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Unterm Birnbaum

Unterm Birnbaum

Ich habe mir letztens die Zeit genommen und einmal die Liste mit den meistverkauften Büchern der letzten Jahre durchgeblättert.

Ganz oben stehen natürlich Krimis und Thriller, gefolgt von Ratgebern und Sachbüchern. Romane findet man erst ganz weit unten, und dann nur als Historienspektakel oder Liebesdrama.

 

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, wieso es gute Literatur heute so schwer hat.

Ich glaube, ein Grund ist, dass die Welt heute ein zu komplexer Ort geworden ist, als dass die Menschen sich in ihr noch zurechtfinden könnten. Da tut es dann wahrscheinlich gut, sich etwa mit einem Krimi zu beschäftigen, der einfach und klar seinen Regeln folgt.  

Eine Tat. Ein Schuldiger. Jemand der sich darum kümmert. Der vor einem Rätsel steht und es alleine durch die Kraft seiner Persönlichkeit meistert.

Der Leser kann sich währenddessen zurücklehnen, alles beobachten und mit wohligem Schauer auf das Ende warten. Um dann das Buch zur Seite zu legen und sich wieder seinem Leben zu widmen.

Ungestört, denn selten bleiben Fragen, die an das Wesen des Menschseins rühren und über das Buch hinaus berühren.

 

Einen anderen Ansatz habe ich im neuen Buch der amerikanischen Autorin J. M. Twenge gefunden. In „Me, My Selfie and I“ spricht sie davon, dass Menschen durch den Einfluss der Neuen Medien auf einer früheren Entwicklungsstufe stecken bleiben. Dass sie immer später erwachsen werden oder als Erwachsene in ihrer Entwicklung zurückfallen.

Mir gefällt diese Theorie und in vielen Punkten bestätigt sie das, was wir Tag für Tag beobachten können.

 

Auch in Bezug auf die schöne Literatur erklärt sie vieles.

Denn gute Literatur wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Sie berührt tiefere Ebenen unseres Seins, lässt uns hinter den Schleier des Alltäglichen blicken und gibt uns tiefere Einsichten in das Wesen des Menschen.

Aber viele von uns sind mittlerweile wie Kinder. Wir wollen spannende Geschichten hören. Geschichten, in denen etwas geschieht und der Kitzel des Neuen nie abreißt.  

Was natürlich auch unserer Zeit geschuldet ist. Denn durch sinnlos verbrachte Jahre vor dem Fernseher oder versteckt hinter banalen Büchern und Gedanken hat sich unser Gehirn verändert und giert nach Spannung und Unterhaltung.

Und wir wehren alles ab, was uns aus diesem Dämmerzustand reißen könnte.

 

Trotzdem möchte ich heute über eine Kriminalgeschichte sprechen. Über die Geschichte eines Verbrechens aus Habsucht. Im Mittelpunkt von „Unterm Birnbaum“ steht nicht die Tat an sich, sondern die Gedanken- und Gefühlswelt eines Mörders und seiner Frau.  

 

Abel Hradscheck ist ein schlechter Wirt. Er spielt, trinkt und wirft sein Geld mit beiden Händen aus dem Fenster.

Vielleicht ist er auch einfach nur unglücklich, denn seine Frau Ursel ist zwar an der Oberfläche angepasst und zufrieden, aber sie konnte sich nie mit ihrem gesellschaftlichen Abstieg und dem Leben einer Wirtsfrau begnügen und versucht, ihre innere Leere mit Luxus und kleinen Geschenken zuzudecken.

Doch durch die zunehmenden Schulden droht das mühsam errichtete Gebäude ihrer Lebenslügen einzustürzen.

 

Abel sieht nur einen Ausweg: den Mord an einem Handlungsreisenden und den Diebstahl des mitgeführten Goldes.

Und so manipuliert er seine Frau, denn er weiß, ihr Albtraum ist es, wieder arm zu werden: „Armut ist das Schlimmste, schlimmer als der Tod.“

 

Doch Abels Frau kann mit dem Geschehenen nicht umgehen. Sie erkrankt und stirbt, unfähig, ihre Gefühle zu verarbeiten und mit ihrer Schuld zu leben.

Hradscheck hingegen plagt das Getane nicht. Auch nach dem Tod seiner Frau lebt er in Saus und Braus, äußerlich unberührt und nur für den Augenblick. Doch unter der Oberfläche bohrt sich der Wurm in seine Seele und vergällt ihm das Leben.

 

Th. Fontane schrieb keinen klassischen Kriminalroman. Vielmehr schuf er ein düsteres Gemälde und zeigt, was ein Verbrechen mit den Menschen macht und wie sehr es sie verändert. Bis zum bitteren Ende.

Eines der wenigen Werke der Kriminalliteratur, das ich gelesen habe und euch empfehlen kann.

 

4 Comments

  1. Ich weiß nicht, ob ich dir in deiner pessimistischen Einschätzung zustimmen kann. „Aber viele von uns sind mittlerweile wie Kinder. Wir wollen spannende Geschichten hören“. War das nicht immer schon so? Geschichten haben die Menschheit doch seit jeher fasziniert. Sie sind das älteste Hilfsmittel, das wir nutzen, um Kindern oder auch Erwachsenen etwas vermitteln. Wissen, Verständnis, Reflexion. Das alles wird nicht nur von hoher Literatur und/oder harter Wissenschaft getragen. Wenn das so wäre, könnte ich ja gleich aufhören, meinen Blog und Podcast zu betreiben oder Bücher zu schreiben. Aber ich tue das weiterhin, weil ich fest daran glaube, dass eine gute Geschichte viel mehr kann, als nur seicht unterhalten. Sie kann vermitteln, sie kann zum Nachdenken anregen – das soll sie sogar.

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    • Hallo Ralf und danke für Deine Antwort.

      Und natürlich hast Du Recht. Spannende Geschichten, Geschichten überhaupt, gehören zu unserem Leben dazu. Sie erklären uns die Welt, geben uns Halt usw.

      Aber es gibt verschiedene Arten von Geschichten, verschiedene Qualitäten, und sie lösen verschiedenes in uns aus. Gute Geschichten, mit einer hohen Qualität, einer schönen Sprache etc., berühren uns und lassen uns wachsen. Geschichten mit einer naiven Sprache und seichten Gedanken machen das Gegenteil. Sie können uns zwar noch unterhalten, aber sie machen uns auch müde und flach.

      Also, ich glaube auch, dass eine gute Geschichte viel mehr kann als nur seicht zu unterhalten. Da habe ich mich einfach nicht klar genug ausgedrückt.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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  2. Hallo,

    du hast sicher zumindest zum Teil Recht mit deinen Gedanken, warum die Menschen so gerne Thriller (oder auch Fantasy oder Liebesromane) lesen. Die Welt ist unglaublich komplex geworden. Wo das Leben sich früher nur bis zum nächsten Dorf erstreckte, gibt es heute zumindest in den Medien und digital keine Grenzen mehr. Der Mensch ist meines Erachtens nicht geschaffen für diese Grenzenlosigkeit.

    Ich gehöre noch zur pre-Selfie-Generation, aber ich habe auch den Eindruck, dass die Menschen zum Teil langsamer oder gar nicht erwachsen werden. Zähle ich mich selber dazu?

    Ich muss zugeben: Ich lese Krimis. Ich lese Fantasy. Nicht nur, aber ja. Aber ich möchte, dass mich Bücher berühren und zum Nachdenken anregen, egal welchen Genres. Vielleicht bewegt sich mein Lesegeschmack deswegen immer mehr zur Gegenwartsliteratur.

    „Unterm Birnbaum“ habe ich sogar gelesen, aber das ist so viele Jahre her, dass ich es jetzt wieder auf meine Leseliste gesetzt habe.

    LG,
    Mikka

    Antworten
    • Hallo Mikka. Schön, dass Du den Gedanken mit dem späten erwachsen werden ansprichst. Ich lese gerade ein sehr interessantes Buch dazu in dem die Autorin dasselbe Problem untersucht und zu interessanten Ergebnissen kommt. Ich dachte sehr lange, dass das nur meine persönlichen Erfahrungen sind. Aber sie zeigt auf, dass das ein Problem unserer Zeit ist und auch, woher es kommt.

      Liebe Grüße,
      Thomas.

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