Standen Sie schon einmal vor einer Person und fragten sich, ob Sie diese mit „Sie“ oder „Du“ ansprechen sollten? Womöglich haben Sie sogar versucht, diesem Problem mit umständlichen indirekten Formulierungen zu entgehen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein wäre Ihre Auswahl noch größer und komplizierter gewesen, gab es doch gleich vier bzw. fünf verschiedene Anredepronomina!

 

Die Anrede hat in der deutschen Sprache seit jeher einen besonderen Platz inne – als Zeichen von Höflichkeit, Vertrauen oder gelegentlich als verbale Hürde. Das Journal des Luxus und der Moden prangerte im Jahre 1787 die mangelnde Transparenz dieser im Alltag so wichtigen Angelegenheit an und darf als Grundlage dieser Betrachtung dienen.

Das „Du“ (Beispiel: „Bist Du des Wahnsinns?“) wurde früher wie heute besonders in vertrauten Verhältnissen verwendet. In Familien war es die Anrede von Eltern an ihre Kinder, zwischen Geschwistern und in vielen (– nicht in allen!) Fällen unter Eheleuten. Ferner sprachen sich gute Bekannte gerne mit „Du“ an. Vor allem aber war das „Du“ in den niedrigen Ständen verbreitet. Zudem pflegte der Adel über lange Zeit, seine Untergebenen mit „Du“ anzusprechen, was sich aber im Laufe des 18. Jahrhunderts stark veränderte – denn nun „Ihrzte“ man Mägde und Knechte. 

 

Gut zu wissen: Das Journal bemerkt – durchaus kritisch –, dass Menschen jüdischen Glaubens mit „Du“ angesprochen und damit bewusst erniedrigt wurden. Dass sogar Gesinde höher angesprochen wurde, lässt Rückschlüsse auf die Gesellschaftsstruktur und den gelebten Antisemitismus jener Zeit zu.

 

Das einst hochgeschätzte „Ihr“ (Beispiel: „Seid Ihr des Wahnsinns?“), das aus heutiger Sicht eher edel anmutet, erfuhr im 18. Jahrhundert einen Niedergang. Denn so sprach nun der Herr seinen Diener an, der Bürger den Bauern, der Handwerker den Gesellen. Zudem sprach man Unbekannte, die augenscheinlich niederen Standes waren, mit „Ihr“ an.

Eine größere Ehre war es nun vielmehr, wenn man mit „Er“ angesprochen wurde (Beispiel: „Ist er des Wahnsinns?“; weibliches Pendant: „Ist sie des Wahnsinns?“), was zwischen Handwerksmeistern oder obrigkeitlichen Personen „nach dem alten Schlage“ (Journal, S. 368) verbreitet war, aber gleichermaßen alternierend zu „Du“ unter Freunden verwendet wurde. Da sich das „Er“ allerdings zunehmend gegenüber Bediensteten etablierte, war den gesellschaftlich höherstehenden Personen zur Abgrenzung das „Sie“ vorbehalten (Beispiel: „Sind Sie des Wahnsinns?“). Das Journal führt aus, dass das „Sie“ gerne gegenüber Amtspersonen verwendet wurde, um diese milde zu stimmen. Insbesondere in der Pfalz und am Main im Hessischen habe das „Sie“ Einzug in die Anrede zwischen Ehepartnern gehalten, was der Verfasser seinerzeit für durchaus bemerkenswert hielt.

Doch nicht nur in der Rückschau hört sich all das kompliziert an, denn selbst unter den Zeitgenossen verursachten die Anredepronomina Probleme: Wenn mancher Landadlige auf Reisen in alter Gewohnheit selbst hoch angesehene Juristen und Ärzte mit „Er“ ansprach, wie er es mit ein jedem auf seinem Landsitz pflegte, verursachte das „vielmals gar eigene Scenen“ (Journal, S. 369.). 

 

Gut zu wissen: Als „Sie“ wurden zumeist Personen mit dem Titel „Herr“ oder „Dame“ angesprochen. Durch die Verbreitung der Anrede „Sie“ verbreiteten sich auch die noch heute gebräuchlichen Titel „Herr/Dame“ in weiteren Kreisen.

 

Der Theorie ist hiermit Genüge getan, deshalb ein praktisches Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie laufen im Jahre 1787 durch die Stadt. Begegnet Ihnen eine Person von höherem Stand, sprechen Sie diese mit „Sie“ an, den Diener allerdings mit „Ihr“ oder höflicher mit „Er“, denn er steht sowohl unter Ihnen als auch seinem Herrn. Ihren eigenen, geschätzten Diener, der Sie auf Ihrem Spaziergang begleitet, nennen Sie ebenfalls „Ihr“ oder „Er“, während Sie Ihren Knecht daheim, den Sie nicht so gut leiden können, mit „Du“ ansprechen. Auf dem Weg durch die Stadt werden Sie von zwei Fremden nach dem Weg gefragt. Während Sie die eine, besser gekleidete Person siezen, sprechen Sie die ärmlicher aussehende Person mit „Ihr“ an.

Kurzum: Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es unzählige Regeln und Ausnahmen, die man beachten musste, um bei seinem Gegenüber keine Missstimmung zu verursachen. Die Anredeformeln waren durch gesellschaftliche Hierarchien und Normen geprägt, die für jeden spürbar und präsent waren. Anredepronomina waren (und sind noch heute!) kleine, aber mächtige Instrumente zwischenmenschlicher Beziehungen, auf denen zu spielen gelernt sein will.  Der Aufbruch, den das Journal 1787 in den sprachlichen Gepflogenheiten herbeisehnte, fügt sich rückblickend wunderbar in den aufgeklärten Zeitgeist am Vorabend der Französischen Revolution ein.

 

Zwei letzte Erkenntnisse: Um bei einer Zeitreise ins 18. Jahrhundert nicht aufzufallen, braucht es mehr als nur gut recherchierte Kleidung. Und falls Sie das nächste Mal zwischen „Du“ oder „Sie“ schwanken, haben Sie jetzt ausgezeichnete und altbewährte Alternativen.

 

 

Quellen:

Bertuch, Friedrich Justin (Hg.): Ueber alte und moderne Sprach-Sitte, und Art, sich in verschiedenen Ständen mit Unterschied anzureden, in: Journal des Luxus und der Moden, Weimar 1787, S. 364-374.

Grimm Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, https://www.woerterbuchnetz.de/DWB, abgerufen am 12.02.2021:

  • Duzen, Bd. 2, Sp. 1775.
  • Erzen, Bd. 3, Sp. 1086.
  • Ihrzen, Bd. 10, Sp. 2059.
  • Siezen, Bd. 16, Sp. 963.

 

(A.M.)