Viele Menschen fragen mich, wozu lesen heute noch nötig ist. Und, um ehrlich zu sein, so wie es heute geschieht, ist es zu gar nichts mehr nötig.

Denn es gibt nur noch drei Arten davon, die nichts mehr mit dem zu tun haben, wozu es einmal da war. Und die den Akt des Lesens auf eine Ebene banalisieren, dass es vielleicht wirklich besser wäre, wenn es verschwindet.

 

Lesen als Informationsaufnahme

Das scheint heute der Hauptzweck des Lesens zu sein. Aber in Zukunft wird das Internet eine solche Menge an Informationen bereitstellen, dass es unmöglich sein wird, sie ohne Hilfe zu bewältigen. Deshalb werden in Zukunft autonome Programme und künstliche Intelligenzen für dessen Verarbeitung und den technischen Fortschritt sorgen müssen.

 

Lesen als Unterhaltung

Das ist der einzige Ort, an dem sich ein paar Erinnerungen an den eigentlichen Sinn von Literatur erhalten haben. Aber die Art der Bücher hat sich massiv verändert. Gab es früher noch Unterhaltungsschriftsteller mit einer gepflegten Sprache und einem menschlich philosophischen Hintergrund, so geht es den meisten zeitgenössischen Autoren nur noch darum, eine möglichst mitreißende Geschichte zu erzählen. Doch das können Fernsehen und Internet um Hauslängen besser.

 

Lesen und Schreiben in den sozialen Medien

Das ist, trotz gegenteiliger Behauptungen, nicht dasselbe wie Lesen in einem Buch oder das Schreiben eines Briefes. (näheres dazu: Über das Lesen)
Trotzdem wird selbst diese reduzierte Art von Literalität spätestens dann der Vergangenheit angehören, wenn wir uns mithilfe von virtueller Realität und Spracherkennung frei im Netz bewegen können.

 

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“  1

 

Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt noch Schriftsteller, die sich um ihre Sprache bemühen und die den Kampf mit ihren Texten aufnehmen. Und es gibt noch Leser, die die Mühe auf sich nehmen diese Bücher zu lesen und zu verstehen.

Aber das sind Ausnahmen, denn unsere Kultur geht in eine andere Richtung.

 

Wir sind wie die Barbaren in den Trümmern Roms. Während sie die Aquädukte und Paläste verfallen ließen, bemühen wir uns, unser wichtigstes kulturelles Werkzeug zu zerstören, das Buch.

Das ist dramatischer, als es auf den ersten Blick scheint, denn das Buch ist mehr als bedrucktes Papier und ein paar schöne Worte. Es ist ein Werkzeug das unseren Geist und unser menschliches Wesen massiv formt und dadurch die Grundlage unserer heutigen Gesellschaft.

Nur durch das Buch konnte es zu unserer Form von Kultur kommen. In jeder Gesellschaft in der das Buch das vorherrschende Medium ist kommt es zwangsläufig zu einer geistigen Blüte und technisch zivilisatorischen Hochkultur.

Aber wie die Barbaren wissen wir nicht mehr, wozu das Buch einmal diente und verwenden es heute als Unterhaltungsmedium oder als Mittel zum Informationsaustausch.

 

Das Internet und seine Werkzeuge sind kein Ausweg aus diesem Dilemma, sondern sie verschlimmern das Problem noch, weil Medien niemals neutrale Hilfsmittel sein können. Warum das so ist, darüber habe ich schon im ersten Artikel geschrieben.  Genaueres könnt ihr bei N. Postman oder M. McLuhan lesen. (siehe Anhang)

 

Wir müssen endlich verstehen, dass wir nicht nur das Lesen brauchen, sondern ganz konkret das Medium Buch.

Denn trotz unserer geistigen Entwicklung besitzen wir noch immer die Sinne und Instinkte unserer Vorfahren. Wie sie müssen wir uns konkret in der Welt zurechtfinden und brauchen reale Dinge um die Welt zu be-„greifen“ und zu er-„fassen“.

Das Buch ist dazu ein geniales Werkzeug. Denn wir halten einen realen Gegenstand in der Hand, können uns am Umfang des Buches orientieren und wissen immer genau, wo wir stehen.

Lichtpunkte auf dem Bildschirm sind abstrakt. Sie haben keine mit uns gemeinsame Geschichte und sie geben uns keine konkrete geistige Landkarte an die Hand.

Dadurch wird all das unnötig erschwert, worauf es beim Lesen auch ankommt, wie ein empathisches Verstehen und ein Integrieren in das eigene Leben.

 

Was mich zum letzten Punkt bringt.

Das Buch war nie ein reiner Informationsträger. Es stimmt zwar, dass es die Grundvoraussetzung für unsere geistige und technische Entwicklung war, aber das ist nur die eine Seite.

Denn daneben gibt es das weite Feld der Literatur, das für unsere Entwicklung noch weit wichtiger war als die theoretischen Texte.

Denn durch gute Literatur erweitern wir unseren Geist. Sie lehrt uns, tiefgreifend nachzudenken, differenziert zu empfinden und öffnet uns dadurch für Empathie, Mitgefühl und Menschlichkeit. Denn nach dem Lesen und empathischen Verstehen eines guten Buches sind wir ein anderer Mensch als zuvor. (siehe hier)

Aber dafür eignen sich nur Texte mit einer bestimmten Qualität und nur das Medium Buch.

 

„Kultur und Zivilisation sind niemals ein für allemal fester Besitz.“  2

Deshalb ist sein heutiges Verschwinden so dramatisch.

K. P. Liessmann sagte einmal, dass wir wieder „auf hohem technischen Niveau zu Analphabeten“ werden, und damit hatte er vollkommen Recht.

Denn wir sind gerade dabei dreihundert Jahre an Geschichte und damit an menschlichen und geistigen Fortschritts auszulöschen und eine lange Kette an geistiger und moralischer Entwicklung zu unterbrechen.

 

Wir sind in einen weiten Weg gegangen um unsere Art von Kultur und dieses Wissen um unsere Menschlichkeit zu erlangen. Doch wenn das Buch und dadurch die Art des Denkens und des Umgangs mit Wissen, der von jeder Generation neu gelernt und bewahrt werden muss, einmal verschwunden ist, dann kann es Jahrhunderte dauern bis wir moralisch, geistig und kulturell wieder auf derselben Stufe sind wie heute.

 

Denn durch die geistige Entwicklung der letzten dreihundert Jahre, die auf diese Art nur über das Buch geschehen konnte, gibt es in unserer Gesellschaft ein tief verwurzeltes Bild von verschiedenen Werten und Denkweisen.

Und auch wenn wir nicht in der besten aller Welten leben und es immer wieder Kriege und Rückschritte in der Menschlichkeit gab, so besaßen wir doch im Buch ein lebendiges Mittel unserer Kultur und dadurch immer wieder einen Weg, an diese Gedanken anzuknüpfen und unsere Gesellschaft dadurch weiterzuentwickeln.

 

Aber wenn der Großteil unserer Gesellschaft vergisst, was wir dem Buch verdanken und wir gleichzeitig die durch das Buch geschaffene Kultur verlieren, dann verlieren wir auch diese Anknüpfungspunkte und die Erinnerung daran, was dem menschlichen Geist einmal möglich war.

 

 

1 Franz Kafka, Briefe 1904
2 Roman Herzog, Grußwort, 1999

N. Postman, „Wir amüsieren uns zu Tode“, „Das Verschwinden der Kindheit“
M. McLuhan, „Das Medium ist die Massage“