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Über die Musik

Über die Musik

Im Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ von P. Watzlawick gibt es eine interessante Geschichte.

Zwei Studenten, Gäste einer größeren Abendgesellschaft in Amerika, überreden einen deutschen Professor namens Slossenn Boschen dazu, ein Lied zu singen. Vor seiner Ankunft hatten sie den anderen Gästen bereits erklärt, dass es mit diesem Lied eine besondere Bewandtnis auf sich hatte.

Sie sagten, das Lied sei so lustig, dass, als Herr Boschen es einmal vor dem deutschen Kaiser sang, dieser vor Lachen ins Bett getragen werden musste. Das Besondere sei, dass es niemand so singen könne wie Herr Boschen, denn er bliebe die ganze Zeit todernst, so dass man glauben könne, er rezitiere eine Tragödie. Doch gerade durch sein ernstes, pathetisches Gehabe sei das Ganze so unwiderstehlich amüsant.

Herr Boschen kam und setzte sich ans Klavier. Er begann zu singen, natürlich auf Deutsch, und die Ereignisse nahmen ihren Lauf.

Alle Menschen sahen immer wieder auf die beiden Studenten, und wenn diese kicherten oder lachten, taten sie dasselbe. Und da die beiden jungen Männer fast die ganze Zeit kicherten, brüllte bald der ganze Saal vor Lachen.

Der Professor schien unzufrieden zu sein. Zuerst gab er sich wegen des Gelächters überrascht, dann begann er wütend um sich zu blicken. In der letzten Strophe überbot er sich selbst mit einem Ausdruck fürchterlichen Ingrimms. Worauf er unter wieherndem Gelächter der Zuhörer schloß.

Dann aber stand Herr Boschen auf und legte los, denn noch nie in seinem Leben war er so beleidigt worden. Es stellte sich heraus, dass das Lied keine Spur von Komik enthielt. Sondern von einem Mädchen handelte, das sein Leben für die Seele ihres Geliebten opfert und dann von ihm verlassen wird.

Und Herr Boschen sagte, dass er es einmal vor dem deutschen Kaiser gesungen habe, und dieser schluchzte ob der Traurigkeit des Liedes wie ein Kind.

Die beiden Studenten aber waren mittlerweile verschwunden.

 

Watzlawick erzählt diese Geschichte als Beispiel eines absichtlich hergestellten Desinformationszustandes.

 

Auch für unser Thema scheint sie mir relevant zu sein. Und zwar unter dem Aspekt, dass kein Mensch auf diesen „Spaß“ reingefallen wäre, wenn er die Sprache verstanden hätte. Und damit meine ich nicht nur die Sprache des Liedes, sondern auch die der Musik.

Denn auch die Musik hat eine Sprache die gelernt und verstanden werden kann. Hätten die Zuhörer den Text verstanden, dann hätten sie gemerkt, dass das Lied keine Persiflage ist, sondern dass es sich in Wahrheit um ein trauriges Lied handelt.

 

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“

 

Es ist auffallend, dass es heute fast ausschließlich das begleitete Strophenlied in seiner einfachsten Form ist, das uns von früh bis spät begleitet. Andere Arten von Musik sind kaum noch bekannt, vielleicht noch als Hintergrundgeräusch im Fernsehen, aber aus unserem alltäglichen Leben sind sie verschwunden. Und das anscheinend ohne dass jemand etwas vermisst.

Auch Menschen die sich noch um klassische Kunst bemühen und in Konzerte gehen, in denen die verschiedensten Arten „ernster“ Musik gespielt wird, merken, wie die Vielfalt der Werke und gleichzeitig das Verständnis für die dargebotenen Musikstücke abnimmt.

Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass heute der Genuß eines Kunstwerkes im Vordergrund steht und nicht mehr das Verständnis und die dafür nötige intellektuelle Leistung. Wenn man jedoch ein Kunstwerk auf diesen einen Aspekt reduziert, dann beschneidet man es um alle wichtigen Dinge die es sonst noch zu bieten hätte.

 

Was ich damit meine wird vielleicht klarer, wenn ich das Ganze mit dem Verständnis von Literatur vergleiche. Man kann ein Gedicht natürlich auch genießen, wenn es in einer Sprache vorgetragen wird, die man nicht versteht, einfach indem man dem Wohlklang der Stimme lauscht und sich an der Sprachmelodie erfreut. Aber dadurch hat man das Gedicht nicht verstanden, sondern man hat höchstens ein paar schöne Minuten verträumt und an der Oberfläche des Kunstwerkes gekratzt. 

 

Was kann man dagegen tun? Soll man überhaupt etwas dagegen tun, oder reicht diese Art von Kunstgenuss völlig aus?

Ich glaube, die zweite Frage muß jeder für sich selbst beantworten. Doch jeder, der es gewohnt ist, Literatur nicht nur zu lesen, sondern an ihr zu wachsen, jeder der in Kunstwerke und unsere europäische Geschichte tiefer einzutauchen versucht, weiß, dass die heute übliche Art von Kunstverständnis und oberflächlichem Genuss viel zu kurz greift.

Und weiß deshalb auch, dass man sich auf den Weg machen muss, um mehr zu lernen, mehr zu wissen, um dann zu einem wirklichen Verständnis zu gelangen.

Doch dazu muss man zuallererst die Sprache der Musik lernen.

 

„Die Musik spricht für sich allein. Vorausgesetzt, wir geben ihr eine Chance.“

 

Wir alle wissen, wie schwer es ist eine fremde Sprache wirklich zu lernen, vor allem wenn man es nicht zur Hauptaufgabe seines Lebens macht. Wie viele Jahre man darauf verwenden muss, um ein Gedicht in Französisch oder Russisch bis in die letzten Verästlungen hinein zu verstehen. Das ist schon für einen Muttersprachler schwer, wie erst für jemanden der aus einer anderen Welt mit einem anderen kulturellen Hintergrund kommt. Aber es ist möglich, und viele Menschen nehmen die Mühe auf sich und tun genau das.

 

Was machen Menschen die keine Musiker sind? Die nicht die Ressourcen haben ihr Leben vollständig auf die Musik auszurichten? Aber trotzdem die Musik verstehen wollen, weil sie spüren, dass es da mehr geben muss als nur ein wenig Mitsummen der ewig gleichen Liedchen?

Die sich mit Freude klassischer Musik hingeben, die sich in bestimmten Werken verlieren können und sie genießen, aber trotzdem spüren, dass es da noch viele andere Aspekte geben muss. Mehr an Verständnis, mehr an Gefühl, einfach mehr an allem was ein Kunstwerk ausmacht.

Dafür gibt es meiner Meinung nach nur eine Lösung. Um bei meinem Vergleich mit der Sprache zu bleiben: man kann sich von jemandem, der das Gedicht verstanden hat, den Inhalt erzählen lassen, man kann über die Entstehungsgeschichte und das Umfeld des Autors lesen, man kann Sekundärliteratur zur Hand nehmen, um so zu einem wirklichen Verständnis auf allen Ebenen zu gelangen.  

 

„Musik ist die Poesie der Luft.“

 

Das ist der Weg den ich auf meinem Blog zu gehen versuche.

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Musik, und auch wenn ich nicht behaupten kann, dass ich alles von Musik verstehe, so weiß ich doch, wo ich das, was mir fehlt, nachlesen kann oder wen ich fragen kann um zu lernen. Und vor allem habe ich ein Grundverständnis davon wie Musik funktioniert und worum es in den Werken geht.

 

Ich hoffe, dass meine Ausführungen verständlich sind. Es ist schwer über Musik zu sprechen, vor allem wenn man kein Instrument zur Hand hat um gewisse Dinge zu erläutern. Wenn das ganze nur in eine Richtung geht, von mir zu euch, ohne dass ihr die Möglichkeit zu Zwischenfragen oder Anmerkungen habt.

 

Aber ich werde es trotzdem versuchen.

Unter  Allgemein werde ich immer wieder auf theoretische Aspekte der Musik eingehen und über verschiedene Epochen und Komponisten schreiben.

Unter Musik werde ich regelmäßig ein Musikstück besprechen bzw. zu erklären versuchen. Und zwar so, dass man es auch ohne Notenkenntnisse oder praktische Erfahrung am Klavier versteht, indem man gleichzeitig zu meinen Texten das zugehörige Video ansieht.

 

„Über Musik zu sprechen ist wie zu Architektur zu tanzen.“

 

Eine der Definitionen von Musik lautet: „Musik ist bewegte Form“.

 

Wichtig ist, dass hier schon die Verbindung zwischen Musik und ihrer Form angesprochen wird. Musik hat eine in sich logische Form die man verstehen kann. Schon durch den Namen einer Komposition gewinnt man Aufschluss darüber, welcher Art das Werk ist. In der Literatur erscheint uns das ganz natürlich, denn jeder weiß, was ein Gedicht, ein Essay oder ein Roman ist. Und dasselbe gilt auch in allen anderen Kunstgattungen.

Auch in der Musik. Bei einem Lied weiß jeder, dass jemand singen wird. Bei einer Symphonie erwarten wir ein Orchester. Aber auch die Bezeichnung eines Werkes gibt einen Hinweis darauf, wie es geschrieben wurde.

Nur ein Beispiel: eine klassische Sonate beginnt mit einem ersten Thema, oder einer Melodie, die man sofort erkennt und die man sich merken muss, weil sie das ganze Werk durchzieht. Als Kontrast zum ersten Thema erscheint ein zweites in einer anderen Form und Tonart. Und so geht das Werk seinen Gang, innerhalb gewisser Regeln, die jeder Komponist je nach seinem Talent und Wissen frei auslegt und in denen er sich frei bewegen kann.

 

Um die Sache von einer anderen Warte aus zu betrachten, wie geschieht das, ein Musikwerk zu erschaffen?

Wie der Prozeß genau vor sich geht ist natürlich von Komponist zu Komponist verschieden. Im Normalfall hat er eine Idee im Kopf und ein Gespür dafür, wofür sie sich eignen könnte. Und dann erschafft er daraus, innerhalb einer ihm bekannten Form, sein Werk.

Jedoch lebt jeder Mensch in einer bestimmten Zeit mit ihren eigenen Gedanken, ihrem eigenen Wissen und auch eigenen Vorstellungen davon, was schön ist. Und innerhalb dessen ist der Komponist gezwungen zu denken und auch zu komponieren.

Daher wechseln mit verschiedenen Epochen nicht nur die Musikstile, sondern es verändern sich sowohl die Instrumente als auch die Zusammensetzung des Orchesters.  Vor allem aber verändern sich die Formen der Musikwerke die von den Komponisten erschaffen wurden.

 

War es im Barock die Fuge, durch die sich die Komponisten am liebsten ausdrückten, wechselte das in der Wiener Klassik zur Sonate und in der Romantik zur Fantasie.

Und eheute zum begleiteten Strophenlied in seiner einfachsten Ausprägung.

 

„Mozart ist schön, wie die Schöpfung schön ist.“

 

Jetzt noch eine kurze Begriffsbestimmung. Was ist das eigentlich, klassische Musik? Ist es alles, was ein Orchester spielt, also auch die Filmmusik zu „Der Herr der Ringe“? Ist das jede Musik, die gewisse Kriterien erfüllt? Oder  ist es ausschließlich die Musik Mozarts und Beethovens?

 

Wenn wir von „klassischer Musik“ sprechen geschieht das auf zwei Arten. Einerseits ist es die Musik der Wiener Klassik, ausgedrückt vor allem in den Werken Haydns, Mozarts und Beethovens. Andererseits ist es der Oberbegriff für die europäische Musik innerhalb einer gewissen Tradition im Zeitraum von etwa 1550 bis 1950.

 

Hier ein kurzer Überblick über die wichtigsten Epochen der Musik, um  eine grobe Landkarte an die Hand zu bekommen, immer mit einem link zu Wikipedia.

 

Renaissance     15. – 16. Jhdt

 

Barock    etwa 1600 – 1750

Bach, Händel

 

Wiener Klassik    etwa 1730 – 1830

Haydn, Mozart, Beethoven

 

Romantik     19. Jhdt

Schubert, Chopin, Liszt, Brahms

 

Neue Musik    20. Jhdt

Schönberg, Stravinsky

 

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

 

Aber die Welt unserer europäisch-klassischen Musik ist alleine von der Anzahl der Werke her so umfangreich, dass es schwer ist, sich auch nur einen Überblick zu verschaffen. Von einem Kennen oder sie sich zu Eigen machen ganz zu schweigen.

 

Deshalb begnügen sich die meisten Mensch damit, wahllos einige Stücke zu hören, sich ein paar Melodien zu merken und ansonsten blind durch das Dickicht der Musikgeschichte zu irren. Unzufrieden mit diesem bruchstückhaftem Wissen und frustriert darüber, dass sich ihnen „das Geheimnis der Musik“ nicht erschließt. Meist suchen sie die Schuld an der Musik, die zu langweilig ist, zu komplex oder nicht mehr relevant für die heutige Zeit.

 

Nichtsdestotrotz gibt es einen Weg den man gehen kann.

Und zwar indem man einen Kanon an Werken durcharbeitet und liebend verstehen lernt. Dabei meine ich ein sich Aneignen indem man ein Musikstück nicht nur einmal hört und „es kennt“, sondern ein sich darauf einlassen, ein sich darin versenken und mitschwingen. Und ein liebendes sich Erarbeiten des Werkes, um es auf möglichst vielen Ebenen zu verstehen.

 

Das möchte ich auf meinem Blog versuchen.

Ich hoffe, dass mich ein paar von Euch dabei begleiten.

Falls es jetzt schon Fragen oder Anregungen gibt, welche Art von Musik ihr gerne gemeinsam durchgehen würdet, dann postet das bitte in den Kommentaren. Ich freue mich schon darauf.

10 Comments

  1. Toller Beitrag! Informativ und unterhaltsam zugleich, gerne mehr davon!

    Antworten
    • Hallo Michael und herzlich Willkommen. Schön daß Du hier ein wenig mitliest.

      Und danke für das Kompliment, das freut mich sehr.

      Hörst Du auch gerne klassische Musik? Und wenn ja, was gefällt Dir am besten?

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  2. Ich bin als Musikbanause aufgewachsen und habe seither über Musik nur wenig hinzugelernt. Doch dieser Text hat mich erreicht – und mein Interesse geweckt. Danke dafür!

    Antworten
    • Hallo Christian.

      Das freut mich aber sehr! Herzlich Willkommen, und ich schreibe ja unter Musik eine Artikelreihe in der ich versuche von null aus klassische Musik zu erklären. Vielleicht wäre das was für Dich. Würde mich freuen!

      Thomas.

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  3. Sehr schöner Text, lieber Thomas.

    Ich glaube aber man kann nur etwas lieben, für das man offen ist.
    Deshalb wird das Einlassen, darin versinken und mitschwingen erst möglich sein, wenn die eigene Seele reif dafür ist.
    Das Reifen mag durch intensives Anhören der Musik möglich sein.
    Nach meiner Erfahrung war es aber umgekehrt, erst musste die Seele zur Ruhe kommen, sich vertiefen und öffnen, danach war das Hören der klassischen Musik ein Bedürfnis.

    Lieben Gruß
    Anna

    Antworten
    • Hallo Anna und danke für Deine Nachricht.

      Das ist ein interessanter Gedanke, von dieser Seite habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht.
      Aber ich glaube dass es in beide Richtungen geht. Wenn man klassische Musik nicht kennt, wenn man keinen Zugang zu dieser Welt hat, dann hat man auch kein Bedürfnis sie zu hören sondern eher nach Popmusik der ähnlichem.

      Aber es stimmt sicher dass die eigene Seele reifer werden muß.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
      • Wenn wir nicht suchen, dann finden uns die Dinge, die für uns gut sind.
        Auch die Musik.
        Idealerweise findet der Prozess gleichzeitig statt. Das Reifen der Seele und das Lieben der Musik, die das Universum für uns schuf.

        Aber nicht alles ist für alle gemacht.
        Das darf man nicht vergessen.
        Manche werden nie Zugang zu dieser Musik haben.

        Antworten
        • Ja, wahrscheinlich. Aber heute wird den meisten Menschen auch die Möglichkeit genommen sich zu entscheiden. Ich meine damit, wenn man nicht schon als Kind oder Jugendlicher einen Weg findet diese Musik zu genießen dann wird es von Jahr zu Jahr schwerer.

          Heute werden schon die Kleinsten auf die Hitparade und den ewig gleichen 4/4 Takt trainiert. Das muß Auswirkungen haben. Und meiner Meinung nach nur negative.

          Ich finde es nur so schade, denn klassische Musik kann nicht bestehen wenn es nur noch Spezialisten gibt und ein kleines Publikum. Dann verkümmert sie.

          Thomas.

          Antworten
  4. Dieser Text hat mich erinnert an einen Versuch, das „Unsägliche“ der Musik in Literatur zu gießen. Hier ein Interview mit dem Autor von „Schlafes Bruder“. Sechs Minuten, die sich lohnen!

    Antworten
    • Hallo Christian.

      Danke für den Hinweis. Der Link funktioniert leider nicht, aber ich habe ihn von Deiner Nachricht aus Twitter hierherkopiert: Interview Robert Schneider.

      Und danke für den Vergleich mit diesem Text. Ich habe ihn geliebt, damals als ich das Buch für mich entdeckte. Hm, vor langer Zeit …

      Magst Du eigentlich R. Schneider noch? Würde mich wirklich interessieren. Seine „Luftgängerin“ habe ich noch sehr gerne gelesen, aber dann gefielen mir die Bücher von Neuerscheinung zu Neuerscheinung immer schlechter.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten

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