Paris, Anfang des 19. Jahrhunderts. Es ist der erste warme Tag des Jahres und eine kleine Gruppe, bestehend aus Mitgliedern der feinen Gesellschaft, befindet sich auf einem Ausflug ins Grüne.

Nachdem man die Schönheiten der Natur bewundert hatte, wandte man sich an den Diener, der schon am Vortag einen Platz für das Picknick ausgewählt hatte.

Auf schönen Decken nahm man Platz, aß und trank aufs Vorzüglichste und genoss das perlende Gespräch des stadtbekannten Charmeurs.

Doch plötzlich griff sich dieser an den Hals, röchelte kurz und fiel scheinbar leblos zu Boden.

 

Was klingt wie der Beginn einer schlechten Kriminalgeschichte ist genau so dutzende Male passiert, an den sonnigen Auen Wiens ebenso wie in den Salons von London bis Paris.

Doch schuld daran war weder Gift noch ein eifersüchtiger Nebenbuhler, sondern einfach ein Kleidungsstück, das bald schon den klingenden Namen „Vatermörder“ tragen sollte.

 

Heute sind die Vatermörder kaum noch bekannt, werden sie doch schon seit Langem nicht mehr getragen.

Aber auf zahlreichen Gemälden kann man sie noch sehen, diese hohen, steifen und nach vorne offenen Hemdkragen, deren nach oben abstehenden Enden bis hinauf über das Kinn reichten.

 

Wie sie zu ihrem Namen kamen, ist leider nicht bekannt, doch gibt es einige interessante Geschichten dazu.

Eine spricht davon, dass der Kragen in Frankreich als „parasite“, also als „Mitesser“ oder „Schmarotzer“ bekannt war, da an den langen, nach oben gerichteten Spitzen leicht Speisereste hängen blieben. Vielleicht stammt der Name aber auch daher, dass die Vatermörder auf verschiedene Hemden aufgesetzt werden konnten und deshalb als „parasite“ bezeichnet wurden.

Da diese Mode aus Frankreich kam, übernahmen die Deutschen auch die französische Bezeichnung dafür, aber fälschlicherweise verwendeten sie das von „parasite“ kaum zu unterscheidende Wort „parricide“, was eben „Vatermörder“ bedeutet.

 

Natürlich gibt es auch paar blumigere Versionen über die Herkunft dieses Namens.

So heißt es etwa, dass sich einmal ein betrunkener Familienvater nach einer durchzechten Nacht auf eine Parkbank setzte, um sich auszuruhen. Wobei er sich nicht mehr erheben sollte, denn der steife Stehkragen schnürte ihm die Luftröhre ab und er wurde am nächsten Morgen tot aufgefunden.

Eine andere Geschichte erzählt davon, wie ein aus der Fremde heimkehrender Sohn voll Freude seinen Vater küssen wollte, diesen aber seinen Kragen mit solcher Wucht ins Auge stieß, dass der daran starb.  

Diese und ähnliche Fälle sollten schließlich dazu geführt haben, dass sich die Bezeichnung „Vatermörder“ einbürgerte.

 

Womit wir wieder zu unserer Geschichte vom Anfang zurückkehren können. Durch das Tragen des hohen und engen Kragens konnte es leicht zu einem Blutdruckabfall mit einhergehendem Schwindel kommen, der im schlimmsten Fall zu einem Kreislaufkollaps führte.

Gott sei Dank wussten die beteiligten Herren schon um dieses Problem und so wurde dem armen Mann einfach der Hemdkragen geöffnet, worauf er bald wieder in geselliger Runde den Tag genießen konnte.