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Vom Winde verweht

Vom Winde verweht

Über gute Bücher sollte man nicht schreiben. Entweder man sagt zu viel oder zu wenig, auf jeden Fall sagt man das Falsche und erfasst nur einen Teil des Ganzen.

„Vom Winde verweht“ ist so ein Buch. Ich meine jetzt nicht die Kinofassung, Clark Gable der alle Herzen im Sturm eroberte, sondern wirklich das Buch. Die Geschichte aus den Südstaaten mit all ihren Figuren.

Dazu hätte ich so viel zu sagen, dass das schon wieder ein Buch füllen würde. Doch wer hätte schon die Muße und die Zeit, das zu lesen.

 

Ich weiß nicht, ob das Buch historisch korrekt ist. An manchen Stellen wirkt es ein wenig zu dick aufgetragen.

Die Treue der Sklaven, ihre Gutmütigkeit und ihr Respekt vor dem Überkommenen scheint mir manches Mal zu viel.

Oder dass alle Menschen des Südens edel, gut und aristokratisch sind.

 

Aber trotzdem steckt das Buch voller Wahrheiten. Wahrheiten auf einer höheren Ebene.

 

Es ist wie bei einem Zugunglück. Von außen können wir das Geschehen beobachten und genau sagen, was passiert ist. Wir können genau sagen, wie das Geschehen abgelaufen ist und vielleicht auch, warum es passiert ist.

Aber wie es wirklich war, das wissen nur die Menschen, die im Zug gesessen sind. Und das ist die einzige Wahrheit, auf die es mir manchmal ankommt.

 

Und genauso geht es mir mit diesem Buch.

 

Natürlich ist nicht alles historisch korrekt. Aber das, worauf es ankommt, das findet man nicht in einem Geschichtswerk. Nicht in den Statistiken der Forscher und ihrem kalten Blick von oben.

Sondern in den Runzeln der Alten. In ihren schwieligen Händen und verhärmten Gesichtern.

Und in den stockenden Pausen jener, die versuchen, davon zu erzählen.

 

Das Buch hat so viele Ebenen, dass ich ihm niemals gerecht werden kann. Egal wie lange ich darüber spreche.

Es erzählt seine Geschichte. Von einer jungen Frau. Von einem Land, das blutet. Von einer Welt im Umbruch.

 

Aber darunter enthält es noch so viel mehr.

 

Was passiert mit Menschen, die aus ihrer Welt gerissen werden? Die nur für sie gemacht scheinen, nur in dieser Kultur wachsen und gedeihen können? Und die sie dann verlieren?

Werden sie jemals wieder alleine stehen können?

 

Sind die Menschen der Tat immer die roheren Zeitgenossen? Fußt eine Kultur nicht auf dem Schweiß, der Anstrengung und der Arbeit dieser Leute?

Aber ist es nicht im Gegensatz die Kultur die sie erschaffen, die uns zeigt, dass wir mehr sind als das?

 

Die Menschen, die eine Kultur aufbauen, werden nie in ihr leben können. Dazu ist ihr Leben zu kurz.

Und die Menschen, die in einer Kultur aufwachsen, mit ihr verbunden sind, nur in ihrer Luft atmen können, sind vielleicht zu schwach, eine neue aufzubauen.

Das jedenfalls ist das traurige Resümee von M. Mitchell.

 

Das Buch hat zwei Stellen, die mich besonders berühren.

 

Die erste ist, als die geschlagene Armee vorbeizieht. Als Rhett Buttler auf dem Kutschbock sitzt und ihr nachsieht.

Und sein Herz zu schlagen beginnt, weil hier die Blüte seiner Kultur in den Untergang geht. Die Menschen, die seine Welt ausmachten. Geschlagen, gedemütigt, am Ende.

Wie sein Herz zu schlagen beginnt und ihn die Sehnsucht ruft. Und er die Frau verlässt, die er liebt, weil er einfach gehen muss.

 

Und die zweite, als er sich aus Liebe zu seiner Tochter der Gesellschaft annähert, die er so sehr verachtet. Wie er ihre Abneigung überwindet, ihren alten Groll, vor allem aber seine eigenen Gefühle hintanstellt, um für seine Tochter einen Platz zu schaffen.

Um ihr ein schönes Leben zu schenken, das einzige das für Kinder zählt. In der Obhut ihrer Familie und in einer Umgebung, die sie achtet und liebt.

 

Ich glaube, dass es in der gesamten Literatur keinen zweiten Mann wie Rhett Butler gibt.

Der aufrecht seinem Herzen folgt, bis zum Ende.

 

Und, natürlich, das Ende. Als er sagt: „Mein Kind, es ist mir ganz gleichgültig.“

Das ist schön.

Zwar traurig, voller Härte und Schmerz, aber in seiner Absolutheit ist es wunderschön.

 

 

Alle Zitat stammen aus dem Buch „Vom Winde verweht“ von Margaret Mitchell, in der Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach

 

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