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Über die Veränderungen in unserer gemeinsamen Erzählung

Über die Veränderungen in unserer gemeinsamen Erzählung

Wir leben heute in einer Umbruchszeit. Damit meine ich nicht nur, dass sich die Welt um uns herum so radikal verändert wie selten zuvor in der Geschichte, sondern ich spreche vor allem von der Veränderung in unserer gemeinsamen Erzählung.

 

Wir Menschen sind Wesen, die Geschichten lieben. Man könnte uns sogar als das einzige Lebewesen beschreiben, das sich selbst seine Geschichte erschafft und dann gezwungen ist, innerhalb dieser zu leben.

Denn das Bild, das wir von uns als Mensch und der Welt um uns haben, besteht in erster Linie aus der gemeinsamen Erzählung der Kultur, in der wir leben. Wir sehen die Realität nie so, wie sie wirklich ist, sondern immer nur durch die Worte und Geschichten, mit denen wir sie beschreiben.

 

Deshalb gibt es auch so viele unterschiedliche Arten, als Mensch zu leben.

Denn als Individuen gleichen wir uns zwar in unseren grundlegenden Eigenschaften, aber weil sich die verschiedenen Kulturen und Gesellschaften unterscheiden, und zwar sowohl untereinander als auch von ihren eigenen Vorfahren, unterscheiden sich auch die Mitglieder dieser Gesellschaften und leben unterschiedliche Aspekte des Menschseins aus.

 

Warum leben verschiedene Kulturen solch verschiedene Aspekte des Menschseins aus?

 

Wie erklärt sich diese Tatsache?

Man darf nicht vergessen, dass wir Menschen aus dem Tierreich stammen. Unser stärkster Trieb ist es, unser eigenes Überleben zu sichern, dicht gefolgt davon, Nachkommen in die Welt zu setzen und für sie zu sorgen. Aus diesem Grund waren wir schon immer dazu gezwungen, Kulturen zu entwickeln, die optimal an ihre Umwelt angepasst sind.

Dabei ergeben sich die wichtigsten Unterschiede zwischen den Kulturen daraus, dass die Menschen mit den unterschiedlichsten Anforderungen ihrer Umwelt konfrontiert waren und drauf reagieren mussten. 

Gleich wichtig wie die Auswirkungen auf die Art der Lebensführung sind die Konsequenzen, die sich daraus auf die Verwendung der Sprache ergeben.

 

Wenn man Sprache auf einer ganz grundlegenden Ebene betrachtet, dann wurde sie entwickelt, um leichter in der Welt überleben zu können.

Dabei beeinflusst die Umwelt, welche Wörter man erfand und wie einzelne Wörter verwendet wurden. Im Gegensatz dazu beeinflusste die Sprache, wie man die Welt sah und welche Geschichten über die Welt möglich waren.

Und auf lange Sicht beeinflusst sie auch die Richtung, in welche sich die Gesellschaft als Ganzes entwickelt. Denn die Geschichte, die man sich über die Welt erzählt, bestimmt, welche Aspekt des Lebens wichtig sind, welche Gedanken möglich sind und welche Wege in die Zukunft man, zumindest unbewusst, fördert.

 

Diese Entwicklungen und Veränderungen gehen meist langsam und über einen langen Zeitraum vor sich. Nur in ganz seltenen Fällen kann man sagen, dass ab diesem Zeitpunkt etwas Neues da ist. Dass also ab diesem „Augenblick“ die Gesellschaften und Kulturen mit einer veränderten Erzählung in die Zukunft gehen.

 

In den nächsten Beiträgen würde ich gern über zwei solcher Ereignisse sprechen. Ich will darauf eingehen, welchen Einfluss sie auf ihre Zeit hatten, was sie veränderten und welche Konsequenzen das bis heute für uns hat.

Dadurch hoffe ich, wenigstens für mich, etwas Klarheit darüber zu schaffen, wie es zu unserem heutigen Bild von der Welt und von uns als Menschen kam.

Und ich möchte auch etwas Hoffnung wecken. Denn wir leben zwar in einer Umbruchszeit und haben, in manchen Teilen, ein lebensfeindliches Bild der Welt und unserer Rolle in ihr. Aber das geschieht nicht das erste Mal in unserer Geschichte und daher wissen wir auch, dass die Zukunft nicht unabwendbar vorherbestimmt ist und wir sie bewusst gestalten können.

 

Warum und wie betrachten wir unsere Geschichte?

 

Dazu ist es aber wichtig, einmal einen etwas anderen Blick auf unsere Vergangenheit zu werfen. Also Weltgeschichte nicht so zu betreiben, wie wir es aus der Schule kennen, sie entweder als eine sinnlose Abfolge von Herrschern, großen Reichen und technischen Errungenschaften zu sehen oder sie im Gegenteil als Lobgesang auf unsere Entwicklung von den einfachsten Anfängen hin zu einem vermeintlichen Höhepunkt zu beschreiben.

 

Sondern Geschichte einmal unter dem Gesichtspunkt zu sehen, welche Facetten des Menschseins die Mitglieder einer Kultur auszudrücken versuchten.

Versuchen wir zu verstehen, wie Menschen zu verschiedenen Zeiten die Welt sahen, welche gemeinsame Erzählung sie über die Welt hatten und auf welche Art und Weise sie in ihr lebten.

Denn wenn man Geschichte so betrachtet, dann bekommt man nicht nur tiefere Einsichten in das Menschsein, ein Verständnis für die Handlungen und Entwicklung der verschiedenen Kulturen und Völker, sondern man kann mit etwas Glück auch einen Blick darauf erhaschen, was E. Friedel einmal so treffend die „Weltenseele“ genannt hat.

 

Wie schon erwähnt waren die Menschen im Laufe der Geschichte immer wieder gezwungen, sich an neue Gegebenheiten anzupassen, sich also als Einzelner und als Kultur zu verändern, um überleben zu können.

In der sogenannten „vorgeschichtlichen Zeit“ gingen diese Veränderungen sehr langsam vor sich. Die Menschen lebten Tausende von Jahren als Jäger und Sammler, und die kulturellen Veränderungen geschahen kaum merklich über sehr lange Zeiträume hinweg.

Doch mit der Entdeckung der Landwirtschaft hat sich die kulturelle Entwicklung beschleunigt, oder, besser gesagt, das, was wir heute unter Kultur verstehen, wurde durch die Entstehung der Landwirtschaft überhaupt erst ermöglicht.

Mit der Verbreitung des Buchdrucks und der dadurch möglichen Ansammlung von Wissen hat sich das Tempo der Veränderung hin zur modernen Welt massiv beschleunigt.

Heute haben wir ein Tempo der Veränderung erreicht, das größer ist als je zuvor, dass aber für den Einzelnen nicht mehr verständlich ist und das die Kraft hat, unsere Gesellschaft aufzusprengen.

 

Die Entwicklung der Landwirtschaft und des Buchdrucks.

 

Auch deshalb ist es interessant, einmal einen Blick auf Zeiten zu werfen, in denen sich die Welt anscheinend schneller drehte als im ansonsten gemächlichen Gang der Weltgeschichte.

Einen dieser Zeitpunkte habe ich schon erwähnt, die Entstehung der Landwirtschaft und die Veränderung des Menschen vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern.

Ein anderer ist die Erfindung des Buchdrucks und seine Auswirkungen. Aber beide Themen sind zu komplex, als dass ich sie hier abhandeln könnte.

Deshalb habe ich mich für ein paar Worte über die Erfindung der Uhr und die Entstehung der Industrialisierung entschieden.

Ich aber nicht nur über ihre Geschichte sprechen, sondern zeigen, welchen Einfluss ihre Verbreitung auf die gemeinsame Erzählung hatte und wie sie die Sicht des Menschen auf sich selbst veränderten.

 

Um zu zeigen, was ich mit unserer „gemeinsamen Erzählung“ und ihrer Auswirkung auf eine Kultur meine, will ich zum Abschluss noch ein paar Worte zu den Veränderungen sagen, die wir heute erleben.

Eines der wichtigsten Merkmale unserer heutigen Welt ist der Glaube an einen permanenten Fortschritt. Uns ist kaum noch bewusst, dass das nur eine Theorie ist, an die wir glauben und die gleich viel Wahrheitsgehalt besitzt wie der Glaube an das Leben als geschlossenen Kreislauf.

Wir hingegen haben uns entschlossen, die Geschichte als eine Linie zu sehen, von den einfachsten Anfängen hin zu einer goldenen Zukunft, und als geeignetstes Mittel diesen Zeitpunkt zu erreichen sehen wir den „Fortschritt“ an. Wir vergessen aber mittlerweile uns zu fragen, in welche Richtung er führt und ob diese Richtung für uns als Mensch gut ist.

 

Woraus besteht unsere „gemeinsame Erzählung“?

 

Ein anderes Merkmal unserer Zeit ist die Allgegenwart der Technik. Damit meine ich nicht nur ihre permanente Verfügbarkeit, sondern die massive Beeinflussung, die wir als Mensch dadurch erfahren.

Wir bemerken das alleine, wenn wir auf unsere Sprache achten. Wir sagen, dass unsere Batterien leer sind, wir optimieren unseren Körper oder verlinken uns mit unseren Freunden.

Wir bemerken aber nicht, dass sich diese Sprache zwar gut eignet, um technische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben, aber vollkommen versagt, wenn es um Menschen und ihre Beziehungen zueinander geht.  

 

Da wir mittlerweile den permanenten Fortschritt und die Hoheit der Technik so stark in unsere Erzählung verankert haben, dass wir sie als Naturgesetz ansehen, ist es auch unausweichlich, dass sie unser alltägliches Leben beeinflussen. 

Ein beliebiges Beispiel ist etwa unser Schulsystem. Wir verwenden heute immer neue Testreihen und besitzen eine neue Theorie der Kompetenzen, durch die die jungen Menschen immer mehr zerlegt werden, um ihren Geist wie eine Maschine beschreibbar zu machen.

Wir bemerken nicht, dass wir damit an der falschen Stelle ansetzen, denn ein Großteil der Menschen, die heute die Entwicklung der Welt vorantreiben, sind in einem Schulsystem groß geworden, dass all diesen neuen Theorien nicht entsprach.

Doch um das zu sehen, bräuchte es ein anderes Weltbild bzw. eine andere Erzählung von uns als Mensch und dessen, was uns ausmacht und wie wir sind. Dann wären wir vielleicht fähig, das Beste aus beiden Welten zu vereinen.

 

Ich wollte mit diesem Beispiel nur zeigen, was ich unter „unserer Erzählung“ verstehe.

Und dass wir uns verändern, also andere Teile des Menschseins ins Zentrum rücken, und mit uns auch unsere Welt. Dass wir aber vergessen haben, vorab zu definieren, welche das sein sollen und welche für uns als Spezies von Vorteil wären.

 

 

Viele dieser Gedanken wurden ermöglicht durch das Studium der Bücher von N. Postman, N. Kennedy und J. Diamond. Was an ihnen logisch erscheint, habe ich zum großen Teil ihnen zu verdanken. Der Rest, wie unstimmig auch immer, geht auf meine Kappe.

 

2 Comments

  1. Sehr interessante Ansätze, doch wer definiert denn was richtig und falsch ist? Wer treibt den Fortschritt voran? Es ist die Gesellschaft an sich. Das dumme am Menschsein ist ja, dass wir vergessen wie viel Tier in uns steckt. Die Sprache ist und war nie das Problem, es geht um die Art was und wie wir es sagen und was bei dem Zuhörer ankommt. Sprache ist nicht nur Wort und Schrift, sondern Melodie, Lautstärke, Körperhaltung, Stimme. Es geht nicht nur darum, was ich sage, sondern wie ich es sage. Es geht um die gegenseitigen Interpretationen und genau hier ist das Problem: Wir sitzen uns nicht mehr gegenüber, sondern lesen und schauen.

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    • Hallo Jo und danke für Deine Antwort.

      Ich hoffe, man kann das lesen, ich muss die Farbe der Kommentare umstellen lassen, ich schaffe das nicht …

      Aber ich gebe Dir Recht. Sprache ist mehr als Wort und Schrift. Ich habe sogar einmal darüber geschrieben, daher freut mich Dein Ansatz. Ich glaube, dass es eine Hierarchie gibt, innerhalb der Medien die wir verwenden. Dass gute Bücher höher zu bewerten sind als ein reines Gespräch.
      Ich weiß, das klingt jetzt etwas seltsam, aber ich will es kurz erklären.
      In einem Gespräch schwingt so viel mit an Mimik, Körperhaltung, Klangfarben etc. Das fällt beim Buch weg, und daher müssen Schriftsteller genauer arbeiten, sich mehr Gedanken machen wie sie das Ungesagt, Unaussprechliche in Worte fassen können. Daher wurde die Literatur auch immer reichhaltiger, genauer und „besser“.

      Heute geht das wieder verloren. Denn durch die sozialen Medien haben wir eine seltsame Mischform von Gespräch und geschriebenem Wort. Eigentlich das schlechteste aus beiden Welten. Denn einerseits gibt es den zwischenmenschlichen Kontakt nicht mehr (daher auch die vielen Emojis und sonstigen Hilfsmittel), und andererseits fällt auch, bedingt durch die Form des „Gesprächs“, die genaue Arbeit am Text weg.

      Deshalb finde ich die sozialen Medien einen Rückschritt. Und auch E-Books oder Tabletts sind kein Ersatzmittel für das Buch und sollten nur als Ausweichmittel in geringem Umfang verwendet werden.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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