sind Ausnahmen, denn unsere Kultur geht in eine andere Richtung.

 

Wir sind wie die Barbaren in den Trümmern Roms. Während sie die Aquädukte und Paläste verfallen ließen, bemühen wir uns, unser wichtigstes kulturelles Werkzeug zu zerstören, das Buch.

Das ist dramatischer, als es auf den ersten Blick scheint, denn das Buch ist mehr als bedrucktes Papier und ein paar schöne Worte. Es ist ein Werkzeug das unseren Geist und unser menschliches Wesen massiv formt und dadurch die Grundlage unserer heutigen Gesellschaft.

Nur durch das Buch konnte es zu unserer Form von Kultur kommen. In jeder Gesellschaft in der das Buch das vorherrschende Medium ist kommt es zwangsläufig zu einer geistigen Blüte und technisch zivilisatorischen Hochkultur.

Aber wie die Barbaren wissen wir nicht mehr, wozu das Buch einmal diente und verwenden es heute als Unterhaltungsmedium oder als Mittel zum Informationsaustausch.

 

Das Internet und seine Werkzeuge sind kein Ausweg aus diesem Dilemma, sondern sie verschlimmern das Problem noch, weil Medien niemals neutrale Hilfsmittel sein können. Warum das so ist, darüber habe ich schon im ersten Artikel geschrieben.  Genaueres könnt ihr bei N. Postman oder M. McLuhan lesen. (siehe Anhang)

 

Wir müssen endlich verstehen, dass wir nicht nur das Lesen brauchen, sondern ganz konkret das Medium Buch.

Denn trotz unserer geistigen Entwicklung besitzen wir noch immer die Sinne und Instinkte unserer Vorfahren. Wie sie müssen wir uns konkret in der Welt zurechtfinden und brauchen reale Dinge um die Welt zu be-„greifen“ und zu er-„fassen“.

Das Buch ist dazu ein geniales Werkzeug. Denn wir halten einen realen Gegenstand in der Hand, können uns am Umfang des Buches orientieren und wissen immer genau, wo wir stehen.

Lichtpunkte auf dem Bildschirm sind abstrakt. Sie haben keine mit uns gemeinsame Geschichte und sie geben uns keine konkrete geistige Landkarte an die Hand.

Dadurch wird all das unnötig erschwert, worauf es beim Lesen auch ankommt, wie ein empathisches Verstehen und ein Integrieren in das eigene Leben.

 

Was mich zum letzten Punkt bringt.

Das Buch war nie ein reiner Informationsträger. Es stimmt zwar, dass es die Grundvoraussetzung für unsere geistige und technische Entwicklung war, aber das ist nur die eine Seite.

Denn daneben gibt es das weite Feld der Literatur, das für unsere Entwicklung noch weit wichtiger war als die theoretischen Texte.

Denn durch gute Literatur erweitern wir unseren Geist. Sie lehrt uns, tiefgreifend nachzudenken, differenziert zu empfinden und öffnet uns dadurch für Empathie, Mitgefühl und Menschlichkeit. Denn nach dem Lesen und empathischen Verstehen eines guten Buches sind wir ein anderer Mensch als zuvor. (siehe hier)

Aber dafür eignen sich nur Texte mit einer bestimmten Qualität und nur das Medium Buch.

 

„Kultur und Zivilisation sind niemals ein für allemal fester Besitz.“  2

Deshalb ist sein heutiges Verschwinden so dramatisch.

K. P. Liessmann sagte einmal, dass wir wieder „auf hohem technischen Niveau zu Analphabeten“ werden, und damit hatte er vollkommen Recht.

Denn wir sind gerade dabei dreihundert Jahre an Geschichte und damit an menschlichen und geistigen Fortschritts auszulöschen und eine lange Kette an geistiger und moralischer Entwicklung zu unterbrechen.

 

Wir sind in einen weiten Weg gegangen um unsere Art von Kultur und dieses Wissen um unsere Menschlichkeit zu erlangen. Doch wenn das Buch und dadurch die Art des Denkens und des Umgangs mit Wissen, der von jeder Generation neu gelernt und bewahrt werden muss, einmal verschwunden ist, dann kann es Jahrhunderte dauern bis wir moralisch, geistig und kulturell wieder auf derselben Stufe sind wie heute.

 

Denn durch die geistige Entwicklung der letzten dreihundert Jahre, die auf diese Art nur über das Buch geschehen konnte, gibt es in unserer Gesellschaft ein tief verwurzeltes Bild von verschiedenen Werten und Denkweisen.

Und auch wenn wir nicht in der besten aller Welten leben und es immer wieder Kriege und Rückschritte in der Menschlichkeit gab, so besaßen wir doch im Buch ein lebendiges Mittel unserer Kultur und dadurch immer wieder einen Weg, an diese Gedanken anzuknüpfen und unsere Gesellschaft dadurch weiterzuentwickeln.

 

Aber wenn der Großteil unserer Gesellschaft vergisst, was wir dem Buch verdanken und wir gleichzeitig die durch das Buch geschaffene Kultur verlieren, dann verlieren wir auch diese Anknüpfungspunkte und die Erinnerung daran, was dem menschlichen Geist einmal möglich war.

 

 

1 Franz Kafka, Briefe 1904
2 Roman Herzog, Grußwort, 1999

N. Postman, „Wir amüsieren uns zu Tode“, „Das Verschwinden der Kindheit“
M. McLuhan, „Das Medium ist die Massage“

6 Comments

  1. Dies ist ein schöner Artikel zum Thema Lesen. Es ist leider sehr wahr, dass die heutige Medienwelt und auch die Dominanz des Internetbuchhandels, der sich hauptsächlich an Quantität orientiert und daher die Qualität und Güte (und oft auch das Gute) verdrängt, es der Literatur schwer macht. Tröstlich ist für mich, dass Jeder Einzelne von uns es ganz in seiner Hand hat, sich komplett für das Lesen anspruchsvoller Literatur zu begeistern und darin die Tiefe und das Geschenk zu sehen, das es ist. Ich habe als junger Mensch wenig gelesen und nun lese ich Bücher, die ich in Voraussicht unzählige Male habe mit mir umziehen lassen, weil ich schon ahnte, wie wichtig sie mir sein werden, z.B. Schopenhauer, Benn, Hesse. Heute habe ich sie gelesen, heute habe ich sie verstanden, welch ein Genuss. Und ich danke Dir, dass Du in diesem Blog allen Menschen Mut machst, den Leseweg zu gehen, die ihn bisher noch nicht gegangen sind. 😉

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    • Das ist eine schöne Geschichte, danke dafür.

      An Schopenhauer habe ich mich noch nicht gewagt, aber vielleicht kommt das noch.

      Und ja, heute geht fast alles um nackte Zahlen. Auf der einen Seite verstehe ich das wenn man einen Verlag führt. Aber wenn es nur noch um Gewinn geht, dann fällt so vieles unter den Tisch. Schade. Ich glaube früher war das nicht so. Aber vielleicht bin ich da auch etwas zu romantisch in meiner Erinnerung.

      Thomas.

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  2. Für mich ist es wesentlich, was das Buch mit mir macht. Und das ich mich auch später noch dessen vergewissern kann. In Vor-Buch-Zeiten war in dieser Rolle wohl der Erzähler. Genau daher ist Massenware des Kommerz nichts für mich und das moderne Medium kein Ersatz. Beim Suchen orientierte ich mich z. B. bei den Nobelpreisträgern oder bei Menschen, mit denen ich mich auf einer Wellenlänge fühle. Die Spracherkennung und deren Ausgaben werden hoffentlich dienstbare Geister bleiben. Dennoch ermöglicht Internet Bücherschreiben durch Menschen ohne Verlage und Lesen ohne Papier Vergrößerung des Bücherschatzes ohne logistische Probleme.

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    • Ja, da stimme ich vollkommebn mit Dir überein. „was das Buch mit mir macht“, schön gesagt.

      Und ich glaube, wenn man viel liest dann ist man immun gegen die Massenmedien und kann sie wirklich als ein Werkzeug betrachten und benutzen. Und als Werkzeug sind sie super. Ich mag die sozialen Medien sehr gern. Sie könnten so viel positives bewirken. Oder Dein Beispiel mit Bücher ohne Verlage. Usw. Da gibt es noch dutzende Beispiele.

      Ich hoffe nur, dass das Buch das Hauptmedium bleibt!

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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  3. Einen Tick zu pessimistisch, auch wenn der Grundgedanke einleuchtet und wir ihn vielleicht brauchen, um uns zu bestaerken.
    Aber wir brauchen nur uns selbst zu betrachten. Vor Erfindung des Computers, zumindest vor seiner allgemeinen Verbreitung, geboren, lesen wir immer noch gedruckte Bücher (bevor wir sie bei schlammigem Untergrund unter die Schuhe schnallen oder dem Nachbarn an den Kopf werfen). Das Buch wird also – irgendwie – überleben.
    Dann zum Internet. Ja, Lesen dient auch der Informationsaufnahme. Aber auch im Internet findet sich nie reine Information sondern stets auch „Literatur“. Ich bin sehr froh, dass mir das Internet Informationen zum Lebenslauf auch eines Mister Unbekannt vorhaelt. Aber wie persönlich gefaerbt ist da zum Beispiel eine Grabrede auf ihn! Beides nutzen: Buch und Internet. Die Neuen Medien neigen dazu, Idioten aus uns zu machen (aber das taten manche alten Medien auch. Und? Sind wir der Bild-Zeitung ausgeliefert?)

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    • Hallo Thomas, seltsamerweise habe ich Deine Antwort erst heute bekommen. Tut mir leid für die späte Antwort.

      Ich teile einige Deiner Überzeugungen, aber trotzdem bleibe ich bei meiner pessimistischen Einstellung. Denn es kommt nicht darauf an ob das Buch auf die eine oder andere Weise überlebt, sondern welche Rolle es im Leben der Kultur und Gesellschaft spielt. Und da sehe ich schwarz, zuerst für das Buch und dann ganz allgemein für unsere Buchkultur.

      Und ich bin kein Technikfeind. Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass wir die Möglichkeit hätten mit ihrer Hilfe die Welt zu einem wunderbaren Ort zu machen. Aber ich sehe auch, dass sie nicht dafür verwendet werden. Sondern dass sie zu einem großen Teil zur Unterhaltung benützt werden. Und unser Denken dadurch massiv verändern.

      Und Zeitungen sind ein schlechter Vergleich, denn da vergleichst Du ein Medium mit sich selbst, nur in verschiedenen Ausführungen. Das ist so ähnlich als würde ich Smartphone und Tablett vergleichen.

      Und die neuen Medien beeinflussen uns nun mal negativ. Ich sage nicht, dass das sein müsste. Ich sage nur, dass es heute so ist.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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