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Unsere Sprache

Unsere Sprache

Wir alle wissen, dass sich die Sprache im Lauf der Zeit schon immer verändert und an neue Gegebenheiten angepasst hat. Wir merken das heute an den vielen Anglizismen, die uns überschwemmen, seitdem wir einen Großteil unserer populären Kultur aus dem angloamerikanischen Raum beziehen.

Wenn wir also heute über einen Sprachverfall reden, dann scheint es, als beschrieben wir einen natürlichen Vorgang, der in jeder Kultur geschieht. Aber diesmal ist es nicht dasselbe wie noch vor einigen Generationen, sondern etwas vollständig Neues.

 

Und zwar deshalb, weil sich die Sprache nicht einfach wandelt und an die Zeit anpasst, sondern weil es das erste Mal in unserer modernen westlichen Kultur ist, dass ein derart massiver Sprachverlust auftritt. Und zwar das erste Mal seit Erfindung des Buchdrucks und der daraus resultierenden Hochblüte in der Differenzierung unseres Sprachgebrauchs.

Denn die entstehende Sprache ist nicht einfach eine Abwandlung der bisherigen, sondern ihr Hauptmerkmal besteht in einer hochgradigen Reduktion.

Das hat massive Auswirkungen, denn ohne eine differenzierte Sprache sind abstraktes Denken und eine nuancierte Gefühlswelt nicht möglich.

 

Und deshalb wandelt sich die Art, wie wir die Welt betrachten und die Werte und Normen, an die wir glauben.

 

„Heute gibt es zwei Arten von Sprache. Eine hochdifferenzierte für Gedanken zur Wissenschaft und Technik und eine hochgradig banalisierte für Gedanken über das Leben.“  1

 

Um zu zeigen, wie Sprache unser Leben beeinflusst, will ich euch auf eine kleine Reise mitnehmen.

 

 Jeder kennt wohl G. Orwell und seinen Roman 1984. Als ein Buch gegen Unterdrückung und für die Freiheit des Individuums.

Aber das Buch hat noch eine viel tiefere Ebene, und dieser Aspekt wird meist vergessen, wenn darüber gesprochen wird. Es zeigt, wie Menschen mit einem reduzierten Sprachvermögen in einer geistig beschränkten Umwelt leben. Und dass, wenn aus der Sprache alles an Mehrdeutigkeiten und Nuancen verschwindet, sie diese Art von Welt als die einzig denkbare ansehen.

 

 Denn die Worte, die wir verwenden, bestimmen, welche Gedanken möglich sind. Und damit auch, was und wie wir empfinden.

 Diese Auffassung ist wahrscheinlich neu und ungewöhnlich. Aber lasst mich kurz versuchen, zu erklären, was uns G. Orwell damit sagen wollte.

 

Heute können immer weniger Menschen differenziert über ihre Gedanken und Emotionen sprechen. Wenn sie sich wohlfühlen, dann geht es ihnen gut oder super, was in die orwellsche Sprache übersetzt nur plusgut bedeutet.

Und wenn sie ein Gefühl von Unwohlsein beschleicht, dann geht es ihnen schlecht oder sehr schlecht. Manche sprechen auch leichtfertig von Depression oder depressiven Zuständen, was wiederum keine Beschreibung einer Empfindung ist, sondern nur die Bezeichnung eines Krankheitsbildes.

 

„Wer traut sich heute noch zu sagen: Ich bin melancholisch?“  1

 

Aber abgesehen von der Hässlichkeit und Bedeutungslosigkeit dieser Worte, was ist mit all den Gefühlen, die es sonst noch gibt und die das Menschsein in all seinen Nuancen ausmacht?

 

Wer  verwendet heute noch ein Wort wie Freude? Werden bestimmte Gefühlszustände durch dieses Wort nicht weit treffender beschrieben als durch das Wort „Spaß“? 

 

Oder wer redet anstatt von Depressionen noch von Melancholie? Wäre das in vielen Fällen nicht ein weit angemessener Begriff? Depression ist immer etwas, das man behandeln muss, damit man wieder leistungsfähig und „normal“ ist.

Aber Melancholie! Weltschmerz! Das sind Worte, die uns in Verbindung zur Welt setzen. Die zeigen, dass man empfindsam und lebendig ist. Und nicht, dass man in Behandlung gehört. Sondern sie sind Gefühle, die einen Zustand des Menschen in der Welt und sein Leiden an ihr schildern.

 

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Wenn ich nur sagen kann, mir geht es schlecht oder ich habe eine Depression, dann kann ich auch nur das empfinden. Ich bin zwar zu anderen Gefühlen fähig, aber wenn ich sie nicht benennen kann, dann werde ich damit nicht umgehen können. Ich bin dann nur mehr oder weniger depressiv. Muss also in Behandlung, um wieder mehr oder weniger glücklich zu werden.

Aber wenn ich melancholisch bin, dann brauche ich nicht behandelt zu werden. Dann kranke ich am Zustand der Welt und an den Menschen in ihr. Dann bin ich ein fühlendes Wesen, das mit vollem Recht traurig ist, ohne behandelt oder negativ bewertet zu werden.

Und ich kann mit diesen Gefühlen auch umgehen. Kann sie in meine persönliche Geschichte, aber auch in die Geschichte der Welt integrieren.

 

„Wo ist das Leben in all seiner Farbenpracht geblieben?“  1

 

Nachdem wir jetzt gesehen haben, wie wichtig eine ausdifferenzierte Sprache für unsere Gedanken- und Gefühlswelt ist, kommen wir nun zu der Frage, wieso wir einen so reichehaltigen Sprachgebrauch hatten und wieso er gerade heute im Verschwinden begriffen ist.

 

Bis vor Kurzem lebten wir in einer Buchkultur. Ich schreibe an anderer Stelle genauer darüber, deshalb nur folgendes: Das Buch war der Hauptträger unserer Gedanken und Gefühle. Auf der einen Seite förderte es eine bestimmte Art des Denkens und der Weltsicht. Und gleichzeitig passte sich unser Gehirn an die Form der Gedanken in einem Buch an.

Natürlich gibt es Zivilisationen ohne Bücher. Es gibt traditionelle Kulturen, in denen sie keine Rolle spielen und in denen es trotzdem eine Unmenge an Weisheit und an klugen Menschen gibt. Aber wir haben in unserer Geschichte nicht diesen Weg gewählt. Wir leben in einer vom Buch geprägten Kultur mit all ihren darauf fußenden Entwicklungen wie eine hochentwickelte Wissenschaft oder bestimmten Wertvorstellungen wie sie sich etwa in der Erklärung der Menschenrechte spiegeln.

 

Wir in unserer westlich europäischen Welt haben in Jahrhunderten eine der schönsten Kulturen der Geschichte erschaffen. Mit einer Art des Denkens und Fühlens, einer Fülle an Kunstwerken, an verschiedenartigsten Gedankengebäuden und Schönheiten, die so groß ist, dass spätere Generationen nur noch staunend davor stehen werden.

Und all das wurde massiv durch den Umgang mit dem Buch geprägt oder überhaupt erst ermöglicht.

  

„Was haben wir heute? Eine Wissensgesellschaft? Eine Informationsgesellschaft? Eine Konsumkultur?“  1 

 

Doch warum verschwindet das alles gerade heute?

In jeder Kultur gibt es ein Medium, das den öffentlichen Diskurs bestimmt. Doch dadurch, dass wir es zur Übermittlung unserer Gedanken verwenden, beeinflusst es zwangsläufig unsere Sprache und damit auch die in ihr möglichen Gedanken und Gefühle.

 

Was aber sind die Auswirkungen dieses Wandels?

Vor allem fällt auf, dass wir die Sprache nicht mehr dazu verwenden, differenzierte Gedanken und Gefühle zu übermitteln. Heute dient unsere gesamte Medienumwelt, und dazu zähle ich auch die meisten Bücher und die sozialen Medien, in erster Linie dazu, uns zu unterhalten.

 

Wir sind keine Buchkultur mehr. Wir sind auch keine Informations- oder Wissensgesellschaft. Wir sind nicht einmal mehr eine Konsumkultur. Denn in erster Linie kaufen wir Dinge nicht mehr, um sie zu besitzen, sondern nur um von unserem Leben abgelenkt zu werden. Mit einem Wort, um unterhalten zu werden.

Und auch der Großteil unserer restlichen Tätigkeiten, sei es nun das Internet, Fernsehen oder unsere Unterhaltungskultur, dient nur noch zu unserer Belustigung.

 

Und das ist tragisch. Für uns als Mensch, weil wir uns um so viel Schönheit beschneiden. Für uns als Kultur, weil so die Gesellschaft nicht bestehen kann. Aber vor allem für unsere Kinder und Jugendlichen, die nicht mehr die Möglichkeit bekommen, an unserer Hochkultur teilzunehmen.

 

 „Alles ist vom Geist der Unterhaltung durchtränkt.“  1

 

Welche Möglichkeiten haben wir, mit diesem Wissen umzugehen? Am Schlimmsten wäre es, den zwei am weitest verbreiteten Lügen aufzusitzen. Entweder zu sagen, dass es nicht stimmt, denn es ändert sich nichts Wichtiges. Oder zu sagen, es ändert sich schon, aber wir befinden uns von selbst auf dem Weg in ein goldenes Zeitalter.

Denn das ist nur ein Verschließen der Augen vor der Realität.

 

Was man vielleicht tun kann, ist, auf die neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung zu blicken. Zu sehen, dass das Gehirn bis ins hohe Alter hinein formbar ist, je nachdem, womit man es beschäftigt.

Befasst sich eine Kultur in der Hauptsache mit banalen Dingen, dann nimmt die Geisteskraft ihrer Mitglieder ab.

Und deshalb sehen wir auch die heutigen Probleme wie die, dass unsere Sprache und unsere Gefühlswelt immer mehr verrohen. Doch damit drohen im Endeffekt unsere Werte, unsere Kultur und unsere Gesellschaft zu verfallen.

 

Nachdem uns das bewusst ist, sollten wir uns auch den Konsequenzen stellen.

Wenn wir nicht wollen, dass sich unsere Kultur und Gesellschaft massiv in eine negative Richtung bewegt müssen wir beginnen, uns selbst zu ändern.

 

Dazu müssen wir lernen, wieder differenziert zu denken. Wir müssen eine reichhaltige und genaue Sprache entwickeln, um dadurch wieder ein reicheres Gefühlsleben  zu bekommen.

Und das funktioniert, indem man sich in einem ersten Schritt wieder mit Literatur beschäftigt, um daran seinen Geist zu schärfen.

 

Um sich unsere Kultur wieder anzueignen. Für uns selbst, aber vor allem für unsere Kinder.

 

 

1   Thomas Stiegler

15 Comments

  1. Wie Recht Sie haben, Herr Stiegler…
    Kaum jemand ist mehr bereit, seine Komfortzone (Lesefluss) zu verlassen, da wird lieber über fehlende Interpunktion oder gar Rechtschreibfehler lamentiert, als sich mit dem Inhalt auseinander zu setzen.
    Ich freue mich über Ihre Gedanken und Denkanstöße!

    Antworten
    • Hallo und vielen Dank für Ihre Antwort.

      Und schön daß Ihnen meine Gedanken und Denkanstöße etwas sagen. Man ist sich ja, vor allem am Anfang, sehr unsicher ob die Dinge nur für einen selbst gelten oder ob es da draußen noch Menschen gibt die es auch interessiert.

      Und das mit der Kritik an mir: teilweise ist sie ja auch berechtigt. Rechtschreibfehler müssen nun ja wirklich nicht sein!

      Liebe Grüße!

      Antworten
  2. Abgesehen davon, dass ich diesen Text ganz wundervoll finde, besonders den Inhalt, möchte ich zur Dikussion über die Rechtschreibung nur folgendes beitragen….
    Ich selbst komme mit der Sprachmelodie und dem Fluss in deinen Texten ganz hervorragend zurecht!
    Kein einziges fehlendes Komma (nicht dass es mir aufgefallen wäre….) machte mir Verständnisschwierigkeiten.
    Da ich selbst auch weitestgehend ahnungslos bezüglich neuer (und alter) Rechtschreibung bin, benütze ich auch gerne Gedankenstriche – im Sinne des Wortes. Innehalten – Gedankenstrich – weiterdenken.
    Abseits aller Regelungen, und trotzdem lesbar.

    Aus meiner Sicht ist Sprache auch etwas kreatives, Literatur ein Stück Kunst, und wie bei allen kreativen Dingen darf Kunst auch mal die eingetretenen Wege verlassen.

    Um den Lesern entgegen zu kommen, die wegen der orthografischen Fehler deine Texte nicht geniessen können, gibt es doch sicherlich Menschen in deiner Umgebung, die Korrektur lesen können.
    So musst du dich nicht in deiner Kreativität durch Regeln beeinflussen lassen, und der geneigte, grammatikalisch bewanderte Leser, fühlt sich durch falsch gesetzte Kommata oder „ß“ nicht gestört.
    Dem kreativen Leser fällt der Unterschied sowieso nicht auf, denn ihn erfasst nur die Schönheit.

    Antworten
    • Hallo liebe Barbara und danke für Deine Worte.

      Schön daß Dir der Text gefällt, das freut mich. Auch daß Du ihn schön findest und nicht nur interessant.

      Und mit der Kommasetzung etc. hast Du Recht, ich werde ein wenig genauer darauf achten müssen und jemanden einsetzen um die Texte noch einmal zu lesen. Zur Zeit bin ich ja noch etwas überfordert mit dem Denken und Schreiben. Ich schreibe erst seit etwa zwei Monaten, die letzten zwanzig Jahre habe ich mich fast nur mit Musik beschäftigt. Deshalb ist das noch eine ziemliche Arbeit.

      Aber lustig daß es an der Rechtschreibung und so weiter happert, das ist das einzige an das ich niemals gedacht hätte …

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  3. Waren es die Komas in denen der Kritiker lag, oder gar die Komata aber Hauptsache Fehlersuche. Inhaltliche Bezugnahme seltsamerweise Fehlanzeige.
    Schade.

    Mein Textverständnis hat nicht gelitten. Der Autor hat ja auch mehr am Sprachverlust der Generation gelitten, was bei so vielen Rechtsschreibreformen nicht wundert, wenn manches sich auch sonst „neu entwickelt“.

    Antworten
    • Danke für Deine Worte. Ja, ich dachte mir, ich behalt die alte Rechtschreibung bei. Aber mich haben dann ein paar nette Menschen überzeugt, dass ich nicht für mich schreibe, sondern für Andere. Und deshalb habe ich die Texte noch einmal überarbeitet.

      Und es gab keine inhaltliche Bezugnahme, das stimmt. Leider.

      Thomas.

      Antworten
  4. Zur Zeit der großen Dichter und Denker legte man lange nicht so viel Wert auf grammatikalische und ortographische Korrektheit. Der Text ist mit seinem Inhalt wunderbar und Fehler stören beim Verständnis absolut nicht. Mit der Zeit kann man sicher immer alles besser machen, doch dann bleibt eben wieder weniger Zeit, um weiter zu kommen. Ich möchte hiermit diejenigen, die Fehler finden und Zeit dafür haben, darüber zu schreiben, dazu einladen mitzuhelfen und einen Menschen, der offensichtlich wirklich gute Gedanken hat, die er sehr schnell schreibt, um ja nichts zu vergessen (wodurch die meisten Fehler entstehen) unterstützen. Wie? Indem sie ihre Zeit investieren und Korrektur lesen. Also: bitte nicht quengeln, sondern machen. Danke!

    Antworten
    • Hallo Sabine und vielen, viele Dank für Deine Antwort. 🙂

      Ich habe die Texte noch einmal gelesen und fand teilweise, dass sie nicht ganz genau das aussagten, was ich wollte. Da geht vielleicht ein wenig des ursprünglichen Gefühls verloren, dafür kann man es besser lesen und verstehen.

      Das ist sicher eine Gratwanderung an der größere Geister als ich gescheitert bzw. verzweifelt sind.

      Aber danke für Deine Worte. Sie machen mir mehr Mut und geben mir mehr Vertrauen, als Du Dir vorstellen kannst.

      Ganz liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  5. Hallo 🙂
    Dein Beitrag ist wirklich sehr interessant, denn oftmals denkt man gar nicht so weit, wie Du es hier getan hast. Es ist erschreckend, es so aufgeführt zu sehen. Ich zähle mich aufgrund meines Alters zur Jugend, aber in Sachen Interessen oder Vorlieben komme ich mir manchmal älter vor, denn vielen meiner Freunde und Mitschüler sagen die Bücher, die ich lese, wenig oder es kommt gleich ein „Oh Gott“… Im Deutschunterricht behandeln wir gerade Kommentare und das mithilfe von Textmaterial, das sich auf digitale Medien und den Wandel, der dadurch in meiner Generation vorangetrieben wird, bezieht. Die Gedanken von erwachsenen Autoren, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, sind interessant, denn natürlich bemerkt man die Abhängigkeit vor allem vom Smartphone, aber irgendwie ist es auch völlig normal für uns heutzutage.
    Allerdings sollte es nicht so sein. Die Probleme, die damit einhergehen, sind nämlich enorm, auch wenn es auf den ersten Blick womöglich nicht so aussieht.
    Ich hoffe, dass es mit meiner Generation in Sachen ehrlichem Literaturinteresse und dem selbstständigen Denken allgemein nicht zu ende sein wird.

    Ein wirklich interessanter Beitrag von dir, dessen Gedanken wichtig für jeden sind.

    Viele Grüße, Jo

    Antworten
    • Hallo Jo.

      Ich wusste gar nicht, dass Du noch zur Schule gehst! Respekt, nach Deinem Blog hätte ich Dich für älter gehalten. Toll, dass Du in so jungen Jahren schon so ein Projekt auf die Beine stellst und dabei so gut schreibst! (hier der Link für Interessenten: https://liberloveblog.wordpress.com/)

      Hast Du zu dem Thema Abhängigkeit / Smartphone schon in einem Buch von M. Spitzer gelesen? Der hat sich intensiv damit beschäftigt und dutzende kritische Studien dazu gesammelt und ausgewertet. Das Ergebnis ist beängstigend.

      Für mich ist es etwas seltsam. Ich war vor kurzem in der Stadt, und überall habe ich junge Menschen mit einem Smartphone in der Hand gesehen. Ununterbrochen. Sogar während der Gespräche hat jeder auf seinen Bildschirm gesehen, nebenbei geredet und den anderen seine Bilder o.ä. gezeigt. Ein paar Freunde haben mir gesagt, dass wäre das normale Verhalten heute. Ich kann das nicht glauben. Oder stimmt das? Wie bemerkst Du das?

      Und das mit dem selbstständigen Denken, das ist ein weites Thema. Ich kann Dir nur sagen, wenn Du viel liest, wenn Du lernst Dein Gehirn möglichst frei zu halten und bildest, v.a. mit Literatur und Musik, dann wirst Du zu den Menschen gehören, denen es später einmal gut gehen wird. Denn diese Medien machen nicht klüger. Und sie verhindern nicht nur Bildung, sondern auch eine fundierte Ausbildung.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
      • Hallo,
        ja, ich gehe tatsächlich noch aufs Gymnasium und das, was Du in der Stadt beobachten konntest, kann ich auch in ähnlicher Weise in der Schule beobachten. Sobald der Lehrer die Stunde einmal eine Minute vor dem Pausenklingeln beendet, wird schnell eingepackt und dann das Handy gezückt. Der ständige Begleiter wird, sobald Zeit ist, herausgeholt und da ist es auch egal, ob man vielleicht erst vor einer Minute draufgeschaut hat. Davon einmal abgesehen – denn seine Pause kann jeder nutzen, wie er es für richtig hält – lässt sich das Handy aber auch während des Unterrichtes finden, wenn der Lehrer seiner Arbeit an der Tafel nachgeht oder auch nur vorn am Lehrertisch sitzt und die Klasse (eigentlich) arbeiten soll. Ich finde es einfach traurig, wenn man nicht einmal 45 oder 90 Minuten am Stück auf sein Handy verzichten und seine Konzentration auf andere Dinge richten kann. Wer weiß, ob sich daran noch etwas ändern lässt, aber als Mensch, der sein Handy noch normal („alt-normal“, also nicht übertrieben) benutzt, will ich es auf jeden Fall auch dabei belassen, denn es ist schon so erschreckend genug, wie abhängig man von solch einem kleinen Gerät ist.
        Einen kurzen Auszug aus Manfred Spitzers Buch „Digitale Demenz“ haben wir im Deutschunterricht behandelt und es ist tatsächlich erschreckend, was er da niedergeschrieben hat. Allerdings hat sich Spitzer auf den negativen Aspekten festgefahren und es wird nichts von der anderen möglichen Seite gesagt, was das Ganze einseitig und ein wenig übertrieben wirken lässt.
        Die Dinge, die er sagt, dürfen nicht außer Acht gelassen werden, aber wenn man es als eine Art Weltuntergang sieht, wird es auch nicht besser werden.
        Ich hoffe einfach, dass diese ganze Abhängigkeit nicht noch stärker zunimmt und das Handy eine Erleichterung bleibt, aber man auch ohne beziehungsweise mit eingeschränkter Nutzung dessen leben kann und nicht ständig das hell erleuchtete Display vor Augen haben muss.
        Ich werde auf jeden Fall weiterhin viel Lesen und wie Du spiele ich auch seit einigen Jahren Gitarre und gehe zur Musikschule, also ist auch dafür gesorgt, auch wenn es manchmal schwierig ist, bestimmte Stücke zu spielen.
        Vielen Dank auf jeden Fall für Deine Antwort und schreib weiterhin so tiefgründige Beiträge!

        Viele Grüße,
        Jo 🙂

        Antworten
  6. Sehr schöner Text 🙂
    Ja, Orwell hätte seine helle Freude an uns.

    Sprache ist dazu gedacht, Mißstände zu beschreiben, sie greifbar zu machen, zu analysieren und eben auch eine Lösung anzubieten oder zumindest eine Diskussionsgrundlage zu schaffen.
    Sprache und Worte müssen in der Lage sein, den Finger in die Wunde der Gesellschaft zu legen. Gerade Menschen, die angeblich Journalisten sind, sind dazu verpflichtet, das Salz auch noch in die Wunde hineinzureiben, bis es der Gesellschaft so richtig weh tut.
    Heute wird beschwichtigt, abgelenkt, schöngeredet. Krieg ist friedenserhaltende Maßnahme. Waffenhandel ist Übernehmen von Verantwortung.

    Alle leben in ihrer digitalen Filterblase, halten alles andere außerhalb derselben für verbotswürdig, weil es sie in ihrem Weltbild stört und das ist ja wohl voll die Aggression, ist das! Oder sexistisch. Oder whatever.

    Wir haben längst aufgehört, wirklich zu kommunizieren und eine ganze Generation ist dazu schon nicht mehr in der Lage.
    Gleichzeitig mit drei Leuten auf whatsapp Belanglosigkeiten auszutauschen, während man jemand anderem gegenüber sitzt, ist heute nicht mehr unhöflich, es ist normal.

    Antworten
    • Hallo Arndt und schön, dass Dir der Beitrag gefallen hat.

      Für mich dient Sprache vor allem dazu uns mit der Welt in Verbindung zu setzen. Sie uns zu eigen zu machen, auf die schönste Art und Weise. Man sieht das schon bei Kindern, wie froh sie sind, wie schön es für sie ist, wenn sie die Dinge benennen können. Ich glaube, das geht nur durch Worte.

      Und darauf aufbauend natürlich auch auf Mißstände aufmerksam zu machen. Aber die bemerken wir erst, wenn wir sie benennen können. Ansonsten haben wir nur ein diffuses Gefühl von Unwohlsein und wissen nicht genau was es ist (außer bei akuten Schmerz etc.).

      Deshalb finde ich es auch so schlimm, dass uns die poetische Sprache verloren geht. Dass wir nur noch eine technisierte Sprache verwenden, jedenfalls im größten Teil unseres Lebens. Denn dadurch geht so viel an Innenleben und an Gefühls- und Gedankenreichtum verloren.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten
  7. Hallo,
    interessanter Text, allerdings aus sprachlicher Sicht, literarischer und auch der angesprochenen Neurobiologie bestehen keinerlei Gründe für ein derartiges Endzeitszenario.

    Man muss Sprache in ihrer Prozesshaftigkeit wahrnehmen und nicht isolieren. Es gab zu allen Zeiten Warner, die einen sogenannten Sprachverfall erkannt haben wollen. Zuletzt ging uns der Scharlatan Bastian Sick damit auf die Nerven. Man wird selten einen Germanisten treffen, der so argumentiert.

    Deine Anspielung auf den Poststrukturalismus ist durchaus berechtigt, allerdings sind die Begriffe, die unsere Politiker prägen, als sehr viel perfider anzusehen.

    Und noch eine Anmerkung zur Rechtschreibung: da sind doch nur Schulen und offizielle Institute dran gebunden. Jeder Verlag macht da seine eigenen Regeln.

    LG Thorsten Vahl

    Antworten
    • Hallo Thorsten, tut mir leid, jetzt habe ich Deine Nachricht fast übersehen. Ich muss hier am Blog noch einiges umstellen, es ist alls so unübersichtlich, jedenfalls für mich …

      Ich weiß schon worauf Du anspielst, Sprache verändert sich immer usw. Ja, das stimmt. Aber es kommt immer darauf an inwiefern. Wenn heute alle sagen, dass das schon immer so war und wir die gleiche Entwicklung erleben wie die letzten 2000 Jahre, dann beziehen sie sich immer nur auf die Veränderung unserer heutigen Sprache im Außen. Also um technische Vorgänge zu beschreiben, die Wirtschaft oder einfach für Informationen. Auf diesem Feld mag das schon stimmen.

      Aber es ein anderes Feld, das ich vielleicht die Qualität der Sprache nennen möchte. Und da sehen wir einen Verfall. Wir können immer schlechter über unsere Gefühle sprechen, über abstrakte Gedankengänge und vieles mehr. In unseren Sprachen geht dieser Aspekt immer mehr verloren. Natürlich nicht bei allen Menschen, aber schlag mal eine Zeitung auf, lies im Internet oder einen der modernen Romane. Wo findest Du die Fülle an Nuancen, an verschiedenen Stimmungen und Gefühlsebenen die es früher gegeben hat?

      Natürlich, wenn man Gefühle, die Suche nach dem Sinn im Leben abseits von Geld und Macht, die Verbindung von Gedanken und Emotionen usw. nicht mehr als wichtig erachtet, wenn man sie verdrängt oder vergisst, dann kann man sagen, dass alles ein normaler Vorgang ist.

      Nur leider stimmt das nicht.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

      Antworten

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