Wir alle wissen, dass sich die Sprache im Lauf der Zeit schon immer verändert und an neue Gegebenheiten angepasst hat. Wir merken das heute an den vielen Anglizismen, die uns überschwemmen, seitdem wir einen Großteil unserer populären Kultur aus dem angloamerikanischen Raum beziehen.

Wenn wir also heute über einen Sprachverfall reden, dann scheint es, als beschrieben wir einen natürlichen Vorgang, der in jeder Kultur geschieht. Aber diesmal ist es nicht dasselbe wie noch vor einigen Generationen, sondern etwas vollständig Neues.

 

Und zwar deshalb, weil sich die Sprache nicht einfach wandelt und an die Zeit anpasst, sondern weil es das erste Mal in unserer modernen westlichen Kultur ist, dass ein derart massiver Sprachverlust auftritt. Und zwar das erste Mal seit Erfindung des Buchdrucks und der daraus resultierenden Hochblüte in der Differenzierung unseres Sprachgebrauchs.

Denn die entstehende Sprache ist nicht einfach eine Abwandlung der bisherigen, sondern ihr Hauptmerkmal besteht in einer hochgradigen Reduktion.

Das hat massive Auswirkungen, denn ohne eine differenzierte Sprache sind abstraktes Denken und eine nuancierte Gefühlswelt nicht möglich.

 

Und deshalb wandelt sich die Art, wie wir die Welt betrachten und die Werte und Normen, an die wir glauben.

 

„Heute gibt es zwei Arten von Sprache. Eine hochdifferenzierte für Gedanken zur Wissenschaft und Technik und eine hochgradig banalisierte für Gedanken über das Leben.“  1

 

Um zu zeigen, wie Sprache unser Leben beeinflusst, will ich euch auf eine kleine Reise mitnehmen.

 

 Jeder kennt wohl G. Orwell und seinen Roman 1984. Als ein Buch gegen Unterdrückung und für die Freiheit des Individuums.

Aber das Buch hat noch eine viel tiefere Ebene, und dieser Aspekt wird meist vergessen, wenn darüber gesprochen wird. Es zeigt, wie Menschen mit einem reduzierten Sprachvermögen in einer geistig beschränkten Umwelt leben. Und dass, wenn aus der Sprache alles an Mehrdeutigkeiten und Nuancen verschwindet, sie diese Art von Welt als die einzig denkbare ansehen.

 

 Denn die Worte, die wir verwenden, bestimmen, welche Gedanken möglich sind. Und damit auch, was und wie wir empfinden.

 Diese Auffassung ist wahrscheinlich neu und ungewöhnlich. Aber lasst mich kurz versuchen, zu erklären, was uns G. Orwell damit sagen wollte.

 

Heute können immer weniger Menschen differenziert über ihre Gedanken und Emotionen sprechen. Wenn sie sich wohlfühlen, dann geht es ihnen gut oder super, was in die orwellsche Sprache übersetzt nur plusgut bedeutet.

Und wenn sie ein Gefühl von Unwohlsein beschleicht, dann geht es ihnen schlecht oder sehr schlecht. Manche sprechen auch leichtfertig von Depression oder depressiven Zuständen, was wiederum keine Beschreibung einer Empfindung ist, sondern nur die Bezeichnung eines Krankheitsbildes.

 

„Wer traut sich heute noch zu sagen: Ich bin melancholisch?“  1

 

Aber abgesehen von der Hässlichkeit und Bedeutungslosigkeit dieser Worte, was ist mit all den Gefühlen, die es sonst noch gibt und die das Menschsein in all seinen Nuancen ausmacht?

 

Wer  verwendet heute noch ein Wort wie Freude? Werden bestimmte Gefühlszustände durch dieses Wort nicht weit treffender beschrieben als durch das Wort „Spaß“? 

 

Oder wer redet anstatt von Depressionen noch von Melancholie? Wäre das in vielen Fällen nicht ein weit angemessener Begriff? Depression ist immer etwas, das man behandeln muss, damit man wieder leistungsfähig und „normal“ ist.

Aber Melancholie! Weltschmerz! Das sind Worte, die uns in Verbindung zur Welt setzen. Die zeigen, dass man empfindsam und lebendig ist. Und nicht, dass man in Behandlung gehört. Sondern sie sind Gefühle, die einen Zustand des Menschen in der Welt und sein Leiden an ihr schildern.

 

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Wenn ich nur sagen kann, mir geht es schlecht oder ich habe eine Depression, dann kann ich auch nur das empfinden. Ich bin zwar zu anderen Gefühlen fähig, aber wenn ich sie nicht benennen kann, dann werde ich damit nicht umgehen können. Ich bin dann nur mehr oder weniger depressiv. Muss also in Behandlung, um wieder mehr oder weniger glücklich zu werden.

Aber wenn ich melancholisch bin, dann brauche ich nicht behandelt zu werden. Dann kranke ich am Zustand der Welt und an den Menschen in ihr. Dann bin ich ein fühlendes Wesen, das mit vollem Recht traurig ist, ohne behandelt oder negativ bewertet zu werden.

Und ich kann mit diesen Gefühlen auch umgehen. Kann sie in meine persönliche Geschichte, aber auch in die Geschichte der Welt integrieren.

 

„Wo ist das Leben in all seiner Farbenpracht geblieben?“  1

 

Nachdem wir jetzt gesehen haben, wie wichtig eine ausdifferenzierte Sprache für unsere Gedanken- und Gefühlswelt ist, kommen wir nun zu der Frage, wieso wir einen so reichehaltigen Sprachgebrauch hatten und wieso er gerade heute im Verschwinden begriffen ist.

 

Bis vor Kurzem lebten wir in einer Buchkultur. Ich schreibe an anderer Stelle genauer darüber, deshalb nur folgendes: Das Buch war der Hauptträger unserer Gedanken und Gefühle. Auf der einen Seite förderte es eine bestimmte Art des Denkens und der Weltsicht. Und gleichzeitig passte sich unser Gehirn an die Form der Gedanken in einem Buch an.

Natürlich gibt es Zivilisationen ohne Bücher. Es gibt traditionelle Kulturen, in denen sie keine Rolle spielen und in denen es trotzdem eine Unmenge an Weisheit und an klugen Menschen gibt. Aber wir haben in unserer Geschichte nicht diesen Weg gewählt. Wir leben in einer vom Buch geprägten Kultur mit all ihren darauf fußenden Entwicklungen wie eine hochentwickelte Wissenschaft oder bestimmten Wertvorstellungen wie sie sich etwa in der Erklärung der Menschenrechte spiegeln.

 

Wir in unserer westlich europäischen Welt haben in Jahrhunderten eine der schönsten Kulturen der Geschichte erschaffen. Mit einer Art des Denkens und Fühlens, einer Fülle an Kunstwerken, an verschiedenartigsten Gedankengebäuden und Schönheiten, die so groß ist, dass spätere Generationen nur noch staunend davor stehen werden.

Und all das wurde massiv durch den Umgang mit dem Buch geprägt oder überhaupt erst ermöglicht.

  

„Was haben wir heute? Eine Wissensgesellschaft? Eine Informationsgesellschaft? Eine Konsumkultur?“  1 

 

Doch warum verschwindet das alles gerade heute?

In jeder Kultur gibt es ein Medium, das den öffentlichen Diskurs bestimmt. Doch dadurch, dass wir es zur Übermittlung unserer Gedanken verwenden, beeinflusst es zwangsläufig unsere Sprache und damit auch die in ihr möglichen Gedanken und Gefühle.

 

Was aber sind die Auswirkungen dieses Wandels?

Vor allem fällt auf, dass wir die Sprache nicht mehr dazu verwenden, differenzierte Gedanken und Gefühle zu übermitteln. Heute dient unsere gesamte Medienumwelt, und dazu zähle ich auch die meisten Bücher und die sozialen Medien, in erster Linie dazu, uns zu unterhalten.

 

Wir sind keine Buchkultur mehr. Wir sind auch keine Informations- oder Wissensgesellschaft. Wir sind nicht einmal mehr eine Konsumkultur. Denn in erster Linie kaufen wir Dinge nicht mehr, um sie zu besitzen, sondern nur um von unserem Leben abgelenkt zu werden. Mit einem Wort, um unterhalten zu werden.

Und auch der Großteil unserer restlichen Tätigkeiten, sei es nun das Internet, Fernsehen oder unsere Unterhaltungskultur, dient nur noch zu unserer Belustigung.

 

Und das ist tragisch. Für uns als Mensch, weil wir uns um so viel Schönheit beschneiden. Für uns als Kultur, weil so die Gesellschaft nicht bestehen kann. Aber vor allem für unsere Kinder und Jugendlichen, die nicht mehr die Möglichkeit bekommen, an unserer Hochkultur teilzunehmen.

 

 „Alles ist vom Geist der Unterhaltung durchtränkt.“  1

 

Welche Möglichkeiten haben wir, mit diesem Wissen umzugehen? Am Schlimmsten wäre es, den zwei am weitest verbreiteten Lügen aufzusitzen. Entweder zu sagen, dass es nicht stimmt, denn es ändert sich nichts Wichtiges. Oder zu sagen, es ändert sich schon, aber wir befinden uns von selbst auf dem Weg in ein goldenes Zeitalter.

Denn das ist nur ein Verschließen der Augen vor der Realität.

 

Was man vielleicht tun kann, ist, auf die neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung zu blicken. Zu sehen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter hinein formbar ist, je nachdem, womit man es beschäftigt.

Befasst sich eine Kultur in der Hauptsache mit banalen Dingen, dann nimmt die Geisteskraft ihrer Mitglieder ab.

Und deshalb sehen wir auch die heutigen Probleme wie die, dass unsere Sprache und unsere Gefühlswelt immer mehr verrohen. Doch damit drohen im Endeffekt unsere Werte, unsere Kultur und unsere Gesellschaft zu verfallen.

 

Nachdem uns das bewusst ist, sollten wir uns auch den Konsequenzen stellen.

Wenn wir nicht wollen, dass sich unsere Kultur und Gesellschaft massiv in eine negative Richtung bewegt müssen wir beginnen, uns selbst zu ändern.

 

Dazu müssen wir lernen, wieder differenziert zu denken. Wir müssen eine reichhaltige und genaue Sprache entwickeln, um dadurch wieder ein reicheres Gefühlsleben  zu bekommen.

Und das funktioniert, indem man sich in einem ersten Schritt wieder mit Literatur beschäftigt, um daran seinen Geist zu schärfen.

 

Um sich unsere Kultur wieder anzueignen. Für uns selbst, aber vor allem für unsere Kinder.

 

 

1   Thomas Stiegler